Sonntag, 20. Mai 2012

HITO STEYERL ZU GAST - Filme & Gespräch


Dienstag 22.05.2012
vorgestellt von Hito Steyerl




FILME:

IN FREE FALL | Deutschland 2010 | 32 Min, Farbe | Regie: Hito Steyerl | engl. hebr. & dt. mit  engl. Untertiteln

DIAL H-I-S-T-O-R-Y | Belgien/Frankreich 1997 | 68 Min, Farbe und Schwarz-Weiß | Regie: Johan Grimonprez | engl. m. dt. Untertiteln


Im Anschluss an die Vorführung steht die Filmemacherin für ein Publikumsgespräch zur Verfügung.


Erforsch- und Erfahrbarkeit von Geschichte und die Transformationen als auch der Eigensinn zirkulierender Bilder sind zwei, stets verknüpfte Stränge in den Filmarbeiten von Hito Steyerl.
Steyerls jüngste Filmarbeit In Free Fall (2010) seziert und verknüpft Bildgeschichten in deren Zentrum ein Flugzeugfriedhof in der amerikanischen Wüste steht, der auch der Endpunkt der Objektgeschichte eines spezifischen Flugzeugs ist. In einem Triptychon aus "After the Crash", "Before the Crash" und "Crash" werden Fäden gesponnen und Fährten nachgespürt, die das materielle und bildliche Recycling von Flugzeugen mit der Finanzkrise der Jahre 2008ff, dem Lebenszyklus von DVDs, den von der amerikanischen Immobilienkrise verursachten Kalamitäten von Steyerls Kameramann, realen Flugzeugentführungen und ihren medialen Dopplungen etc. miteinander in Verbindung setzen.

In Free Fall wird zusammen mit dial H-I-S-T-O-R-Y präsentiert. Johann Grimonprezs Video-Arbeit von 1997 erzählt eine Geschichte der Flugzeugentführung und ihrer televisionären Repräsentation.
Als gefährliche Geschichten stehen die Filme vielfältig miteinander in Korrespondenz. Am Objekt des Flugzeugs als Kristallisationspunkt ansetzend sind beide Filme in ihrer Art Katastrophenfilme, in einem Fall (Terrorismus) Katastrophen einer extremen Individualität, in anderem Fall (Finanzkrise) Katastrophen der Transzendenz individueller Wirkmächtigkeit. In ihrer Kaskaden-haften Form setzen sie eine Befragung der Lesbarkeit von Geschichte und der Wirkungsmacht von Bildern in Szene. Die unhintergehbare, wechselseitige Durchdringung von Geschichte und Bild wird zum hintergründige Kulminationspunkt beider Erzählungen.

Hito Steyerl lebt als Filmemacherin und Autorin in Berlin.

Werke: (Auswahl)

Deutschland und das Ich (1994)
Land des Lächelns (1996)
Babenhausen (1997)
Normalität 1-10 (1999-2001)
November (2004)
Lovely Andrea (2008)
Journal No. 1 - An Artist's Impression (2008)
Die Farbe der Wahrheit (Essays / 2008)
Jenseits der Repräsentation (Essays / 2012)

Hito Steyerl bei ubuweb: http://www.ubu.com/film/steyerl.html

Essays & Biographie bei EIPCP: http://eipcp.net/bio/steyerl

Montag, 14. Mai 2012

NO QUARTO DA VANDA - Pedro Costa

Dienstag 15.05.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Sebastian Markt



NO QUARTO DA VANDA | Portugal 2000 | 170 Min. | Regie & Kamera: Pedro Costa | Schnitt: Dominique Auvray | Darsteller: Vanda Duarte, Lena Duarte, Zita Duarte uvm.


ACHTUNG: 
Wegen Überlänge fangen wir heute absolut pünktlich um 20:00 Uhr an !!!

In Vandas Zimmer sitzt Vanda mit ihrer Schwester, oder allein und raucht Heroin. Sie sitzt meist auf ihrem Bett, der Film wird die Räumlichkeit des Zimmers nie vollständig auflösen, aber man hat den Eindruck, viel mehr als ein Bett hat hier nicht Platz. Sie rauchen und reden und streiten und Vanda hustet ihren schrecklichen, asthmatischen Husten.

In Vandas Zimmer kommt ein reger Strom an Besucher/inne/n. Probleme werden besprochen, manchmal gelöst und manchmal nicht, Nachrichten ausgetauscht, und Neuigkeiten verbreitet, Verhandlungen geführt. Erinnerungen und Erzählungen beschwören die Abwesenden: die Toten und die Weggegangen, die im Gefängnis sitzen, verblichene Entwürfe von sich selbst, und entwischte, und die, zu denen das Leben auf andere Weise die Verbindungen verschüttet hat.

Dazwischen verlässt der Film das Zimmer, unternimmt Exkursionen durch die unmittelbare Umgebung, begleitet Vanda auf ihrer Runde beim Gemüseverkauf, stattet dem Nachbar Besuche ab, wo das Heroin gespritzt wird und Versuche unternommen werden, aus der Behausung eine Wohnung zu machen, sieht zu wie wand für Wohnung für  Haus der Slum abgerissen wird und Platz gemacht wird, ja wofür eigentlich?

In Vandas Zimmer drängen die Geräusche von draußen, Musik und Stimmen, der Krach den die Leute machen und der Krach den die Abbruchmaschinen machen. Still ist es selten. So sehr die enge Kammer das Bild einer Zelle heraufbeschwört, so durchlässig sind die Wände für die Umrisse einer brüchigen Welt, im Off des Soundtrack ständig präsent, während im On des Bildes und des Dialogs ein nicht endender Reigen von Gesprächen und Unterhandlungen eine prekäre Sozialität evoziert, Ausrisse aus einer Morphologie des Lebens und Überlebens in Fontainhas.

In Vandas Zimmer hat Pedro Costa ein Jahr lang gedreht, mit einer kleinen DV Kamera, ohne zusätzliches Licht, meist ohne zusätzliches Team. In TOUT REFLEURIT: PEDRO COSTA, CINÉASTE begleitet Aurélien Gerbault den Regisseur bei der Arbeit an JUVENTUD EM MARCHA. In einer langen Szene steht Costa dort wo früher Vandas Haus war. "Ich zeig dir wie Kino geht, es ist ganz einfach," sagt er, und beschreibt wie er Tag für Tag mit dem Bus nach Fontainhas fuhr, hier einen Kaffee trank, dort in die Wohnung der Duartes ging, da bei Vanda im  Zimmer saß, rauchte, zuhörte, filmte, drüber beim Nachbar Tango vorbeischaute, während er in den Schutt die Umrisse einer Welt zeichnet, die so nicht mehr ist.

"At one point in Pedro Costa’s In Vanda’s Room, there’s a scene that plays like a Jacques Tati gag. Pango, one of the addicts the film follows, is in the house he’s just squatted. He finds an abandoned drawer, which he places horizontally on the floor, with its bottom end facing up. He takes a drag on his cigarette, and sees an improvised bench. He doesn’t like it. He lifts the drawer again, and this time he places it vertically, with the open end facing towards him. He sets off to find a piece of wood, and forces it into the middle of the drawer. He’s just made a wardrobe.

This is a mere detail in a film in which domestic chores are omnipresent and even compete with the rituals of drug consumption, both activities being part of the daily routine always taking place inside the house. In any case, Pango’s gesture is useful, both for himself and for Costa. While the bulldozers outside are reducing the streets and houses of Lisbon’s Fontainhas neighbourhood to dust, both character and film-maker reuse what they can from the debris and abandoned materials. They don’t bring them in from the outside – they are already there. Since he started filming in digital, Costa has referred to his new production model as something revitalising, freeing him both from the weight of cinema and from everything that comes between the camera and what is being filmed."

Miguel Gomes: Serenity

Sonntag, 6. Mai 2012

OSSOS - Pedro Costa

Dienstag 08.05.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Sebastian Markt


OSSOS | Portugal 1997 | 98 Min. | Buch & Regie: Pedro Costa | Kamera: Emmanuel Machuel | Schnitt: Jackie Bastide | Darsteller: Vanda Duarte, Nuno Vaz, Mariya Lipkina, Isabel Ruth, Ines de Medeiros 



Was man sehen kann:
Zu aller erst das Bild einer Frau die auf etwas blickt, worauf, weiß man nicht, ein Gegenschuss wird nicht aufgelöst. Die Kamera ist es nicht, am Publikum geht dieser Blick vorbei. Sie wird, ohne jemals zu sprechen, immer wieder in diesem Film zu sehen sein, immer in ihrem Blick auf die Dinge ruhend, Dinge, das heißt das Leben in Estrela d'Africa einem Slum im Lissabonner Viertel Fontainhas. Bewohner des Films spielen Figuren, die in Handlungen um ein Kind verstrickt sind, nach dessen Geburt der Film einsetzt.  Figuren und Handlungen die erst der Film erschafft. Costa nennt den Film dokumentarisch.
Was man da sehen kann. Ob die Wirklichkeit ins Kino kommen kann. Ob die Wege dahin andere als Umwege sein können.

Was man sehen kann:
Eine Mutter und deren neugeborenes Kind, die, nicht ganz ohne Widerwillen, ohne Zögern, von ihrer Nachbarin aus der Klinik abgeholt werden. Ein Mutter die versucht, sich und ihrem Kind das Leben zu nehmen. Einen Vater, der - nicht ohne Verzweiflung - das Kind retten will, und das Kind verkaufen will. Eine Nachbarin, die versucht zu verhindern, dass alles auseinander fällt. Eine Krankenschwester, die sich mit unklarem Ziel in die familiären Zusammenhänge involviert.
Einstellungen von Räumen und Zwischenräumen die in ihrer aufgeräumten Schäbigkeit nie ganz frei von Spuren des Erhabenen sind, Nahaufnahmen von Gesichtern, die in ihrer Offenheit und Direktheit soviel verbergen wie sie offenbaren, Einstellungen von Verrichtungen, die man, wären sie anders in Szene gesetzt, alltäglich nennen und übersehen würde. Ganz am Ende, in der letzen Einstellung, wird die Mutter des Kindes durch den Türspalt einen Blick nach draussen werfen, wieder ein Blick ohne auflösenden Gegenschuss. Und dann schließt sie die Türe.

Wenn Pedro Costa von seinen Filmen spricht, dann erschließt sich in seinen Erzählungen ein Film aus dem nächsten, nicht als Fortschreiten, mehr als Reagieren auf den wahrgenommen Mangel an der Arbeit des vorhergehenden, eine Konsequenz der Unzufriedenheit als Vektor der Arbeitsweisen.
Auf den Weg nach Fontainhas kam Costa durch den vorhergehenden CASA DE LAVA, gedreht auf den Kapverdischen Inseln. In Costas Beschreibung verhält er sich zu seinem Film aus Unbehagen an der Kino-Maschinerie in einer Form, die an Sabotage grenzt, kommt dabei aber den Einwohner/inne/n immer näher, die ihm schließlich Briefe und Geschenke für Verwandte und Freund/inn/e/n in Portugal mitgeben. Als Bote erhält er so den Schlüssel der ihm erlaubt Zutritt in die marginale Welt von Fontainhas zu erhalten, einer Gegend die außerhalb der Polizeinachrichten kaum Repräsentation findet.
Dort dreht Costa dann OSSOS, fast ausschließlich mit Laien und einem Drehbuch, das erst aus dem Vorortsein und dem Kennenlernen der Leute und ihrer Geschichten entsteht, aber durchaus noch unter der Maxime: "shoot first, ask questions later."  NO QUARTO DA VANDA entsteht drei Jahre später, mit einem nur noch rudimentären Team, das oft nur aus ihm selbst besteht, im Laufe von zwei Jahren. Pedro Costa erzählt, dass, als er Vanda, der zentralen Darstellerin/Figur der Trilogie, zum ersten Mal begegnete, diese gebückt über den improvisierten  Abwasser Kanal des Slums fand, mit einem großen Küchenmesser, beim Versuch etwas zu reparieren. Diese wunderbare, widersprüchliche Frau, erzählt er, die sich mit ihrer Drogensucht selbst zu Grunde richtete, und dabei versuchte, etwas zu reparieren in ihrer Welt. Und Pedro Costa erzählt, dass sie sich darin gleichen, im Gebrochenen, und dass auch er, Costa, versuche, mit seinen Filmen etwas zu reparieren, in der Welt.

Ob das geht.

Freitag, 20. April 2012

DIE STÄMME VON KÖLN - Anja Dreschke

Dienstag 24.04.2012
19:00 Uhr
vorgestellt von der Regisseurin Anja Dreschke



DIE STÄMME VON KÖLN | D 2010 | 89 Minuten |Buch & Regie Anja Dreschke| Kamera Olaf Hirschberg, Anja Dreschke, Sebastian Woithe | Montage Julia Wiegand, Gerrit Lucas, Volker Gehrke | Ton Thorsten Czart, Alex Czart, Christoph Matthiä | Dramaturgische Beratung Gesa Marten | Wissenschaftliche Beratung Erhard Schüttpelz | Produktionsleitung Julia Meyer | Produzenten Olaf Hirschberg & Tom Schreiber | Produktion 58Filme | Koproduktion WDR | Redaktion Jutta Krug | Förderung Filmstiftung NRW | Verleih & DVD Realfiction



ACHTUNG: 
Die Veranstaltung beginnt um 19:00 Uhr im Kinosaal des Sputnik Kinos !!!




Als Kölner Stämme bezeichnen sich rund 80 Vereine aus Köln, deren Mitglieder sich als Hunnen, Mongolen, Wikinger, Indianer oder Afrikaner verkleiden und einen Großteil ihrer Freizeit der Herstellung aufwendiger Kostüme, Waffen und Zelte widmen. Und das nicht nur im Karneval. Während der Sommermonate campen sie in Kölner Grünanlagen, um gemeinsam mit der Familie, Freunden oder Arbeitskollegen die Lebenswelten 'fremder' Völker und vergangener Epochen nachzuspielen. Höhepunkte dieser Zeltlager sind inszenierte Rollenspiele mit denen das Leben am Hofe Attilas oder Dschingis Khans in Szene gesetzt wird. Angeleitet werden diese Spektakel von den Vereinsschamanen, die für die anderen Mitglieder auch Initiationsrituale, Hochzeitsfeiern und manchmal sogar Beerdigungszeremonien durchführen. Dabei mischen sich Elemente verschiedener ritueller Praktiken und Traditionen – vom lokalen Karnevalsbrauchtum bis zum sibirischen Schamanismus. Um diesen kreativen Prozess der Aneignung und Transformation der 'eigenen' und 'fremden' Kultur(en) zu erforschen, hat die Ethnologin und Filmemacherin Anja Dreschke die Kölner Stämmen über mehrere Jahre begleitet.


"Die Stämme von Köln zeigen das Behagen in der Gegenkultur. Anja Dreschkes Film, der mehr ist als nur eine Ethnologie des Inlands, beschreibt und erlaubt das elementare Vergnügen sich selbst im Anderen wiederzuerkennen. Und so lassen sich vor den Toren der Stadt, wenn im Sommer die Hunnen und Mongolen ihre zahlreichen Lager aufschlagen, einige Visionen erhaschen – von dem Entstehen, der Blüte und Ausbreitung von Kultur – durch Kostümierung. Die Beschäftigung mit etwas Fremden wirkt kindlich, wenn sie spontanem Wohlgefallen folgt. Es wird stattdessen ernst genommen, wer sich nur möglichst umständlich von oben über etwas beugt. Bewunderndes Aufschauen, Imitieren und Sich-hinein-Versenken – all das gilt nicht als seriöse Erkenntnismethode, doch jede Kultur ist letztlich Schmuck und Schminke, Maskerade und Mobiliar: ein Gemisch aus Erfundenem und Erbeutetem. Eigentlich schön, sich vorzustellen, dass sich die etablierten Instanzen des deutschen Dokmentarfilmfestivalbetriebs von diesem herrlichen Film pikiert abwenden, ganz so wie die großen uniformierten Karnevalsvereine an den faszinierenden Kölner Stämmen gebannt vorbeischauen. Kino und Karneval sind lustige Geschwister der Religion. Denn auch das unbequemste Kostüm ist ein bequemes Heraus aus der nicht selbstgewählten Welt. In besonderen Fällen ein an- und ausziehbares Jenseits."

(Rainer Knepperges, new filmkritik & SigiGötz-Entertainment)


"Achtzig Stämme siedeln heute auf Kölner Grund, darunter zwar auch Wikinger, Indianer und Afrikaner – in Köln funktioniert die Multikulturalität –, aber die asiatischen Reitervölker dominieren. Jeder Stadtteil, der auf sich hält, hat seinen Hunnenclan; oft treffen mehrere Attilas aufeinander. Auch Mongolen und Awaren sind stattlich vertreten. Technisch gesehen, handelt es sich um Vereine, die schräge Sommercamps in den Grünanlagen veranstalten. Von den Kostümen bis zu den Jurten ist dabei alles liebevoll gestaltet, halb historisch, halb phantastisch. Vom Karneval hat sich das Live-Rollenspiel längst emanzipiert, zumal die Wilden vom Rhein am Rosenmontagszug, dieser preußischer als das Original gewordenen Preußenverulkung, nicht einmal teilnehmen dürfen. Fremdvölker, so hat das Festkomitee des Kölner Karnevals ganz ernsthaft dekretiert, gehörten nämlich nicht zum Brauchtum."

"Dass die Grenzen zwischen Verkleidungskult und Kultgemeinde fließend sind, zeigt sich schließlich ganz deutlich daran, dass – bei allem Humor – ein Häretiker-Bewusstsein entstanden ist: Die Urreligion haben diese exogenen Traditionalisten in sich wiedergefunden, die „Zwangsverchristlichung“ („Wat willste machen? Als Baby wirste jetauft“) abgeschüttelt. Dass ausgerechnet Karnevalisten einen solchen Überbau der Kulturreflexion errichten, ist so besonders wie dieser Film."

(Oliver Jungen, Frankfurt Allgemeine Zeitung)


Anja Dreschke ist Ethnologin und Filmemacherin. Sie studierte Ethnologie, Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln mit den Schwerpunkten Visuelle Anthropologie und Medienethnologie. Derzeit ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen in einem Forschungsprojekt über »Trancemedien und Neue Medien« und arbeitet mit Martin Zillinger an einem Filmprojekt über »Islamische Performance-Kunst marokkanischer Bruderschaften: Rituelle Choreographien und ihre Medien«. Ihre gemeinsam realisierte Videoinstallation »Trance/Media. The Isawa in Morocco 1992-2011« wird gerade in der Ausstellung »Animismus« im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt. Daneben unterrichtet sie als Lehrbeauftragte Visuelle Anthropologie und Medienethnologie an der Universität zu Köln. Seit 2000 ist sie als freie Autorin (u.a. für den WDR-Hörfunk) und Kuratorin in den Bereichen Ethnologie, Film und Kunst tätig und hat u. a. für den Filmclub 813 und das Internationale FrauenFilmFestival Feminale verschiedene Filmreihen realisiert. Die ethnografische Langzeitstudie über »Die Stämme von Köln« entstand im Rahmen ihrer Dissertation und ist ihr Debütfilm.


LINK:
www.staemmevonkoeln.de

Samstag, 14. April 2012

STERNE - Frank Wierke

Dienstag 17.04.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Regisseur Frank Wierke




STERNE | DE 2010 | 81 Minuten | deutsche OF | Regie, Produktion, Buch, Kamera, Ton: Frank Wierke | Montage: Frank Wierke, Beate Middeke | Produktion: Wierke Film mit ZDF/3sat | Redaktion: Udo Bremer


Der Film STERNE: Der Filmemacher Frank Wierke begleitet die Band über ein Jahr lang allein, ohne Team, ohne künstliches Licht und Stative. Direct Cinema: Einlassen auf das Unvorhersehbare, das scheinbar Nebensächliche, ohne Inszenierungen und Interviews. 2009: Proben, Konzerte, Termine. Eine neue Platte entsteht, und darin eine Neu-Ausrichtung, Definitionen, Perspektiven, Ideen. Ein DJ/Produzent aus München kommt hinzu - und die Sterne sind nur noch zu dritt. Und Frank Wierke mit der Kamera dazwischen, immer wieder: dieses Fragen, Suchen und Aufpassen, da zu sein, oder nicht. Verwebungen. Kontexte. Alltag. Wie entstehen die Texte von Frank Spilker? Wie entsteht ein Song? Wie geschieht das Zusammenspiel, und was ist die Band? Wo führt das hin? 40 Stunden Material werden zu 80 Minuten Dokumentarfilm.


"Wierkes selbstgeführte Kamera ist so nah, dass man beginnende Plauzen, Platten und Augenringe erkennt, dass man den Protagonisten tatsächlich über die Schulter schauen kann, um zu sehen, was sie sehen. Und um festzustellen, wie die Zeit für den Rock n Roll an sich zusammengeschnurrt ist, und wie viel Platz das Hocken vor Bildschirmen und die Gespräche über Vermarktung, Strategien, Geld einnehmen müssen: Die Sterne haben die neue Platte selbst herausgebracht, ein Versuch, erklärt der Bassist Thomas Wenzel, wenn es klappt, überlegt man, ob man so weitermacht, ob das System "Neue Platte/Tour" für einen noch funktioniert.

Spilker, Verhandlungsführer und Lieblingsinterviewpartner bei den Promo-Terminen für das Album, lässt sich tief in die Karten gucken, nennt Zahlen, Daten, Hintergründe für Entscheidungen. Alles andere wäre auch verlogen: Die Sterne standen und stehen bei vielen ihrer Fans vor allem für Authentizität. Und Wierkes Kamera bildet genau das ab, gleitet mal beiläufig über die Studiowände, über Löcher im Putz und Dreck auf dem Boden, mal zeigt sie die Schuhe der Musiker, die im Takt wippen. " (Jenni Zylka, TAZ)


„Vor etwa einem Jahr war ein Dokumentarfilmer bei mir zu Gast. Der Dokumentarfilmer war sehr nett, trotzdem muss man sich erstmal daran gewöhnen, wenn man einen Dokumentarfilmer in Ausübung seiner Tätigkeit in der Bude herumstehen hat. Ich schreibe das vor allem für Leute, die vielleicht auch mal einen Dokumentarfilmer bei sich zu Gast haben könnten. Der Dokumentarfilmer arbeitete an einem Film über die Band Die Sterne und wollte ein paar O-Töne von mir haben. Da sich der Dokumentarfilmer in der Tradition des Cinéma vérité sah, wies er mich an, mich möglichst meinen normalen Alltagsgewohnheiten entsprechend zu verhalten, während ich über Die Sterne plauderte. Das fiel mir nicht schwer und so machte ich erstmal einen Kaffee. Der Dokumentarfilmer filmte daraufhin in meine Küchenspüle hinein, wo sich beschmierte Nutella-Messer und anderer Dreck befanden. „Na, das macht jetzt wohl einen nicht so guten Eindruck" dachte ich zwar, plauderte aber munter weiter.
Der Dokumentarfilmer heißt Frank Wierke. Vor ein paar Tagen nun rief er mich an und berichtete, dass sein Sterne-Film nun fertig sei, allerdings seien meine Szenen komplett der Schere zum Opfer gefallen. Ich habe den Film eben gesehen und kann nicht behaupten, dass dieser Umstand dem Endergebnis sonderlich schaden würde.
Wierkes Film ist keine blöde Rockmusiker-Doku. Es ist ein wackeliger Film über eine wackelige Band. Tatsächlich passen Wierke und Die Sterne perfekt zusammen: Wie anders könnte man diese ewige Schülerband, diese etwas hüftsteife Funk-Gruppe, diese Slogan-feindlichen Slogan-Lieferanten, deren kluge Lieder sich immer wieder um Selbstausbeutung halb-selbstverwirklichter Dauerkreativer ranken, darstellen, als mit einer wackeligen Handkamera?“
(Eric Pfeil, FAZ Poptagebuch)


Trailer:

http://www.youtube.com/watch?v=rKhjkkKobfc


Montag, 9. April 2012

HANS IM GLÜCK - Peter Liechti

Dienstag 10.04.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Maik Teriete




HANS IM GLÜCK | Schweiz 2003 | 90 Min. | Regie: Peter Liechti | Buch: Peter Liechti | Text: Peter Liechti | Kamera: Peter Liechti| Schnitt: Tania Stöcklin | Ton: Dieter Lengacher | Musik: Norbert Möslang


«Hans im Glück» ist die Geschichte von einem, der auszieht, das Rauchen loszuwerden. Dazu unternimmt er einen Fussmarsch von Zürich, seinem jetzigen Wohnort, nach St.Gallen, der Stadt, wo er aufgewachsen ist. Er hat sich vorgenommen, diese Strecke - auf immer wieder anderen Routen - so oft zu wiederholen, bis das Ziel erreicht ist. Durch das rituelle Abschreiten der Landschaft und das strikte Rauchverbot, das er sich auferlegt unterwegs, erhofft er sich am Ende die Befreiung von seinem Laster.
Alle Bilder, «Erkenntnisse» und Erinnerungen, die er auf seinen Nichtraucher-Märschen erwandert, bilden schliesslich den Fundus zu dieser Heim-Suchung eines Rauchers: eine filmische Himmel- und Höllefahrt quer durchs Vaterland - mit gelegentlichen Abstechern weit über die Grenzen hinaus.

«Hans im Glück» ist ein Roadmovie für Fussgänger. Eine Widmung an alle Raucher und anderen Abhängigen, an alle Pechvögel und (trozdem) Anständig-Gebliebenen - und natürlich an den Hans im Glück.

«Seit das Rauchen kein Problem mehr ist, wird mir das Denken zum Problem. Kaum hör' ich auf mit dem Rauchen, fang ich schon an mit dem Denken. Wo früher das Denken gewissermassen limitiert war, da denk' ich heute völlig ungebremst drauflos. Das bedeutet nicht grössere Denkschärfe oder Denktiefe, vielmehr ist es eine Art gedankliches Hyperventilieren. Schon gegen mittag hat sich mein Denken im Grunde erschöpft bei dieser Gedankenraserei - dann geht's aber den ganzen Tag noch weiter.» Peter Liechti

(Quelle: Homepage Peter Liechti)

Off-Texte aus dem Reisetagebuch-Homepage Peter Liechti:

«Im Hotel «Ring» werde ich per Telefon zum Frühstück gerufen; es ist halb neun, und eine Frauenstimme sagt: «In zehn Minuten wird abgeräumt...». «Ja», sag’ ich vollkommen verdattert, «ich komme sofort...» - ich fand es ja von anfang an etwas seltsam hier.

«Sie sind doch der Schnarcher von Zimmer 8 ?», empfängt man mich dann unten - wer sagt da schon gerne «ja»? Auch die ganzen Spiegel machen mich nervös, das viele Glas rundum - ein schriller Ton, und der ganze Laden liegt in Scherben. Sie sammle Antiquitäten, sagt die Chefin, und es sei halt furchtbar schwer, sich wieder zu trennen von den Sachen. Mit den Gästen scheint sie diesbezüglich keine Probleme zu haben; je eher man sie los wird, umso besser...»

(Quelle: Homepage Peter Liechti)

„Da Peter Liechtis Filme zuerst und zuletzt von ihm handeln, liegt auf der Hand, dass sie den Einsatz der ganzen Person erfordern. Autorenfilm im herkömmlichen Sinn bedeutet, dass neben der Regie auch Drehbuch beziehungsweise Idee und Konzept vom Filmemacher stammen sowie, je nach den Umständen, Kamera und Montage. Liechti ist Autorenfilmer in jenem absoluten Sinn, für den Filmen stets auch das eigene Leben meint, und ist damit im landläufigen Verständnis Künstler. Seine ersten filmischen Arbeiten aus den Jahren 1983 bis 1987 hat der ehemalige Medizin- und Kunstgeschichtestudent, der das Diplom als Zeichenlehrer besitzt, als Experimentalfilme bezeichnet, die späteren gern als Essays. Liechti ist der grosse Experimentator im gegenwärtigen Schweizer Filmschaffen geblieben, einer freilich, dessen Experimente auf die eigene Existenz zielen. Filmen ist somit eine existenzielle Angelegenheit.“

(Christoph Egger bei der Verleihung des Grossen Kulturpreises der Stadt St. Gallen an Peter Liechti)

Sonntag, 1. April 2012

MICHAEL HAMBURGER – EIN ENGLISCHER DICHTER AUS DEUTSCHLAND - Frank Wierke

Dienstag 03.04.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Frank Wierke & Jan Künemund


MICHAEL HAMBURGER – EIN ENGLISCHER DICHTER AUS DEUTSCHLAND
| DE 2007 | 72 Minuten | deutsche OF | Regie, Produktion, Buch, Kamera, Ton: Frank Wierke | Montage: Frank Wierke, Beate Middeke | Produktion: Wierke Film mit ZDF/3sat und dem Goethe-Institut | Redaktion: Udo Bremer

*Duisburger Filmwoche 2007: Arte-Doukmentarfilmpreis | blicke 2007: Preis für Geschichtskultur | Preis der LiteraVision 2008


Der Film von Frank Wierke ist in den letzten Lebensjahren des Dichters und Übersetzers Michael Hamburger entstanden und nähert sich diesem ausgehend von der Frage: Wie entsteht ein Gedicht? Dabei lässt sich der Film auf Hamburgers Tages-Rhythmus ein, auf das Haus in Suffolk, auf den Wandel der Jahreszeiten im Garten, auf die Apfelbäume zur Blüte- und zur Erntezeit und auf den Vorgang des Schreibens. Frank Wierke hat alleine gedreht, mit kleinem Equipment aus Kamera und Ton, ohne künstliches Licht und Stative, ohne Inszenierungen und Interviews.


"Die zärtliche Kamera von Regisseur Frank Wierke folgt dem Dichter zwischen Sofa und Abstellkammer, Billard im TV und Briefkasten. Wie Hamburgers Gedichten gelingt es dabei auch dem Filmemacher, aus dem Nahblick auf die konkreten Dinge eine ganze Welt zu erschaffen. Er schafft das fast Unmögliche: Poesie ohne jeden Kitschverdacht in Dokumentarfilm zu verwandeln." (Begründung der Jury für den Arte-Dokumentarfilmpreis, Filmwoche Duisburg)


„Er sucht den Lyriker in seinem Alltag, versucht diesen nicht zu stören. So entsteht kein kohärent erzähltes Künstlerportrait, eine Reihung von Daten, Fakten und Zahlen, sondern vielmehr über die Alltagsräume eine Annäherung an ein ganzes Leben. Von kleinen Dingen ausgehend, Muscheln und Blättern z.B., entblättert sich „das ganz Große“. Das ganze 20. Jahrhundert, deutsche Geschichte, Literaturgeschichte, die Geschichte einer Zerstörung. Wierke erzählt seinen Film im Bewusstsein der Fragmentalität von Geschichte. Kleine Details, genaue Beobachtungen. Mit Klaus Wildenhahn gesprochen, dem sich Wierke nahe fühlt, es kommt auf die alltäglichen Dinge an. Also kein Film über den Alltag, sondern über einen Lyriker, bei dem der Alltag eine große Rolle spielt.“ (Protokoll der Duisburger Filmwoche 2007)


Frank Wierke:

Geboren in Unna/Westfalen, Studium an der Fachhochschule für Design in Dortmund, 2001 Abschluss Diplom/Essay-Dokumentarfilm. Freiberuflicher Filmemacher. Mitglied bei "dokumentarisch arbeiten, Hamburg" & Filmwerkstatt Düsseldorf.

Filme (Auswahl): MAN DENKT, MAN KENNT DAS LAND (ZDF/3sat 2002), DA ZWISCHEN SIND WIR (Kurzfilm 2004), MICHAEL HAMBURGER – EIN ENGLSICHER DICHTER AUS DEUTSCHLAND (ZDF/3sat 2007), STERNE (ZDF/3sat 2010).


Trailer:

http://www.youtube.com/watch?v=WWlSDYUsNLE