Sonntag, 31. März 2013

INTIMACY - Patrice Chéreau

Dienstag 02.04.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von James Bews




FR 2001 | 119 min | Regie: Patrice Chéreau | Buch: Anne-Louise Trividic, Patrice Chéreau nach dem Roman „Intimacy” und der Kurzgeschichte „Nightlight” von Hanif Kureishi | Kamera: Éric Gautier | Schnitt: François Gédigier | Ton: Guillaume Sciama | Produzent/inn/en: Charles Gassot, Patrick Cassavetti, Jacques Hinstin | Darsteller/innen: Mark Rylance, Kerry Fox, Timothy Spall, Alastair Galbraith, Philippe Calvario, Marianne Faithfull, Susannah Harker, Frazer Ayre |

Berlinale 2001
Goldener Bär für den besten Film
Silberner Bär für die Beste Schauspielerin (Kerry Fox)
Blauer Engel für den Besten Europäischen Film

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Ein Mann und eine Frau. Jay und Claire. An jedem Mittwochnachmittag besucht sie ihn und dies aus einem einzigen Grund – Sex. Wortlos und hingebungsvoll ficken sie miteinander, draußen wartet das Taxi. So ist es an jedem Mittwoch. Sie kommt an, sie ziehen sich aus und hinterher sind beide ein wenig befangen. Auch dann haben sie sich nichts zu sagen. Sie zieht sich an und geht.
Jay hat vor einiger Zeit seine Frau und die Kinder verlassen. Von einem Tag auf den anderen, ohne Ankündigung, ohne Erklärung. Jetzt lebt er allein, in einer ziemlich schäbigen Wohnung. Wenn Claire kommt, führt er sie ins Souterrain, es ist unmöbliert, nur ein paar Decken und Laken liegen auf dem schmutzigen Boden. Es ist ein Raum, in dem alles erlaubt zu sein scheint. Jay weiß nichts über Claire, weder wer sie ist, noch woher sie kommt. Eines Tages will er es erfahren.
[Katalogtext, Berlinale 2001]
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Freitag, 29. März 2013

GABRIELLE - Patrtice Chéreau

Dienstag 26.3.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von James Bews




FR 2005 | 95 min | Regie: Patrice Chéreau | Buch: Patrice Chereau, Anne-Louise Trividic nach dem Roman "The Return" von Joseph Conrad | Kamera: Éric Gautier | Schnitt: François Gédigier | Ton: Fabio Vacchi | Darsteller/innen: Isabelle Huppert, Pascal Gregory, Claudia Coli, Thierry Hancisse, Chantal Neuwirth, Thierry Fortineau, Louise Vincent;

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Isabelle Huppert, die auf dem Filmfestival in Venedig im letzten Jahr für ihre Darstellung mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, und Pascal Greggory („Wer mich liebt, nimmt den Zug”) spielen das einander vertraute, aber innerlich fremde Paar am Anfang des 20. Jahrhunderts, am Ende der Belle Epoque. Die beiden führen ein nach außen offenes Haus. Sie empfangen regelmäßig Gäste zu festlichen Abendveranstaltungen, schließen sich selbst aber, wenn die Besucher den Salon verlassen haben, zwischen glatten Marmorsäulen und griechischen Skulpturen wie in ein unterkühltes Grabmal ein, durch das Hausmädchen wie eine Schar emsiger Geister huschen, einzig dazu da, um ihren Herrschaften zu Diensten zu sein.

[Ulrike Mattern, jump-cut]
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Based on the short story The Return by Joseph Conrad, the film opens with Jean (Pascal Greggory) extolling the virtues of his pretty wife, Gabrielle (Isabelle Huppert), in voice-over as he makes his way home from work. Jean and his wife, with help from their team of servants, have fostered the illusion of a perfect bourgeois household. Jean is particularly happy with the way Gabrielle presents herself at the couple's frequent dinner gatherings, attended by their "set," whom, as he describes them, "fear emotion and failure more than war." We see glimpses of these occasions in flashback, while Jean explains of his wife, "I'm proud of what she is -- impassive." The secure little world he's fashioned for himself is shattered when he arrives home and finds a note from Gabrielle, explaining that she's leaving him. "It's terrible, and right," the missive states. After a brief explosion of rage, Jean tries to compose himself, but he's thrown into chaos again when Gabrielle unexpectedly returns home. She finds it impossible to speak to Jean. "This letter is not the worst of it?" he asks her. "The worst is my coming back," she explains. The two struggle bitterly to regain the balance in their relationship.

[Josh Ralske - rottentomatoes.com]
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Monsieur Chéreau, Sie wählen für Ihre Filme oft überraschende literarische Vorlagen. Das Spektrum reicht da von Alexandre Dumas über James Hadley Chase bis Hanif Kureishi. Was reizte Sie an der Novelle "Die Rückkehr" von Joseph Conrad?

Conrads Stil ist erstaunlich filmisch. Die Sinneseindrücke sind bei ihm ungeheuer einprägsam. Augenblicklich hat man beim Lesen die Schauplätze vor Augen; man weiß genau, zu welcher Tageszeit und bei welchem Wetter sich die Szenen abspielen. Seine Erzählungen sind großartige Parabeln, die er mit rätselhafter Bedeutung aufgeladen hat. Und seine Bilder sind nie statische Tableaus, sondern treiben die Handlung voran. Sein Stil ist sehr mysteriös.

Kann dieser filmische Stil auch zum Hindernis werden?

Zunächst ist er natürlich ein Vorteil. Nicht von ungefähr gibt es bislang rund 30 Verfilmungen von Conrads Novellen! Seine Texte muten bereits wie Drehbücher an, sind so konstruiert, dass man sich bei der Adaption an ihren Eck- und Wendepunkten festhalten kann. Aber es gibt selbstverständlich einen Punkt, an dem man sich von jeder Vorlage befreien sollte. Wir mussten für unser Drehbuch viel hinzuerfinden. Die Frau spricht in der Novelle praktisch nicht, sie hat nicht einmal einen Namen. Meine stärkste Leseerinnerung ist jener Moment, als der Mann den Brief seiner Frau entdeckt. Noch bevor er den Inhalt kennt - sie will ihn verlassen -, ist er verstimmt darüber, bei seiner Heimkehr etwas Unvorhergesehenes vorzufinden. Solche Nuancen sind gewiss schwer umsetzbar. Die größte Herausforderung war, ein filmisches Äquivalent für den darauf folgenden Moment zu finden - für seine Reaktion beim Lesen des Briefs, die innere Explosion, die er in ihm auslöst. Im Roman öffnet der Mann das Fenster, das schien mir zu theatralisch. Um diesen Schock, dieses Gefühl der Entwurzelung darzustellen, habe ich im Schneideraum wirklich jedes Mittel zur Hilfe gerufen, das mir das Kino bereitstellt. Bis dahin haben wir die Erzählstimme des Ehemanns gehört, die mitten im Satz abbricht, als er den Brief sieht. Seine Bewegungen sind in leichter Zeitlupe aufgenommen; es gibt eine leichte Unschärfe, um seine Erschütterung zu unterstreichen. Er ist wie betäubt. Auf der Tonspur ist nichts zu hören, die Geräusche kehren erst mit einer Verzögerung zurück. Die Verschiebung der Erzählperspektive ist bezeichnend, denn in der Novelle gibt es einen allwissenden, keinen Ich-Erzähler.

Birgt das nicht das Risiko, die Ironie einzubüßen, mit der Conrad die sozialen Ambitionen des Paares schildert?

Wenn der Ehemann im Film den Kreis seiner Bekannten beschreibt - Leute, die sich vor Gefühlsregungen und dem Ruin mehr fürchten als vor Feuer, Krieg oder tödlichen Krankheiten -, dann tut er das mit Conrads Worten, aber ohne einen Funken von Selbsterkenntnis und Humor. Er kennt nur die Arbeit und das Streben nach Erfolg; er begreift nicht, welches Gewicht die Dinge des Leben haben. In seiner Selbstgewissheit unterliegt er einer gigantischen Täuschung. Ich denke, gerade da bleibt Conrads Ironie erhalten. Nachdem seine Welt aus den Fugen geraten ist, fühlt sich der Ehemann wie ein Fremder in seinem eigenen Haus. Er verbirgt sich sogar vor seinen Domestiken.

Worin liegt Conrads Modernität?

Es geht um Menschen, die erkennen müssen, wie sehr sie in ihrer Ehe ihren Körper und ihre Gefühle ignoriert haben. Mich hat die ungeheuere psychologische Einsicht Conrads fasziniert, die sich in dem einen verblüffenden Satz zeigt, den sie in der Novelle sagt: "Wenn ich gewusst hätte, dass Sie mich lieben, wäre ich nie zurückgekehrt." Dieser Satz hat für mich den Ausschlag gegeben, "Gabrielle" zu drehen.

Nach "Intimacy" und "Sein Bruder" ist dies Ihr dritter, intimistischer Film in Folge. Warum haben Sie diese Richtung eingeschlagen?

Weil ich kein Geld für teure Filme bekomme. Das ist der Grund.

Gibt es nicht auch inhaltliche Gründe für diesen Wandel? Mit "Intimacy" hat ein ruhigerer Erzählrhythmus Eingang in Ihr Kino gefunden.

Das Tempo von "Die Bartholomäusnacht" und "Wer mich liebt, nimmt den Zug" hängt sicher damit zusammen, dass sich da viele Geschichten überkreuzen. "Intimacy" ist entstanden, weil mir auffiel, wie häufig ich davon sprach, dass ich Ensemblefilme mag. Da hab ich mich gefragt, ob ich womöglich gar nicht in der Lage wäre, einen Film mit nur zwei Figuren zu drehen. Die Arbeit eines Regisseurs sollte aber beide Dimensionen besitzen. Nun würde ich gern wieder einen teuren, großen Film machen.
[Patrice Chereau im Gespräch mit Gerhard Midding, Berliner Zeitung]

Donnerstag, 14. März 2013

SON FRÈRE - Patrice Chéreau

Dienstag 19.3.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund



FR 2002 | 95 min | Regie: Patrice Chéreau | Buch: Patrice Chéreau & Anne-Louise Trividic nach dem Roman von Philippe Besson | Kamera: Éric Gautier | Schnitt: François Gédigier | Ton: Guillaume Sciama | Darsteller: Bruno Todeschini (Thomas), Eric Caravaca (Luc), Maurice Garrel (Alter Mann), Antoinette Moya (Mutter), Fred Ulysse (Vater), Nathalie Boutefeu (Claire), Sylvain Jacques (Vincent), Catherine Ferran (Ärztin), Robinson Stévenin (Manuel)

Berlinale Wettbewerb 2003: Silberner Bär für die Beste Regie

In seinem neunten Film ergründet Patrice Chéreau die Annäherung zweier Menschen unter dramatischen Umständen. Der blutkranke Thomas bittet seinen Bruder Luc, ihn zur Untersuchung ins Krankenhaus zu begleiten. Was als lästige Pflicht für die entfremdeten Geschwister beginnt, wird vor allem für Luc zur einsichtsvollen Grenzerfahrung.
„A film about bodies, about the degradation of one body, about how faces change. A film about how bodies occupy a space. A film about silence and uncontainable outpurs.” 

(Patrice Chéreau, Director’s Notes, Internationales Presseheft)
 

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„Thomas' Körper ist buchstäblich von der Auflösung bedroht. Seine Blutplättchen verschwinden, aus Gründen, nach denen die Ärzte suchen, die sie aber nicht finden. Diese Krankheit ist mit Bedacht gewählt: die Blutplättchen sind für die Abdichtung des Körpers nach außen zuständig, sie verhindern das Ausbluten, indem sie an den Bruch- und Schnittstellen einen Damm errichten, einen Schutzwall. Sie sind der letzte Halt des Individuums, indem sie seine Außengrenzen sichern. Dieser Schutz bricht für Thomas zusammen, jede Blutung kann ihn töten. In seiner Not sucht er seinen Bruder auf, verspricht sich Halt von ihm und Hilfe.“ 
(Ekkehard Knörer, jump-cut)

„Der Film hat etwas Quälendes in seinem Beharren auf stummer Präsenz, in seinem Starren auf blasse Gesichter in trübem Licht. Aber natürlich führt diese Radikalität auch dazu, daß man für die feinsten Regungen, die kleinsten Verschiebungen im veränderten Kräfteverhältnis sensibilisiert wird. Man ist es so gewohnt, daß im Erzählkino die Emotionen immer fein säuberlich in Ursache und Wirkung unterschieden werden; dabei ist die wirkliche Grammatik der Gefühle wesentlich weniger leicht zu durchschauen. Und auch wenn nicht jeder Blick ein Rätsel und jede Geste ein Mißverständnis ist, so geht doch vieles ins Leere, weil es zu komplex ist. Für diesen Zustand emotionaler Ratlosigkeit finden Chereau und sein Kameramann Eric Gautier die großartigsten Bilder. Und so kommt man in diesem Film der hohläugigen Blicke, schweigenden Umarmungen und verzweifelten Umklammerungen ganz langsam den Helden näher.“ 
(Michael Althen, FAZ)

„Chéreaus Wirklichkeit ist von karger Ausstattung. In ihr gibt es nur das, was man sieht. In den Gesichtern, auf den Anzeigen der Geräte. Resignation und Routine. Sein Film schweigt über das, was er nicht weiß. Kein Tunnel, kein Licht. Bei ihm lässt sich der Tod nicht über die Schulter gucken. Das Leben an seinen Schwachstellen schon.“ 

(Birgit Glombitza, TAZ)

„So ganz aber scheint der Regisseur der Kraft der Bilder nicht zu trauen. Deshalb muss immer wieder wie in Fieberschüben geredet werden über den Tod, über Befindlichkeiten und Beziehungsprobleme. Thomas und Luc versuchen, ihre schwierige Bruderliebe aufzuarbeiten. Claire, die Freundin von Thomas, wendet sich von dem Kranken ab. Die Eltern liefern sich konfus geschwätzige Streitauftritte. Sehr theaterhaft und künstlich wirken die Dialoge in dieser Studie von der Unerträglichkeit des Todes, die doch eigentlich ganz beiläufig daherkommen will. Wenn Thomas schließlich ins Wasser geht, das einsame Haus am Meer großformatig wie ein Landschaftsgemälde ins Bild rückt und Marianne Faithfull dazu ‚ashes to ashes, dust to dust’ singt, wird aus dem Film eine melodramatische Sterbeoper.“

(Claus Spahn, Die Zeit

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Es gibt in Ihrer Arbeit einen ständigen Wechsel zwischen kleineren, intimen und großen historischen Stoffen. (...) Ihr nächstes Projekt soll ein Napoleon-Film mit Al Pacino sein. Wie kommt es zu diesem Wechsel zwischen eher kommerziellen und mehr künstlerischen Filmen?


Ich will immer irgendwie kommerziell sein. Ich sage nie: Dieses Mal will ich keine Zuschauer haben. Ich habe Spaß an großen Geschichten. Das kommt wahrscheinlich vom Theater, aber auch von den Filmen, die ich als Jugendlicher gesehen habe, wie "Iwan der Schreckliche" von Eisenstein. Und es macht mir Spaß, viele Geschichten zusammen zu erzählen. Vor "Sein Bruder" habe ich mich gefragt: Bin ich überhaupt in der Lage, eine Geschichte mit zwei Personen richtig zu erzählen? Deshalb habe ich den Film gemacht.

"Sein Bruder" war ein Experiment?


Ein Zufallsprodukt. Eigentlich hätte ich "Napoleon" machen sollen, aber das Projekt wurde verschoben. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich keine Arbeit mehr und kein Geld. Ich hatte sieben Monate Zeit für den ganzen Film. Die erste Zeile habe ich Anfang Februar 2002 geschrieben, der Film war am 28. Oktober fertig.

Womit haben sie angefangen?

Ich habe mich zehn Tage mit dem Roman hingesetzt, und es kamen zehn Seiten dabei heraus, die ich Freunden gegeben habe. Dann habe ich durch Zufall ein wenig Geld bekommen, bin selbst Produzent geworden, habe ein paar Schauspieler angerufen, ein paar Orte gesucht, und dann haben wir den Film gemacht. Was mich interessiert hat im Roman, war die Beziehung zwischen den Brüdern: wie die Krankheit alles verändert, wie dadurch die Karten neu verteilt werden . . .


Es geht ja um Rivalität, auch im sexuellen Sinn. Das schießt zum Bild zusammen, wenn Thomas auf dem Bett liegt und rasiert wird. Ein Krankenhausbild, aber auch eine erotische Szene, die eine besondere Form von Nacktheit zeigt.


Ich hatte gespürt, dass diese Szene sehr stark sein könnte, als Metapher für Schmerz, für Krankheit und Schwäche, für Passivität und für die Abwesenheit von Erotik. Das stand im Roman, und ich habe das absichtlich so gelassen. Wahrscheinlich war es diese Szene, die mich beim Lesen des Romans dazu gebracht hat, den Film machen zu wollen. Man sieht sofort, dass etwas Wichtiges passiert. Obwohl man fast nichts sieht. Es gibt das Tuch über dem Geschlecht, das haben die Krankenschwestern drübergelegt. Ich wusste gar nicht, wie man das macht. Als wir geprobt haben, haben sie es einfach so wie immer hingelegt. Ich hätte an das Tuch gar nicht gedacht.



Wenn man an diese Szene oder an "Intimacy" denkt, könnte man annehmen, dass sie mit dem Körpergefühl des Kinos sonst unzufrieden sind.



Ich zeige wahrscheinlich mehr als andere Regisseure. Gerade sehe ich mir auf DVD die Filme Ingmar Bergmans wieder an. Das hat auch sehr stark mit Körper, Sinnlichkeit und Sex zu tun, obwohl er sehr wenig zeigt. Trotzdem ist das genauso nackt und schamlos wie bei mir. Ich fühle mich seinem Kino sehr nah.


Bei Ihnen kommt etwas dazu, was es bei dem schwedischen Protestanten Bergman nicht gibt - eine gewisse Hitze. Sie betrachten ihre Figuren zwar mit einem kalten Blick, aber die Temperatur zwischen den Körpern ist viel höher. In "Intimacy" scheinen sie förmlich zu glühen.



Ja, man sieht, wenn die anfangs blasse Haut langsam rot wird. Das ist eine der schönsten Sachen, die man drehen kann: wie die Hautfarbe wechselt. Das sieht man fast nie, weil sonst immer nur eine Minute gedreht wird, dann machen sie wieder Pause: Da entsteht keine Körperwärme. Aber wenn man zehn Minuten lang nackte Menschen zeigt, die es wirklich hingebungsvoll tun, dann werden die Wangen rot.

(Michael Althen und Andreas Kilb im Gespräch mit Patrice Chéreau, FAZ)

Mittwoch, 6. März 2013

CEUX QUI M'AIMENT PRENDRONT LE TRAIN - Patrice Chéreau

Dienstag 12.3.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von Maik Teriete




F 1998 | 122 min | Regie: Patrice Chéreau | Buch: Danièle Thompson, Patrice Chéreau, Pierre Trividic | Kamera: Éric Gautier | Montage: François Gédigier | Darsteller/innen: Pascal Greggory, Valeria Bruni Tedeschi, Charles Berling, Jean-Louis Trintignant, Bruno Todeschini, Sylvain Jacques, Vincent Perez, Roschdy Zem, Dominique Blanc, Delphine Schiltz, Nathan Kogen, Olivier Gourmet u.a. | Musik: Björk, Beth Gibbons und Gustav Mahler | Produktion: Charles Gassot, Jacques Hinstin


Nach dem Tod des mittelmäßigen Malers Jean-Baptiste Emmerich begeben sich seine Verwandten, Bekannten, ehemaligen Liebhaber und Erben auf eine gemeinsame Fahrt mit dem Zug nach Limoges, wo Jean-Baptiste seine letzte Ruhestätte finden soll. Noch zu Lebzeiten hatte Emmerich diese gemeinsame Reise mit der Eisenbahn seinen „Lieben“ angeordnet. Beim ersten Zusammentreffen der Trauergemeinde im Bahnhof werden die unterschiedlichen Beziehungskonstellationen erzählerisch eingeführt: Zwischen Jean-Marie, dem leiblichen Sohn des Malers und seiner Frau, die sich gerade getrennt haben, besteht eine offensichtliche Spannung. François, ein ehemaliger Schüler und gleichzeitig ideeller Sohn und Ex-Freund des Toten, reist mit seinem aktuellen Lebensgefährten, doch auch diese Beziehung wird durch das Auftauchen eines HIV-infizierten Liebhabers von François auf eine harte Probe gestellt.
In der Enge des Zuges brechen alte Verletzungen und Erinnerungen auf. Die Reisenden geraten in Streit um die Gunst des Verstorbenen und es wird deutlich, dass die Konkurrenz, in der sich die echten und unechten Freunde, Verwandten und Weggefährten Jean-Baptistes zu Lebzeiten befunden haben, auch über dessen Tod hinaus andauert. Die unausweichliche Enge der Reiseanordnung verschärft die Konflikte, doch erst nach der Beerdigung kommt es im Haus des Bruders Jean-Baptistes schließlich zum großen Finale, das auch versöhnliche Elemente enthält.

"Wer mich liebt, nimmt den Zug" ist von der ersten Minute an ein fesselndes Stück Kino. Mehrere Personen, die in verschiedenen Beziehungen zueinander stehen, machen sich mit dem Zug auf, um zur Beerdigung eines Freundes bzw. Verwandten zu reisen, was sein letzter Wille war.
Wie Regisseur Patrice Chéreau bereits zu Beginn das hektische Treiben auf dem Bahnhof einfängt und nebenbei seine Charaktere einführt, ist brillant und vollkommen leichthändig. (...) Ich halte "Wer mich liebt..." für alles andere als gescheitert, im Gegenteil. Dies ist eine von Chéreaus besten Arbeiten. Die Konflikte und Situationen sind auf den Punkt getroffen und klar gezeichnet, das Setting (der überwiegende Teil des Films spielt im Zug) ist realistisch und beklemmend, der Ton des Films schwankt zwischen trauriger Melancholie, Nervosität und bitterem Humor. Anders als in US-Produktionen bekommen wir die Charaktere und ihre Probleme nicht auf dem Silbertablett präsentiert, sondern man braucht als Zuschauer eine ganze Weile, um zu verstehen, wer in welcher Beziehung zu den anderen (und dem Verstorbenen) steht und wo sich die Konflikte befinden.
Es ist, als wäre man selbst Mitreisender und würde diese merkwürdige Gruppe höchst neurotischer Menschen gerade kennen lernen. Je näher die Figuren der Beerdigung kommen, desto schneller und härter fallen die Masken. Nach der Beerdigung im Haus des Toten spitzen sich die Konflikte noch einmal zu, hier ist aber auch Raum für Versöhnung. Ein klasse Thema, technisch einwandfrei umgesetzt. Man mag Chereau vielleicht mangelnde Geschlossenheit vorwerfen, aber für mich ist gerade die Freiheit seines Umgangs mit dem Stoff (das Zug-Setting wird mehrfach aufgebrochen, die Kameratechniken wechseln je nach Gemütslage der Figuren) so faszinierend.


Herzen auf der Zunge
Limoges ist eine Art Grenzstadt zum Reich der Toten: Der Friedhof dort ist mit 185 000 Gräbern reicher bevölkert als der Ort mit seinen 140 000 Einwohnern. Für Chéreau scheint das vor allem eine Herausforderung zu sein, mit jeder Szene zu beweisen, wie lebendig seine Figuren sind. 15 der allerbesten französischen Schauspieler besteigen in Paris den Zug, um in Limoges der Beerdigung des homosexuellen Malers Jean-Baptiste beizuwohnen. Und wenn Zusammenkünfte dieser Art schon im wirklichen Leben die Pest sind, so wird hier aus dem Ausflug die reinste Höllensturz. Von Beginn an stürzt sich die Cinemascope-Kamera von Eric Gautier ins Getümmel, als sei sie selbst vom Reisefieber gepackt. Nach kürzester Zeit hat man den Eindruck, dass einzig die Zugtoilette so etwas wie Ruhe garantiert.
Patrice Chéreau ist ein Mann des Theaters und wird – so sehr er sich auch um filmische Größe bemühen mag – immer einer bleiben. Er kehrt stets das Innerste nach Außen, so wie er es von der Bühne gewohnt ist, und will einfach nicht begreifen, dass die Wege des Kinos genau in die entgegengesetzte Richtung führen. Je sorgfältiger man sich der Außenhaut der Welt nähert, desto eher wird man durch sie hindurchdringen können. Und wenn schon alle ihre Herz auf der Zunge tragen müssen, dann muss die Kamera nicht auch noch versuchen, ihnen dabei in den Rachen zu blicken.
Natürlich ist es ein Vergnügen Jean-Louis Trintignant in einer Doppelrolle zu hören und zu sehen: als Toter ist er in einem letzten Interview zu hören, und als überlebender Bruder frönt er dem Schuh-Fetischismus. Allein er scheint sich dem Drang des Regisseurs zur totalen Veräußerung der Gefühle entziehen zu können. All den anderen ist man allerdings dennoch zugeneigt, weil man sie auch schon besonnener gesehen hat: Vincent Perez, Valéria Bruni-Tedeschi, Charles Berling, Roschdy Zem, Dominique Blanc, Pascal Greggory. Aber in dieser Besetzung wirken sie fast wie Karikaturen von Bürgerschrecks: Drogensüchtige, Transsexuelle, Schwangere, Aids-Kranke, Dealer, Hysteriker. Wenn das der indiskrete Charme der Bohème sein soll, dann haben sie mit ihrer Zwanghaftigkeit die Bourgeoisie längst überholt. Denn all die großen Ausbrüche sind dann nur noch ein Mittel, um die kleinlichen Gefühle zu kaschieren. Eine Fratze allein macht aus einem Kleinbürger noch keinen Künstler.
Chéreau ist in jeder Hinsicht ein anderer Regisseur als Chabrol. Aber was Fassbinder über letzteren gesagt hat, gilt auch für ersteren: Er ist wie ein kleiner boshafter Junge, der allerlei Tierchen in sein Terrarium steckt, um dann zuzusehen, wie sie übereinander herfallen und sich zerfleischen. Wenn hinter den großen Verletzungen tatsächlich zärtliche Gefühle verborgen liegen, dann muss es sich um die Zärtlichkeit der Wölfe handeln.
Der Titel geht zurück auf den Dokumentarfilmer François Reichenbach, der sich auch fernab von Paris in Limoges beerdigen ließ und verwunderten Fragen mit der Antwort zuvorkam: „Wer mich liebt, nimmt den Zug”. Wer im Kino sitzt, muss man leider sagen, sehnt sich irgendwann nach der Notbremse.
[Michael Althen in der Süddeutschen Zeitung]

1998 Nominierung Goldene Palme Cannes
1999 César in drei Kategorien (Regie, Kamera und Dominique Blanc als beste Nebendarstellerin)
2000 Nominierung British Independent Film Award

Montag, 4. März 2013

CET OBSCUR OBJET DU DÉSIR - Luis Buñuel


Dienstag 5.3.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von Sebastian Markt




F, ESP 1977 | 103 min | Regie: Luis Buñuel | Buch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach dem Roman "La femme et le pantin" von Pierre Louÿs | Kamera: Edmond Richard | Schnitt: Hélène Plemiannikov | Darsteller/innen: Fernando Rey, Carole Bouquet, Ángela Molina, Julien Bertheau u.a. | Produktion: Serge Silbermann

"When I made The Phantom of Liberty, I was seventy-four years old and seriously entertaining the idea of a definitive retirement. My friends, however, had other ideas, so I finally decided to tackle an old project, the adaptation of Pierre Louÿs’ [1870-1925] La femme et le pantin [1898: 'The Woman and the Puppet'], which in 1977 became That Obscure of Object of Desire, starring Fernando Rey [1917-95]. I used two different actresses, Angela Molina [1955-] and Carole Bouquet [1957-] — a device many spectators never even noticed…
Essentially faithful to the book, I nonetheless added certain elements that radically changed the tone, and although I can’t explain why, I found the final scene very moving–the woman’s hand carefully mending a tear in a bloody lace mantilla. All I can say is that the mystery remains intact right up until the final explosion. In addition to the theme of the impossibility of ever truly possessing a woman’s body, the film insists upon maintaining that climate of insecurity and imminent disaster–an atmosphere we all recognize, because it is our own. Ironically, a bomb exploded on October 16, 1977, in the Ridge Theatre in San Francisco, where the movie was being shown; and during the confusion that followed, four reels were stolen and the walls covered with graffiti like “This time you’ve gone too far!”"

Luis Buñuel: My Last Breath
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