Sonntag, 6. Mai 2012

OSSOS - Pedro Costa

Dienstag 08.05.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Sebastian Markt


OSSOS | Portugal 1997 | 98 Min. | Buch & Regie: Pedro Costa | Kamera: Emmanuel Machuel | Schnitt: Jackie Bastide | Darsteller: Vanda Duarte, Nuno Vaz, Mariya Lipkina, Isabel Ruth, Ines de Medeiros 



Was man sehen kann:
Zu aller erst das Bild einer Frau die auf etwas blickt, worauf, weiß man nicht, ein Gegenschuss wird nicht aufgelöst. Die Kamera ist es nicht, am Publikum geht dieser Blick vorbei. Sie wird, ohne jemals zu sprechen, immer wieder in diesem Film zu sehen sein, immer in ihrem Blick auf die Dinge ruhend, Dinge, das heißt das Leben in Estrela d'Africa einem Slum im Lissabonner Viertel Fontainhas. Bewohner des Films spielen Figuren, die in Handlungen um ein Kind verstrickt sind, nach dessen Geburt der Film einsetzt.  Figuren und Handlungen die erst der Film erschafft. Costa nennt den Film dokumentarisch.
Was man da sehen kann. Ob die Wirklichkeit ins Kino kommen kann. Ob die Wege dahin andere als Umwege sein können.

Was man sehen kann:
Eine Mutter und deren neugeborenes Kind, die, nicht ganz ohne Widerwillen, ohne Zögern, von ihrer Nachbarin aus der Klinik abgeholt werden. Ein Mutter die versucht, sich und ihrem Kind das Leben zu nehmen. Einen Vater, der - nicht ohne Verzweiflung - das Kind retten will, und das Kind verkaufen will. Eine Nachbarin, die versucht zu verhindern, dass alles auseinander fällt. Eine Krankenschwester, die sich mit unklarem Ziel in die familiären Zusammenhänge involviert.
Einstellungen von Räumen und Zwischenräumen die in ihrer aufgeräumten Schäbigkeit nie ganz frei von Spuren des Erhabenen sind, Nahaufnahmen von Gesichtern, die in ihrer Offenheit und Direktheit soviel verbergen wie sie offenbaren, Einstellungen von Verrichtungen, die man, wären sie anders in Szene gesetzt, alltäglich nennen und übersehen würde. Ganz am Ende, in der letzen Einstellung, wird die Mutter des Kindes durch den Türspalt einen Blick nach draussen werfen, wieder ein Blick ohne auflösenden Gegenschuss. Und dann schließt sie die Türe.

Wenn Pedro Costa von seinen Filmen spricht, dann erschließt sich in seinen Erzählungen ein Film aus dem nächsten, nicht als Fortschreiten, mehr als Reagieren auf den wahrgenommen Mangel an der Arbeit des vorhergehenden, eine Konsequenz der Unzufriedenheit als Vektor der Arbeitsweisen.
Auf den Weg nach Fontainhas kam Costa durch den vorhergehenden CASA DE LAVA, gedreht auf den Kapverdischen Inseln. In Costas Beschreibung verhält er sich zu seinem Film aus Unbehagen an der Kino-Maschinerie in einer Form, die an Sabotage grenzt, kommt dabei aber den Einwohner/inne/n immer näher, die ihm schließlich Briefe und Geschenke für Verwandte und Freund/inn/e/n in Portugal mitgeben. Als Bote erhält er so den Schlüssel der ihm erlaubt Zutritt in die marginale Welt von Fontainhas zu erhalten, einer Gegend die außerhalb der Polizeinachrichten kaum Repräsentation findet.
Dort dreht Costa dann OSSOS, fast ausschließlich mit Laien und einem Drehbuch, das erst aus dem Vorortsein und dem Kennenlernen der Leute und ihrer Geschichten entsteht, aber durchaus noch unter der Maxime: "shoot first, ask questions later."  NO QUARTO DA VANDA entsteht drei Jahre später, mit einem nur noch rudimentären Team, das oft nur aus ihm selbst besteht, im Laufe von zwei Jahren. Pedro Costa erzählt, dass, als er Vanda, der zentralen Darstellerin/Figur der Trilogie, zum ersten Mal begegnete, diese gebückt über den improvisierten  Abwasser Kanal des Slums fand, mit einem großen Küchenmesser, beim Versuch etwas zu reparieren. Diese wunderbare, widersprüchliche Frau, erzählt er, die sich mit ihrer Drogensucht selbst zu Grunde richtete, und dabei versuchte, etwas zu reparieren in ihrer Welt. Und Pedro Costa erzählt, dass sie sich darin gleichen, im Gebrochenen, und dass auch er, Costa, versuche, mit seinen Filmen etwas zu reparieren, in der Welt.

Ob das geht.

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