Sonntag, 26. Februar 2012

N (wie Niemand) - Erwin Michelberger & Oleg Tcherny + STRANGE LOVE - Richard Wilhelmer

Dienstag 28.2.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




N (wie Niemand) | D 2005 | 82 Min. | Regie: Erwin Michelberger und Oleg Tcherny | Buch: Erwin Michelberger | Kamera: Justyna Feicht | Schnitt: Oleg Tcherny | Ton: Mathilde Kohl | Musik: Gleb Choutov | Redaktion: Annette Fleming, Anne Baumann | Mit Adam Nagati, Andy Bartosz, Abraham David Christian, Felix Droese, Susanne Ebert, Erinna König, Michael Rutkowsky u.v.a. | Eine Michelberger Film Produktion in Zusammenarbeit mit der Filmwerkstatt Düsseldorf. In Koproduktion mit RBB/ARTE. Gefördert von der Filmstiftung NW.


Ein Mann Mitte 20 reflektiert anhand der spärlichen Hinterlassenschaft seines in den 1970er-Jahren verschwundenen Vaters dessen Vergangenheit und die eigene Zukunft. Mit Hilfe von Freunden des Verschwundenen, die sich im Dunstkreis der politisch radikalisierten Düsseldorfer Kunstszene um Joseph Beuys bewegten, setzt er sich mit zwei gegensätzlichen Denkmodellen auseinander, die sich dennoch beide mit Fragen nach einem erfüllten Leben befassen. Der Dokumentarfilm macht Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen deutlich und setzt sich klar von einer hedonistisch geprägten Spaßgesellschaft ab.

„Der Film N, der durch inhaltliche Anspielungen und Bezüge sowie durch ein Spiel mit dem Dokumentarischen vielerlei Assoziationsangebote liefert, basiert auf einer Struktur der Gegenüberstellung. Auf der einen Seite die Gespräche der ehemaligen Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie, die mit ihrer Geschichte ringen. Als Gegenpol die Figur Adams, eines Mitte zwanzig Jährigen, der als eine Art imaginärer Sohn zur Folie wird, ein Selbstgespräch führt, sich ähnlich essentielle Fragen stellt, aber andere Wege beschreitet. Diese Anordnung ermöglicht, dass sich der Zuschauer Fragen stellt. (...) Nuancen des Abgeklärtseins. Handeln aus Idealismus, aus politischer Überzeugung und aus dem Wunsch, einem Selbstbetrug nicht zu erliegen, überlagern sich. Adam scheint sich dem Selbstbetrug gar nicht erst zu ergeben. Für Michelberger besteht die Hoffnung auf Veränderbarkeit für uns alle – das Glück vielleicht nicht. Der Regisseur ist abgeklärt. Erhoffter Veränderbarkeit kann er nach eingehender Prüfung der Welt, wie sie sich zeigt, nicht mehr allzu optimistisch entgegenblicken. Sieht man die Entwicklungen, mag man darin manche Verbesserung erkennen, doch vertraut Michelberger nicht darauf. Adams Rolle ist deshalb so wichtig, weil er, ohne dass sein individuelles Leben zum Tragen kommt, in einer verallgemeinernden Position als Folie dient.“

(Diskussionsprotokoll Duisburger Filmwoche 2005)

Erwin Michelberger (geboren 1950 in Bad Saulgau) studierte in der Filmklasse der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1980 realisierte er zahlreiche, zum Teil preisgekrönte Filme. Zusammen mit Oleg Tcherny (geboren 1971 in Minsk), ebenfalls Absolvent der Kunstakademie Düsseldorf, entstanden die Dokumentarfilme „Blumen lieben oben“ (1999) und „schlittenschenken“ (2002), der auf der Duisburger Filmwoche 2002 mit dem Arte-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde. „Doch“ (2006) wurde wie zuvor schon „N“ (2005) zur Duisburger Filmwoche eingeladen. Zuletzt stellten Michelberger & Tcherny „LUS oder Geschmack am Leben“ (2010) fertig, der den Umgang von Christen, Juden, Muslimen und
Atheisten mit dem Tod erkundet. Michelberger ist künstlerischer Leiter des filmlaboratoriums der Filmwerkstatt Düsseldorf.

LINK: www.michelberger-film.de


Als "Vorfilm" zeigt Richard Wilhelmer seinen Kurzfilm

STRANGE LOVE

Kurzfilm | 2010 | 5 Min | US/AT | Buch & Regie Richard Wilhelmer



“Der bizarre Fiebertraum einer Apokalypse in Schwarzweiß.”

(Der Standard)

Weitere Infos:
http://richardwilhelmer.com/projects/strange-love

Sonntag, 19. Februar 2012

GEBRÜLLT ALS EIN LÖWE - Stefan Neuberger


Dienstag 21.2.2012
20.30 Uhr
in Anwesenheit des Regisseurs





GEBRÜLLT ALS EIN LÖWE | D 2010 | Buch/Regie/Kamera/Ton/Schnitt: Stefan Neuberger



Eine filmische Reflektion über das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater anhand von neu erstelltem und alt vorgefundenem Familien-Archivmaterial.

Die Rücksicht ist so groß wie die Distanz. Es gibt den Wunsch nach Nähe und Anerkennung, es kommt zu einer Auseinandersetzung, aber es gibt keinen Streit. Mit dem Film versuche ich mir ein Bild von meinem Vater zu machen. Da sind viele Bilder: Bilder, die mein Vater von mir gemacht hat und Bilder, die ich mir von ihm zu machen versuche. Alles ist da: Alte Photos, Gemalte Bilder, Skizzen, Videoaufnahmen meines Vaters, Photographien in Elternbroschüren, alte Filmfragmente, eine Asienreise, Gedankenfetzen und ein Traum über Kreativität und Anerkennung von meinem Vater für mich. Bei jedem Sehen setzten sich die Bilder zu etwas Neuem zusammen. Ich möchte sie mir zu Eigen machen - sie für mich interpretieren und miteinander in Beziehung setzen. Das große ganze Bild wird immer klarer, ist aber noch weit entfernt von einer geschlossenen Form. Was es zusammenhält, das bin ich.


Sonntag, 12. Februar 2012

SLEEPLESS KNIGHTS - Stefan Butzmühlen & Cristina Diz

Dienstag 14.2.2012
22.00 Uhr
Berlinale Special





Wir freuen uns mit Stefan und Cristina und machen einen Ausflug zur Weltpremiere von:

SLEEPLESS KNIGHTS

Dienstag - 22 Uhr - Delphi Filmpalast

Online ist der Film ausverkauft, aber es gibt Restkarten an der Abendkasse.

Webseite: www.sleeplessknights-film.de

Montag, 6. Februar 2012

EXPERIMENTELLE DOKUMENTARFILME - Martin Brand, Gerhard Friedl und Volko Kamensky


Dienstag 7.2.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund


Dokument | Fiktion. Beobachten | Erzählen. Bild | Text. Nach Friedls Langfilm HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? haben uns weitere Filme interessiert, in denen quasi registrierender Blick auf eine wilde Texterzählung trifft, dokumentarisches Material durch die Spezialeffekte des Mediums geformt und manipuliert wird.




I. BREAKDANCE von Martin Brand (Idee, Buch, Realisierung, Montage, Produktion) | DE 2004 | 7 Minuten | Aufführungen u.a.: Kassel, Rencontres Paris/Berlin, Viennale, Cinéma du Réel | Auszeichnungen u.a. beim Int. Videofestival Bochum und blicke.

Montage von dokumentarischem Rohmaterial des «Breakdance Nr.2». Der Blick bleibt auf den Jugendlichen hängen, die sich in Gruppen um das ansammelten. Die zufällige Entdeckung wird zur detaillierten Studie. Das Video wird schließlich von einer Erzählung in der ersten Person aus dem Off ergänzt.

„Ich bin auf eine Kirmes gegangen und habe experimentelle Videoaufnahmen gemacht, begeistert von den Lichtern und Farben dort. Bei Aufnahmen an einem besonders farbenprächtigen Fahrgeschäft waren ständig die herumstehenden Jugendlichen in meinem Bild, was mich zunächst ärgerte, ich aber auch nicht ganz vermeiden konnte. Doch mehr und mehr begann mich dieses Bild zu faszinieren und ich merkte, dass ich da in eine Welt schaue, die mir einerseits total fremd, irgendwie aber auch sehr bekannt vorkam und von der ich mehr wissen wollte. Das war so ein spezielles Fahrgeschäft, ein Szenetreffpunkt für Jugendliche, einer, na ja, etwas härter ausgerichteten Jugendszene. Es gab ständig Schlägereien und die Stimmung war angespannt und aggressiv.
Der auf diese Weise entstandene Film BREAKDANCE wurde schließlich für mich sehr wichtig, da er mir recht viel Aufmerksamkeit und positive Resonanz eingebracht hat, aber für mich wusste ich, dass ich die sichere Position des distanzierten Betrachters aufgeben und mit den Leuten direkt in Kontakt treten musste.“ (Martin Brand)

Martin Brand, geboren 1975 in Bochum, ist Video- und Fotokünstler, arbeitet installativ, zeigt seine Arbeiten aber auch auf Film- und Medienkunstfestivals. Diverse Auszeichnungen und Stipendien seit 2000. Lebt in Köln. www.martinbrand.net.





II. KNITTELFELD von Gerhard Friedl (Regie, Buch, Schnitt)| DE 1997, 35 Minuten | Kamera: Rudolf Barmettler | Förderpreis der Deutschen Filmkritik (Bester Dokumentarfilm 1997)


Knittelfeld ist eine typisch österreichische Kleinstadt in der Steiermark, bis sich 1977 hier die Familie Pritz niederlässt, denn kurze Zeit später werden Hugo, Herbert, Dieter, Peter, Hannah und Karl Pritz alle wegen verschiedener Tötungsdelikten verurteilt.

„Die tatsächlichen Tatbestände und die öffentliche Meinung darüber beginnen sich zu überlagern, faktische Wahrheit und deren Gehalt fallen auseinander, und so verhält es sich mit diesem Film, der nicht die Geschichte der Stadt Knittelfeld schreibt, sondern die Geschichte einer Stadt wie Knittelfeld: Das Historische findet auf den Seiten des Chronik-Ressorts statt.“ (Bert Rebhandl)

Gerhard Friedl (1967-2009) hat Filmregie an der HFF München studiert. Abschlussfilm war der vielfach ausgezeichnete HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? (2004), neben KNITTELFELD die einzige abgeschlossene Filmarbeit Friedls.



III. ALLES WAS WIR HABEN von Volko Kamensky (Idee, Realisierung, Produktion, Sprecher) | DE 2004, 22 Minuten | Real-Sound-Synthesis: Julian Rohrhuber


13 Flächenbrände hat es in Rotenburg an der Wümme seit 1195 gegeben. Die Stimmen des Stadtarchivars und der Heimatmuseumsleiterin gehen auf der Tonspur die Brandhistorie noch einmal durch. Eine kleine Geschichte über die Entstehung von Mythen und den Ausmalungen der Vorstellungskraft.

„Der Verlust von Historie, die Unzufriedenheit mit dem Zeitgenössischen und die reale Ödnis auf den Straßen und Plätzen Rotenburgs sorgen dafür, dass auf dem 8mm-Film ein Ort zu sehen ist, der Schwierigkeiten hat, Raum zu werden. Kamensky weiß das und er leidet mit Rotenburg. Mittels 5-Kanal-Ton, über den am Computer komplett synthetisch erzeugte Atmos und Hintergrundgeräusche über den Film gelegt werden, wird den Panoramaschwenks der Kamera jenes Leben eingehaucht, das in der Realität nicht zu filmen war. Die Geräusche sind von Julian Rohrhuber ohne Samples oder Soundsoftware am Computer generiert und beschreiben, was Kamensky glaubt, gehört zu haben. Wie ein Herzschrittmacher hauchen die Computersounds den Bildern aus Rotenburg das durch Brand verlorene Leben wieder ein.“ (Kai Hoelzner)

Zwischenfrage aus dem Publikum: Ist die „Story“ vom mehrfach abgebrannten Heimatmuseum, die erzählt wird, da nicht eher eine unnötige Ablenkung vom komplexen Tonkonzept? Aber nein, so Kamensky – „Anliegen“ sei ja gewesen, auf die Not der Rotenburger hinzuweisen... Diese „Not“ besteht darin, dass das Heimatmuseum und mit ihm vermeintlich Geschichte und Linearität immer wieder verschwinden, sich auflösen. Der Ton solle die Problematik auf den Dokumentarfilm übertragen. So wie ein Heimatmuseum letztlich keinen direkten Zugang zur Geschichte hat, hat auch der Dokumentarfilm keinen direkten bzw. verlässlichen Zugang zur Wirklichkeit. (Diskussionsprotokoll Duisburger Filmwoche 2004)

Volko Kamensky, geboren 1972, lebt und arbeitet als Filmemacher, bildender Künstler und Szenenbildner (u.a. MONTAG KOMMEN DIE FENSTER, ALLE ANDEREN) in Hamburg. Begründer des „cinéma hyper-vérité“ (was das ist, ist im Internet nicht zu recherchieren).