„DAS! machte gerade erst auf, und sie suchten nach Mitarbeitern und da habe ich das angeboten. Ich schlug vor, Kurzfilme zu machen, aber ohne Kommentar, nur Beobachtungen in St. Pauli und zwar neben der Reeperbahn, wo die Leute wohnen und arbeiten. Drei Monate lang habe ich pro Woche so einen Film abgeliefert, und das war es dann. Der Sendeplatz selbst musste sich erst durchsetzen, das Magazin war noch nicht etabliert. (...) Der lange Film ist eine zweite, ganz andere Form der Bearbeitung. Das war von Anfang an so geplant, der Sprung vom schnellen Beitrag zum langen Dokumentarfilm zur langsamen Betrachtung und Wiedererinnerung.“ (Klaus Wildenhahn)
„‚Ein Blick aus dem Fenster?’ fragt Klaus Wildenhahn beiläufig. ‚Nee, kann ich nicht mehr. Fangen meine Füße an zu kribbeln, und dann möchte ich springen. Seitdem gehe ich nicht mehr ans Fenster’, antwortet eine Frauenstimme. ‚Möchten Sie springen?’ – ‚Ja, wenn ich da stehe, ja. Nicht, dass ich’s will, aber.’ Ein Lachen. ‚Seitdem gehe ich nicht mehr ans Fenster. Das tu ich nicht’. Schnitt.
Das Gesicht von Frau Schmidt füllt den Bildschirm. Die Rentnerin sagt: ‚Du wirst geboren, um zu leben. Aber du mußt sterben. Also warum dann erst Geburt? Das sind so Gedanken, die mir immer alle so durch den Kopf gehen. Und da denke ich immer: warum? Warum muß man sich immer so quälen. Das ist doch Wahnsinn’.
In Klaus Wildenhahns anderthalbstündigen Dokumentarfilm NOCH EINMAL HH4: REEPERBAHN NEBENAN dauert der Dialog knapp zwei Minuten. In diesen zwei Minuten werden Klischees wie das vom einfachen Leben der kleinen Leute ebenso unspektakulär wie eindrucksvoll zerstört. ‚Jeder’, sagt Klaus Wildenhahn, ‚trägt in sich ein Buch, aber nur die wenigsten haben die Möglichkeit, ein Buch zu schreiben’.
(Raimund Hoghe in der ZEIT, 1993).
„...im Café, 4 Fragen, nämlich:
Wie sich von dramaturgischen Kontrollen lösen?
Wie Hierarchien vernachlässigen?
Wie abschweifende Gedankengänge aushalten?
Wie den Weg zum Happyend vermeiden?“
(...)Mund, Ohren, Hände und jene Körperverlängerungen, die sichtbar getragen und als Diebe erkennbar machen: Mikro und Kopfhörer – als Leute, die Kostbares aufnehmen, mitnehmen, wegnehmen: Silhouetten, Landschaften, Geschichten, Geräusche und Stille. All das verweilt für eine kürzere oder längere Brennzeit nicht nur auf dem Trägermaterial, sondern auch im Körper des Autoren. Unserem Körper; kommt darauf an wie wir uns aussetzen, wie empfänglich wir sind; und wer hat alles Mitspracherecht, bei der nachfolgenden Realisierung? All jene Stimmen, die sich während der Drehzeit eingelagert haben? Jene unsichtbaren Koautoren, die nach Sichtbarkeit, Anerkennung verlangen. Wie das abwägen in mir, mit meiner Stimme mischen? DER KÖRPER DES AUTOREN, das war mein erster Einfall. Dabei ist es geblieben.
(Klaus Wildenhahn, Der Körper des Autoren)





