Dienstag 24.04.2012
19:00 Uhr
DIE STÄMME VON KÖLN | D 2010 | 89 Minuten |Buch & Regie Anja Dreschke| Kamera Olaf Hirschberg, Anja Dreschke, Sebastian Woithe | Montage Julia Wiegand, Gerrit Lucas, Volker Gehrke | Ton Thorsten Czart, Alex Czart, Christoph Matthiä | Dramaturgische Beratung Gesa Marten | Wissenschaftliche Beratung Erhard Schüttpelz | Produktionsleitung Julia Meyer | Produzenten Olaf Hirschberg & Tom Schreiber | Produktion 58Filme | Koproduktion WDR | Redaktion Jutta Krug | Förderung Filmstiftung NRW | Verleih & DVD Realfiction
"Achtzig Stämme siedeln heute auf Kölner Grund, darunter zwar auch Wikinger, Indianer und Afrikaner – in Köln funktioniert die Multikulturalität –, aber die asiatischen Reitervölker dominieren. Jeder Stadtteil, der auf sich hält, hat seinen Hunnenclan; oft treffen mehrere Attilas aufeinander. Auch Mongolen und Awaren sind stattlich vertreten. Technisch gesehen, handelt es sich um Vereine, die schräge Sommercamps in den Grünanlagen veranstalten. Von den Kostümen bis zu den Jurten ist dabei alles liebevoll gestaltet, halb historisch, halb phantastisch. Vom Karneval hat sich das Live-Rollenspiel längst emanzipiert, zumal die Wilden vom Rhein am Rosenmontagszug, dieser preußischer als das Original gewordenen Preußenverulkung, nicht einmal teilnehmen dürfen. Fremdvölker, so hat das Festkomitee des Kölner Karnevals ganz ernsthaft dekretiert, gehörten nämlich nicht zum Brauchtum."
"Dass die Grenzen zwischen Verkleidungskult und Kultgemeinde fließend sind, zeigt sich schließlich ganz deutlich daran, dass – bei allem Humor – ein Häretiker-Bewusstsein entstanden ist: Die Urreligion haben diese exogenen Traditionalisten in sich wiedergefunden, die „Zwangsverchristlichung“ („Wat willste machen? Als Baby wirste jetauft“) abgeschüttelt. Dass ausgerechnet Karnevalisten einen solchen Überbau der Kulturreflexion errichten, ist so besonders wie dieser Film."
(Oliver Jungen, Frankfurt Allgemeine Zeitung)
Anja Dreschke ist Ethnologin und Filmemacherin. Sie studierte Ethnologie, Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln mit den Schwerpunkten Visuelle Anthropologie und Medienethnologie. Derzeit ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen in einem Forschungsprojekt über »Trancemedien und Neue Medien« und arbeitet mit Martin Zillinger an einem Filmprojekt über »Islamische Performance-Kunst marokkanischer Bruderschaften: Rituelle Choreographien und ihre Medien«. Ihre gemeinsam realisierte Videoinstallation »Trance/Media. The Isawa in Morocco 1992-2011« wird gerade in der Ausstellung »Animismus« im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt. Daneben unterrichtet sie als Lehrbeauftragte Visuelle Anthropologie und Medienethnologie an der Universität zu Köln. Seit 2000 ist sie als freie Autorin (u.a. für den WDR-Hörfunk) und Kuratorin in den Bereichen Ethnologie, Film und Kunst tätig und hat u. a. für den Filmclub 813 und das Internationale FrauenFilmFestival Feminale verschiedene Filmreihen realisiert. Die ethnografische Langzeitstudie über »Die Stämme von Köln« entstand im Rahmen ihrer Dissertation und ist ihr Debütfilm.
LINK:
www.staemmevonkoeln.de
ACHTUNG:
Die Veranstaltung beginnt um 19:00 Uhr im Kinosaal des Sputnik Kinos !!!
Als Kölner Stämme bezeichnen sich rund 80 Vereine aus Köln, deren Mitglieder sich als Hunnen, Mongolen, Wikinger, Indianer oder Afrikaner verkleiden und einen Großteil ihrer Freizeit der Herstellung aufwendiger Kostüme, Waffen und Zelte widmen. Und das nicht nur im Karneval. Während der Sommermonate campen sie in Kölner Grünanlagen, um gemeinsam mit der Familie, Freunden oder Arbeitskollegen die Lebenswelten 'fremder' Völker und vergangener Epochen nachzuspielen. Höhepunkte dieser Zeltlager sind inszenierte Rollenspiele mit denen das Leben am Hofe Attilas oder Dschingis Khans in Szene gesetzt wird. Angeleitet werden diese Spektakel von den Vereinsschamanen, die für die anderen Mitglieder auch Initiationsrituale, Hochzeitsfeiern und manchmal sogar Beerdigungszeremonien durchführen. Dabei mischen sich Elemente verschiedener ritueller Praktiken und Traditionen – vom lokalen Karnevalsbrauchtum bis zum sibirischen Schamanismus. Um diesen kreativen Prozess der Aneignung und Transformation der 'eigenen' und 'fremden' Kultur(en) zu erforschen, hat die Ethnologin und Filmemacherin Anja Dreschke die Kölner Stämmen über mehrere Jahre begleitet.
"Die Stämme von Köln zeigen das Behagen in der Gegenkultur. Anja Dreschkes Film, der mehr ist als nur eine Ethnologie des Inlands, beschreibt und erlaubt das elementare Vergnügen sich selbst im Anderen wiederzuerkennen. Und so lassen sich vor den Toren der Stadt, wenn im Sommer die Hunnen und Mongolen ihre zahlreichen Lager aufschlagen, einige Visionen erhaschen – von dem Entstehen, der Blüte und Ausbreitung von Kultur – durch Kostümierung. Die Beschäftigung mit etwas Fremden wirkt kindlich, wenn sie spontanem Wohlgefallen folgt. Es wird stattdessen ernst genommen, wer sich nur möglichst umständlich von oben über etwas beugt. Bewunderndes Aufschauen, Imitieren und Sich-hinein-Versenken – all das gilt nicht als seriöse Erkenntnismethode, doch jede Kultur ist letztlich Schmuck und Schminke, Maskerade und Mobiliar: ein Gemisch aus Erfundenem und Erbeutetem. Eigentlich schön, sich vorzustellen, dass sich die etablierten Instanzen des deutschen Dokmentarfilmfestivalbetriebs von diesem herrlichen Film pikiert abwenden, ganz so wie die großen uniformierten Karnevalsvereine an den faszinierenden Kölner Stämmen gebannt vorbeischauen. Kino und Karneval sind lustige Geschwister der Religion. Denn auch das unbequemste Kostüm ist ein bequemes Heraus aus der nicht selbstgewählten Welt. In besonderen Fällen ein an- und ausziehbares Jenseits."
(Rainer Knepperges, new filmkritik & SigiGötz-Entertainment)
"Die Stämme von Köln zeigen das Behagen in der Gegenkultur. Anja Dreschkes Film, der mehr ist als nur eine Ethnologie des Inlands, beschreibt und erlaubt das elementare Vergnügen sich selbst im Anderen wiederzuerkennen. Und so lassen sich vor den Toren der Stadt, wenn im Sommer die Hunnen und Mongolen ihre zahlreichen Lager aufschlagen, einige Visionen erhaschen – von dem Entstehen, der Blüte und Ausbreitung von Kultur – durch Kostümierung. Die Beschäftigung mit etwas Fremden wirkt kindlich, wenn sie spontanem Wohlgefallen folgt. Es wird stattdessen ernst genommen, wer sich nur möglichst umständlich von oben über etwas beugt. Bewunderndes Aufschauen, Imitieren und Sich-hinein-Versenken – all das gilt nicht als seriöse Erkenntnismethode, doch jede Kultur ist letztlich Schmuck und Schminke, Maskerade und Mobiliar: ein Gemisch aus Erfundenem und Erbeutetem. Eigentlich schön, sich vorzustellen, dass sich die etablierten Instanzen des deutschen Dokmentarfilmfestivalbetriebs von diesem herrlichen Film pikiert abwenden, ganz so wie die großen uniformierten Karnevalsvereine an den faszinierenden Kölner Stämmen gebannt vorbeischauen. Kino und Karneval sind lustige Geschwister der Religion. Denn auch das unbequemste Kostüm ist ein bequemes Heraus aus der nicht selbstgewählten Welt. In besonderen Fällen ein an- und ausziehbares Jenseits."
(Rainer Knepperges, new filmkritik & SigiGötz-Entertainment)
"Achtzig Stämme siedeln heute auf Kölner Grund, darunter zwar auch Wikinger, Indianer und Afrikaner – in Köln funktioniert die Multikulturalität –, aber die asiatischen Reitervölker dominieren. Jeder Stadtteil, der auf sich hält, hat seinen Hunnenclan; oft treffen mehrere Attilas aufeinander. Auch Mongolen und Awaren sind stattlich vertreten. Technisch gesehen, handelt es sich um Vereine, die schräge Sommercamps in den Grünanlagen veranstalten. Von den Kostümen bis zu den Jurten ist dabei alles liebevoll gestaltet, halb historisch, halb phantastisch. Vom Karneval hat sich das Live-Rollenspiel längst emanzipiert, zumal die Wilden vom Rhein am Rosenmontagszug, dieser preußischer als das Original gewordenen Preußenverulkung, nicht einmal teilnehmen dürfen. Fremdvölker, so hat das Festkomitee des Kölner Karnevals ganz ernsthaft dekretiert, gehörten nämlich nicht zum Brauchtum."
"Dass die Grenzen zwischen Verkleidungskult und Kultgemeinde fließend sind, zeigt sich schließlich ganz deutlich daran, dass – bei allem Humor – ein Häretiker-Bewusstsein entstanden ist: Die Urreligion haben diese exogenen Traditionalisten in sich wiedergefunden, die „Zwangsverchristlichung“ („Wat willste machen? Als Baby wirste jetauft“) abgeschüttelt. Dass ausgerechnet Karnevalisten einen solchen Überbau der Kulturreflexion errichten, ist so besonders wie dieser Film."
(Oliver Jungen, Frankfurt Allgemeine Zeitung)
Anja Dreschke ist Ethnologin und Filmemacherin. Sie studierte Ethnologie, Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln mit den Schwerpunkten Visuelle Anthropologie und Medienethnologie. Derzeit ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen in einem Forschungsprojekt über »Trancemedien und Neue Medien« und arbeitet mit Martin Zillinger an einem Filmprojekt über »Islamische Performance-Kunst marokkanischer Bruderschaften: Rituelle Choreographien und ihre Medien«. Ihre gemeinsam realisierte Videoinstallation »Trance/Media. The Isawa in Morocco 1992-2011« wird gerade in der Ausstellung »Animismus« im Haus der Kulturen der Welt in Berlin gezeigt. Daneben unterrichtet sie als Lehrbeauftragte Visuelle Anthropologie und Medienethnologie an der Universität zu Köln. Seit 2000 ist sie als freie Autorin (u.a. für den WDR-Hörfunk) und Kuratorin in den Bereichen Ethnologie, Film und Kunst tätig und hat u. a. für den Filmclub 813 und das Internationale FrauenFilmFestival Feminale verschiedene Filmreihen realisiert. Die ethnografische Langzeitstudie über »Die Stämme von Köln« entstand im Rahmen ihrer Dissertation und ist ihr Debütfilm.
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www.staemmevonkoeln.de
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