Dienstag 30.10.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Natali Barrey
Deutschland 1990 | 120 min | deutsche OF | Buch und Regie: Eberhard Fechner | Assistenz: Jannet Gefken-Fechner Kamera: Karsten H. Müller | Ton: Henner Reichel | Produktion: Eberhard Fechner-Filmproduktion | Redaktion: Franz Neubauer
Gerhard und Edith sind noch Kinder, sieben und neun Jahre alt, als ihre Familie 1947 durch den Einmarsch der Roten Armee auseinandergerissen wird. Der Hunger treibt sie nach Litauen, dort finden und verlieren sie ihre Angehörigen erneut.
Erst vier Jahre später endet die Odyssee des achtköpfigen Clans in Hamburg, wo Gerhard und Edith noch heute leben. Gemeinsam mit ihren vier Geschwistern berichten sie von Not und Flucht, von Verzweiflung und Hilfe, von Wundern und Katastrophen.
Eberhard Fechner ist dafür bekannt, daß er mehr Filmmaterial braucht als jeder andere Dokumentarfilmer: "Jeder Gesprächspartner erzählt mir ausführlich vor der Kamera von seinem Leben. Aber Erinnerungen sind sprunghaft und Menschen vergeßlich. Diese Interviews sind Rohmaterial, weiter nichts. Während der Dreharbeiten wüßte ich auch nicht zu sagen, wie der spätere Film aussehen wird." Das Puzzle wird erst im nachhinein geordnet.
So unerläßlich sein Talent ist, Menschen zum Reden zu bringen, ihnen ein Gefühl der Geborgenheit vor der Kamera zu vermitteln, so entscheidend ist ein anderer Teil von Fechners Kunst. Kein anderer Regisseur beherrscht die Schnittechnik wie Fechner (unterstützt von seinen Cutterinnen Brigitte Kirsche und Barbara Büscher-Grimm).
Diese (dialoghafte) Montage-Technik, 1969 mit dem Film "Klara Heydebreck" (eine Spurensuche zum Selbstmord einer 72-jährigen Frau) begonnen, setzte Fechner 1971 mit "Klassenphoto" fort, einem Drei-Stunden-Epos über das Schicksal einer Berliner Schulklasse aus den dreißiger Jahren. 1975 folgte "Unter Denkmalschutz", die Geschichte der Bewohner eines Frankfurter Bürgerhauses und 1977 Fechners schönster Film: "Die Comedian Harmonists", die tragische und ergreifende Geschichte des legendären Sextetts, das Ende der zwanziger Jahre von Berlin aus seinen musikalischen Siegeszug antrat und das 1935 an den Rassengesetzen Hitlers zerbrach.
In allen Filmen Fechners, die gemeinsam ein deutsches Panorama quer durch alle Gesellschaftsschichten dieses Jahrhunderts darstellen, ist spürbar, wie die Herrschaft des Nationalsozialismus und die Wirren des Zweiten Weltkriegs entscheidend jedes Schicksal beeinflußt haben. "Jeder von denen, die in meinen Filmen zu Wort kommen", sagt Fechner, "hat diese Zeit anders erlebt und somit auch andere Erinnerungen. Aber bei keinem ist das private Leben unbeeinflußt geblieben durch geschichtliche Ereignisse. Kaum einer hat sich zeitlebens um Politik gekümmert. Die Politik hat aber keinen von ihnen unbeachtet gelassen und ihm ihre Spuren aufgedrückt."
"Wolfskinder" ist der achte (und letzte) Film im Panorama der deutschen Geschichte, das Fechner in den letzten 22 Jahren nach ähnlichem Muster erarbeitet hat.
Auszüge aus dem Spiegel-Artikel "Zum Reden gebracht", 1991
Gerhard und Edith sind noch Kinder, sieben und neun Jahre alt, als ihre Familie 1947 durch den Einmarsch der Roten Armee auseinandergerissen wird. Der Hunger treibt sie nach Litauen, dort finden und verlieren sie ihre Angehörigen erneut.
Erst vier Jahre später endet die Odyssee des achtköpfigen Clans in Hamburg, wo Gerhard und Edith noch heute leben. Gemeinsam mit ihren vier Geschwistern berichten sie von Not und Flucht, von Verzweiflung und Hilfe, von Wundern und Katastrophen.
Eberhard Fechner ist dafür bekannt, daß er mehr Filmmaterial braucht als jeder andere Dokumentarfilmer: "Jeder Gesprächspartner erzählt mir ausführlich vor der Kamera von seinem Leben. Aber Erinnerungen sind sprunghaft und Menschen vergeßlich. Diese Interviews sind Rohmaterial, weiter nichts. Während der Dreharbeiten wüßte ich auch nicht zu sagen, wie der spätere Film aussehen wird." Das Puzzle wird erst im nachhinein geordnet.
So unerläßlich sein Talent ist, Menschen zum Reden zu bringen, ihnen ein Gefühl der Geborgenheit vor der Kamera zu vermitteln, so entscheidend ist ein anderer Teil von Fechners Kunst. Kein anderer Regisseur beherrscht die Schnittechnik wie Fechner (unterstützt von seinen Cutterinnen Brigitte Kirsche und Barbara Büscher-Grimm).
Diese (dialoghafte) Montage-Technik, 1969 mit dem Film "Klara Heydebreck" (eine Spurensuche zum Selbstmord einer 72-jährigen Frau) begonnen, setzte Fechner 1971 mit "Klassenphoto" fort, einem Drei-Stunden-Epos über das Schicksal einer Berliner Schulklasse aus den dreißiger Jahren. 1975 folgte "Unter Denkmalschutz", die Geschichte der Bewohner eines Frankfurter Bürgerhauses und 1977 Fechners schönster Film: "Die Comedian Harmonists", die tragische und ergreifende Geschichte des legendären Sextetts, das Ende der zwanziger Jahre von Berlin aus seinen musikalischen Siegeszug antrat und das 1935 an den Rassengesetzen Hitlers zerbrach.
In allen Filmen Fechners, die gemeinsam ein deutsches Panorama quer durch alle Gesellschaftsschichten dieses Jahrhunderts darstellen, ist spürbar, wie die Herrschaft des Nationalsozialismus und die Wirren des Zweiten Weltkriegs entscheidend jedes Schicksal beeinflußt haben. "Jeder von denen, die in meinen Filmen zu Wort kommen", sagt Fechner, "hat diese Zeit anders erlebt und somit auch andere Erinnerungen. Aber bei keinem ist das private Leben unbeeinflußt geblieben durch geschichtliche Ereignisse. Kaum einer hat sich zeitlebens um Politik gekümmert. Die Politik hat aber keinen von ihnen unbeachtet gelassen und ihm ihre Spuren aufgedrückt."
"Wolfskinder" ist der achte (und letzte) Film im Panorama der deutschen Geschichte, das Fechner in den letzten 22 Jahren nach ähnlichem Muster erarbeitet hat.
Auszüge aus dem Spiegel-Artikel "Zum Reden gebracht", 1991
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen