Dienstag 09.10.2012
20.30 Uhr
(pünktlich wegen Überlänge)
vorgestellt von Jan Künemund
ANATOMIE EINES MORDES | US 1959 | 160 Minuten | Originaltitel: Anatomy of a Murder | Regie: Otto Preminger | Produktion: Otto Preminger | Buch: Wendell Mayes nach einer Vorlage von John D. Voelker (Pseudonym: Robert Traver) | Musik: Duke Ellington | Kamera: Sam Leavitt | Titelvorspann: Saul Bass | Columbia Pictures | mit: James Stewart (Paul Biegler), Lee Remick (Laura Manion), Ben Gazzara (Lt. Frederick Manion), Arthur O'Connell (Parnell Emmett McCarthy), Eve Arden (Maida Rutledge), Kathryn Grant (Mary Pilant), George C. Scott (Claude Dancer, Staatsanwaltschaft), Duke Ellington
Preise: Golden Globes für Preminger, Remick und Mayes, diverse Academy-Award-Nominierungen, Copa Volpi in Venedig für James Stewart, Grammy für Duke Ellington, 7. bestes Gerichtsdrama auf der Top-10-Liste des American Film Institutes.
Der selbstständige Anwalt Paul Biegler, der seinen Posten bei der Staatsanwaltschaft schon vor längerer Zeit verlor, hat mit großen Fällen wenig am Hut. Er vertreibt sich seine Zeit mit Angeln und der Betreuung seines väterlichen Freundes, dem versoffenen Ex-Juristen Parnell. Nun wird ihm zugetragen, einen großen Prozess als Verteidiger zu führen - einen Mordprozess. Sein Klient, Lt. Manion, der den Vergewaltiger seiner Frau erschoss, verhält sich sperrig und unkooperativ, seine hübsche Frau Laura zieht es vor, mit Biegler zu flirten, statt Sinnvolles zum Fall beizutragen. Außerdem verzwickt sie sich in widersprüchliche Aussagen. Trotz aller Widrigkeiten nimmt Biegler die Verteidigung Manions an. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen...
„Der Titel von Premingers Gerichtsdrama aus dem Jahre 1959 suggeriert, dass im Laufe seiner Handlung ein Verbrechen und dessen Motive klinisch seziert werden. Tatsächlich stehen jedoch die Unschlüssigkeiten und Grauzonen eines Mordfalls im Vordergrund von Anatomie eines Mordes, derer sich zudem jeder Beteiligte im Film bewusst ist. James Stewart spielt Paul Biegler, den Verteidiger eines Mannes, der im Affekt den vermeintlichen Vergewaltiger seiner Frau erschossen hat, vielleicht entspricht dieser Tatbestand aber auch nicht der Wahrheit. Der Angeklagte und seine Angetraute mögen selbst für Biegler fragwürdig erscheinen, Preminger erhellt das Ganze aber weder durch Flashbacks noch sonstige Beweisführungen auf der optischen Ebene. Es bleibt die Momentaufnahme und das Schauspiel, und Biegler verwandelt den Gerichtssaal in eine Bühne, auf der seine Verteidigung kalkuliert und meisterhaft ausgefochten wird. Premingers zynischer Film ist ein Klassiker seines Genres und gleichzeitig einer seiner ungewöhnlichsten Vertreter. Der Jazz-Soundtrack stammt von Duke Ellington, dem auch ein kleiner Cameoauftritt zugestanden wird.“ (critic.de)
Der Film dient aufgrund seiner geschlossenen Darstellung des US-amerikanischen Prozessvorgangs als Lehrfilm in juristischen Fakultäten.
Die Juroren werden bis auf wenige Ausnahmen von den historischen Vorbildern dargestellt.
„Im Hollywood der 50er- und 60er-Jahre war ein Otto-Preminger-Film ein fester Begriff, eine Art eingetragenes Markenzeichen. Als Produzenten-Regisseur kontrollierte Preminger jedes Detail seiner Projekte, von der Stoffauswahl bis zur Drehbuchkonzeption, von der Besetzung bis zur Werbekampagne, vom Dekor bis zum Titelschriftzug.
Schaut man sich Fotos seiner Dreharbeiten an, bildet sein skulpturaler runder Schädel stets das Zentrum des Geschehens. Etwas Bestimmendes, Beherrschendes geht von dem kahlen Kopf mit den wachen Augen aus, die keinen Widerspruch zu kennen scheinen. Nannte man ihn nicht ‚Otto the terrible’? Am Set muss Preminger, der sein Regiehandwerk um 1930 bei Max Reinhardt am Theater in der Wiener Josefstadt erlernte, die Schauspieler mit extrem vielen Takes regelrecht provoziert und zerschreddert haben. Zudem bestand er auf der für Studio-Schauspieler ungewohnten Praxis mehrwöchiger Proben vor Drehbeginn. ‚Schauspieler müssen sich der Rolle anpassen und nicht umgekehrt’ war eine seiner Devisen. Und: ‚Wiederholungen schaden nichts, denn eine Emotion nutzt sich nicht ab.’
Wie diese Emotionen auszuschauen hatten, davon hatte Preminger eine präzise Idee. Man denke nur an Jean Simmons in ‚Angel Face’ (1953): Lange schwarze Haare umschmiegen ihre unschuldigen Gesichtszüge, doch manchmal, wenn sich ihre Augen zu einem Schlitz zusammenziehen, spürt man den Hass, der die junge Frau mehr und mehr in Besitz nimmt, sie zerfrisst und zu mörderischen Taten treibt. Oder Marilyn Monroe, die in dem Western ‚River of no Return’ (1954) in ihrem fast ikonischen karierten Hemd und den engen Jeans zu einer gebrochenen Figur wurde. Der Weg zu dieser Vorstellung muss die Hölle gewesen sein. Preminger, der kaum je freundliche Worte für seine Schauspieler hatte, verglich Monroe mit Lassie. ‚Man muss jede Einstellung vierzehnmal wiederholen, bis sie an der richtigen Stelle bellt.’ Oder, noch schlimmer: ‚Sie ist nichts anderes als ein Vakuum mit zwei Brustwarzen.’
Sosehr er die Darsteller einerseits beschimpfte und tyrannisierte, so sehr kämpfte er andererseits auch um sie, setzte seine Wahl und seine Vorstellung mit eisenharter Vehemenz durch. Oftmals auch ohne Rücksicht auf Starverluste. Als sich Lana Turner in ANATOMIE EINES MORDES (1959) weigerte, einen billigen Mantel anzuziehen, um nicht wie ein Flittchen auszusehen, wurde sie kurzerhand gegen Lee Remick ausgewechselt. Eine ungeahnt spröde Erotik erschien mit dieser damals noch völlig unbekannten Schauspielerin auf der Leinwand. Eine sexuelle Ausstrahlung, die sich erst auf den zweiten, ja dritten Blick erschließt, dafür aber um so nachhaltiger wirkt. (...)
Das Kino als Wille und als Vorstellung - streitsüchtig, unnachgiebig und kompromisslos auf seinen Ideen beharrend war Otto Preminger auch, wenn es um seine Stoffe ging. Der 1905 geborene Sohn aus bildungsbürgerlicher jüdischer Juristenfamilie musste, bevor er zum Theater durfte, ein Studium der Rechtswissenschaften absolvieren. In seinen Filmen wird der 1934 nach Hollywood emigrierte Preminger später denn auch immer wieder juristische Themen aufgreifen, Gerichtsprozesse und große Wortgefechte inszenieren. Auch er selbst als Regisseur scheute nicht den juristischen Konflikt mit den Autoritäten. ‚Ich bin überzeugt, wenn Zensur droht, sollte man sie bekämpfen, weil in den USA gemäß der Verfassung keine zugelassen ist’, sagte er auf seine apodiktische Art. Diesen Kampf nahm der liberal denkende Preminger immer wieder auf. Die bis dahin untersagten Worte ‚Jungfrau’ und ‚Orgasmus’ fielen zuerst in seinen Filmen. Er nannte den Namen eines Drehbuchautors von McCarthys Schwarzer Liste wieder mit vollen Namen im Abspann: Dalton Trumbo bei ‚Exodus’. In ‚Der Mann mit dem goldenen Arm’ griff er 1955 das vom Production Code verbotene Thema Drogensucht auf; bei der Bizet-Adaption ‚Carmen Jones’ (1954) besetzte er, damals für die USA eigentlich undenkbar, die Hauptrollen mit schwarzen Darstellern.
Tatsächlich errichtete sich Preminger, der große Dickschädel aus Wien, ein wahrhaft ottokratisches Universum in Hollywood. Ein Universum, das durch und durch von der liberal-subversiven europäischen Moderne geprägt war, die er mit den Mitteln des populären Kinos nach Hollywood zu holen versuchte.“ (Anke Leweke, taz)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen