Sonntag, 22. Mai 2011

CODE INCONNU: RÉCIT INCOMPLET DE DIVERS VOYAGES - Michael Haneke

Dienstag 24.05.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Maik Teriete




CODE INCONNU: RÉCIT INCOMPLET DE DIVERS VOYAGES | FR/DE/RO | 2000 | Regie & Buch: Michael Haneke | Kamera: Jürgen Jürges | Schnitt: Andreas Prochaska, Karin Hartusch, Nadine Muse | Musik: Giba Goncalves | Ton: Guillaume Schiama | Ausstattung: Manu de Chauvigny | Produzenten: Marin Karmitz, Alain Sarde | MK2 Productions, Les Films Alain Sarde, Arte FranceCinema, France 2 Cinema, Bavaria Film GmbH, Filmex Romania mit Unterstützung durch Eurimages und Procirep and Beteiligung von Canal + | 112 Minuten | Original mit deutschen Untertiteln | Darsteller: Juliette Binoche, Thierry Neuvic, Josef Bierbichler, Alexandre Hamidi, Hélène Diarra, Ona Lu Yenke, Luminita Gheorghiu u.v.a.


Cannes 2000: Preis der Ökomenischen Jury


Inhalt:

Der Episodenfilm verknüpft die unterschiedlichsten Geschichten einander fremder Menschen. Die Schauspielerin Anne erwartet ihren Freund, den Kriegsreporter Georges, von einer Reise zurück. Sein jüngerer Bruder Jean lebt auf dem Bauernhof seines Vaters. In einer Einkaufsstraße bettelt die Rumänin Maria um Geld. Jean gerät mit dem Schwarzen Amadou in Streit, als dieser die Ehre der Bettlerin verteidigen will. Anne lernt Amadou in einem Restaurant kennen. Ein Kreis schließt sich.



„Alle Szenen sind jeweils in einem kontinuierlichen Take gedreht, ohne Schnitt. Ausgenommen einzig diejenigen Episoden, in denen eine Kamera zum narrativen Inventar gehört. Dort springt das Bild vom Film zum Film im Film und verweist damit auf den realen Unterschied der beiden Ebenen. Theorie und Erfahrung: aus der Brüchigkeit der Bilder folgt nicht, dass sich die Realität bis zur Unkenntlichkeit in Beliebigkeitsschnipsel zerlegen ließe.

Die langen Einstellungen und die akribische Montage lenken die Aufmerksamkeit auf den Herstellungsprozess des Bildes. Jedoch verliert das Gezeigte damit keineswegs an Brisanz. Einer bis an die Grenzen der Verstehbarkeit komplexen Wirklichkeit ist mit Realismus nicht beizukommen. Haneke begegnet dieser Analyse mit dem Film als offenem Konstrukt: im Dunkel zwischen Auf- und Abblende wirkt die Montage als Suggestion und macht die Wahrheit sichtbar, an der die Bilder scheitern.

Die Leitvermutung, dass zwischen den Fragmenten ein keineswegs zufälliger Zusammenhang besteht, ist jenseits ihrer dramaturgischen Relevanz eine ethische und politische Aussage. Anders als unter den selbstreflexiven Spielregeln der Funny Games, ist in Code:Unbekannt die Leinwand nicht der ganze Horizont. Die Fragmente haben ein Vorher und ein Nachher und gehören damit der Welt an, aus der heraus der Zuschauer das Kino betritt und in die er auch wieder zurückkehren wird. Einmal mehr wissen Hanekes Bilder um den auf ihnen lastenden Blick des Zuschauers, der aber eben nicht nur Zuschauer ist und ins Kino nicht tappt wie in eine Falle.“

(Tobias Hering im FREITAG, 2001)



„Der Film hat eine fragmentarische Form. Aber doch eine – Form. Und deshalb ist er in Plansequenzen gedreht. Die Welt ist nicht in toto abbildbar. Wer das zu können vorgibt, ist entweder ein Lügner oder ein Dummkopf. Ich konnte nur Ausschnitte vom Leben zeigen, nur Blitzlichter. Aber ich durfte auf keinen Fall auf einmal das Fragment fragmentarisieren, weil daraus eine formale Spielerei geworden wäre. Aus diesem Grund reihen sich scheinbar unzusammenhängende Plansequenzen, also Realitätsbrüche aneinander. Und die Qualität der Form besteht im Zwischenraum zwischen diesen Teilen. Kurzum, der Witz von CODE: UNCONNU, der formale Witz, besteht darin, dass die Teile zwar verkettet, aber nicht aneinandergekettet sind – sie schweben frei. Dadurch entsteht die Offenheit, und die Offenheit ist die Form.“

(Michael Haneke im Gespräch mit Thomas Assheuer, NAHAUFNAHME MICHAEL HANEKE, Berlin 2008)



„‘Funny Games‘ Michael Haneke lieferte nach seiner stinklangweiligen Literaturverfilmung ‚Das Schloss‘ als nächstes mit ‚Code: Unbekannt‘ kaum interessanteren Stoff. Der Ablauf ist ziemlich lang gestreckt und es fällt schwer, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Die kleinen Geschichten sind hier alle unvollständig und das Konzept fängt im Verlauf an zu sehr zu langweilen, wo der Zuschauer sich die Geschichten selbst im Kopf zusammenreimen darf, na Prima Herr Haneke! (…)Nein das hat hier nichts mit Unterhaltung und erst recht nichts mit kritischen Aussagen zu tun, es ist einfach nur Träumerei. Ein Film für Kunstliebhaber und vor allem für Kritiker und Leute die gerne der Allgemeinheit oder sicher selbst intellektuell Begabtheit vortäuschen wollen, weil sie die Aussagen des Films verstanden haben oder ungewöhnliche Erzählweise als außergewöhnliches darstellen wollen. Meine Wertung: 0/10.

(Christian Ehlert auf nightmare-horrormovies.de)

Montag, 16. Mai 2011

LA CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE - Luis Bunuel

Dienstag 17.05.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Marie Bottois




LA CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE | Frankreich 1972 | Regie: Luis Bunuel | Buch: Luis Bunuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Edmont Richard | Montage: Hélène Plemianniko | Produzent: Serge Silberman | Darsteller: Fernando Rey, Paul Fankeur, Delphine Seyrig, Bulle Ogier, Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Julien Bertheau, Milena Vukotic, Maria Gabriella, Maione Claude, Piéplu Muni, François MAistre, Pierre Maguelon, Maxence Mailfort, Michel Piccoli | Farbe | Französisch mit Deutschen UT

ACHTUNG: WIR MÖCHTEN MIT DER VORFÜHRUNG GERNE PÜNKTLICH UM 20.30 BEGINNEN !

Eine illustre Abendgesellschaft versucht wiederholt, sich zu einem gemeinsamen Dinner zu treffen. Leider kommt imer etwas dazwischen: Mal haben sich alle im Darum geirrt, mal ist der tote Restaurantbesitzer direkt im Speisesaal aufgebahrt oder eine Manövertruppe stört das elegante Gastmahl.

Mit seiner meisterlichen Satire über das genussüchtige Grossbürgertum, dem seine Gaumenfreude permanent verwehrt wird, beruft sich Bunuel einmal mehr auf seine filmischen Wurzeln. Die surrealistischen Erzählelemente seiner frühen Arbeiten verquickt er mit der spielerischen Eleganz und unverblümten Ironie seines Spätwerks.

Sonntag, 8. Mai 2011

GOD'S COUNTRY - Louis Malle

Dienstag 05.10.2010
20.30 Uhr
vorgestellt von Gregor Stadlober




GOD'S COUNTRY | USA 1986 | Regie: Louis Malle | 95 Minuten | OF

Sprache: im Film wird zu 97% gut verständliches amerikanisches Englisch (mit frz. Untertiteln) gesprochen, es gibt aber ein paar kurze französische Off-Texte von Malle.

Wir beginnen diesmal pünktlich um 20:30 – also spätestens um 20 vor 9…

Die erste Szene ist eine der besten!


Auf der Suche nach einem Filmstoff stößt Louis Malle Ende der 70er Jahre auf eine amerikanische Kleinstadt im Mittleren Westen. In verblüffend unkomplizierten Gesprächen zeichnet er Miniaturporträts der BewohnerInnen, und aus der Zusammenschau der konkreten Lebensumstände entwickelt er nach und nach das komplexe Bild einer Gesellschaft. Bei aller offensichtlichen Sympathie spart der Film die darin verborgenen Widersprüche und Ressentiments nicht aus.

Sechs Jahre später besucht Malle den Ort ein zweites Mal und erkundet die – teilweise gravierenden – Auswirkungen des wirtschaftlichen und politischen Umbruchs der Reagan-Jahre.


(…)Made between the release of Pretty Baby (1978) and the filming of Atlantic City (1980), God's Country shows the range of the director's interests. Initially PBS offered to fund a documentary on any aspect of America for airing on television. Malle chose Disneyland but when the company demanded final cut, he backed out. His next subject was on a mega-mall in Minneapolis but once on site, he decided to switch. It was Malle's strategy to make the actual filming the main component, an exploratory, organic approach to filmmaking. Malle spent the next three weeks driving around Minnesota in search of an interesting subject.

And it was in Glencoe, Minnesota, population 5,000, sixty miles west of Minneapolis, that he found it. While Glencoe celebrated its yearly town fair Malle observed its residents and rituals and found what he had been looking for. "I fell in love with these people," he later said.

According to Malles' production assistant James Bruce (in The Films of Louis Malle: A Critical Analysis by Nathan Southern and Jacques Weissgerber), "[Louis] found it fascinating, because ...it was so different than what he came from...He was so charming that people wanted to talk to him. And they trusted him immediately." (…)

LINKS:

http://www.tcm.com/this-month/article/180503|0/God-s-Country.html

Freitag, 29. April 2011

NOCHEINMAL HH 4: REEPERBAHN NEBENAN - Klaus Wildenhahn

Dienstag 03.05.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




NOCHEINMAL HH 4: REEPERBAHN NEBENAN | D | 1991 | Regie, Filmerzählung, Ton: Klaus Wildenhahn | Kamera: Dieter Stypmann, Wolfgang Jost (Farbaufnahmen) | Schnitt: Ingrid Milker | Mischung: Jürgen Meissner | Sprecher: Klaus Wildenhahn | Produktion: NDR, Abteilung Philosophie, Geschichte, Bildung | Redaktion: Uwe Michelsen | Produktionsleitung: Reiner Milker | Drehzeit: Februar – Juli 1991 | Drehort: Hamburg, St. Pauli | 95 Minuten (Langfassung) | Erstsendung: 14.12.1991

Für das NDR-Vorabend-Magazin „DAS!“ entsteht eine Serie von 17 kurzen Porträts von Menschen auf St. Pauli. Anschließend montiert Wildenhahn mit seiner Cutterin Ingrid Milker aus diesem Material einen langen Dokumentarfilm, in den er Texte aus eigenen Kurzgeschichten integriert.


„DAS! machte gerade erst auf, und sie suchten nach Mitarbeitern und da habe ich das angeboten. Ich schlug vor, Kurzfilme zu machen, aber ohne Kommentar, nur Beobachtungen in St. Pauli und zwar neben der Reeperbahn, wo die Leute wohnen und arbeiten. Drei Monate lang habe ich pro Woche so einen Film abgeliefert, und das war es dann. Der Sendeplatz selbst musste sich erst durchsetzen, das Magazin war noch nicht etabliert. (...) Der lange Film ist eine zweite, ganz andere Form der Bearbeitung. Das war von Anfang an so geplant, der Sprung vom schnellen Beitrag zum langen Dokumentarfilm zur langsamen Betrachtung und Wiedererinnerung.“ (Klaus Wildenhahn)


„‚Ein Blick aus dem Fenster?’ fragt Klaus Wildenhahn beiläufig. ‚Nee, kann ich nicht mehr. Fangen meine Füße an zu kribbeln, und dann möchte ich springen. Seitdem gehe ich nicht mehr ans Fenster’, antwortet eine Frauenstimme. ‚Möchten Sie springen?’ – ‚Ja, wenn ich da stehe, ja. Nicht, dass ich’s will, aber.’ Ein Lachen. ‚Seitdem gehe ich nicht mehr ans Fenster. Das tu ich nicht’. Schnitt.


Das Gesicht von Frau Schmidt füllt den Bildschirm. Die Rentnerin sagt: ‚Du wirst geboren, um zu leben. Aber du mußt sterben. Also warum dann erst Geburt? Das sind so Gedanken, die mir immer alle so durch den Kopf gehen. Und da denke ich immer: warum? Warum muß man sich immer so quälen. Das ist doch Wahnsinn’.


In Klaus Wildenhahns anderthalbstündigen Dokumentarfilm NOCH EINMAL HH4: REEPERBAHN NEBENAN dauert der Dialog knapp zwei Minuten. In diesen zwei Minuten werden Klischees wie das vom einfachen Leben der kleinen Leute ebenso unspektakulär wie eindrucksvoll zerstört. ‚Jeder’, sagt Klaus Wildenhahn, ‚trägt in sich ein Buch, aber nur die wenigsten haben die Möglichkeit, ein Buch zu schreiben’.

(Raimund Hoghe in der ZEIT, 1993).


„...im Café, 4 Fragen, nämlich:

Wie sich von dramaturgischen Kontrollen lösen?
Wie Hierarchien vernachlässigen?
Wie abschweifende Gedankengänge aushalten?
Wie den Weg zum Happyend vermeiden?“


(...)Mund, Ohren, Hände und jene Körperverlängerungen, die sichtbar getragen und als Diebe erkennbar machen: Mikro und Kopfhörer – als Leute, die Kostbares aufnehmen, mitnehmen, wegnehmen: Silhouetten, Landschaften, Geschichten, Geräusche und Stille. All das verweilt für eine kürzere oder längere Brennzeit nicht nur auf dem Trägermaterial, sondern auch im Körper des Autoren. Unserem Körper; kommt darauf an wie wir uns aussetzen, wie empfänglich wir sind; und wer hat alles Mitspracherecht, bei der nachfolgenden Realisierung? All jene Stimmen, die sich während der Drehzeit eingelagert haben? Jene unsichtbaren Koautoren, die nach Sichtbarkeit, Anerkennung verlangen. Wie das abwägen in mir, mit meiner Stimme mischen? DER KÖRPER DES AUTOREN, das war mein erster Einfall. Dabei ist es geblieben.

(Klaus Wildenhahn, Der Körper des Autoren)

Montag, 25. April 2011

SELBSTGEMACHTES - Premiere

Dienstag 26.04.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Stefan Butzmühlen und Cristina Diz


ICH BIN ALLEINE NACH BERLIN GEFAHREN. WIE SOLL ICH MICH NENNEN? | 2011 | Regie: Cristina Diz | Kamera: Stefan Butzmühlen | Montage & Ton: Cristina Diz | Mit: Ángel Muñoz, Pepa Muñoz | 50 Minuten | Farbe | Spanisch und Deutsch mit Engl. UT

Synopsis:

Ich entscheide gemeinsam mit Stefan, meinen Großonkel Ángel in Südspanien zu besuchen um mit ihm einen Film zu drehen. Ich komme aus Barcelona und lebe seit fast fünf Jahren in Berlin. Ich habe Ángel drei oder vier Mal in meinem Leben gesehen. Er und meine Oma hatten sich sehr geliebt. Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Ángel ist siebenundsechzig, er lebt in Zarza Capilla, Extremadura, das Dorf wo er geboren ist und wo er als Schäfer arbeitet seit er elf Jahre alt ist.

Früher hat er um die zwei Tausend Schafe gehabt. Heute hat er noch sieben Hundert, die er seit drei Jahren versucht zu verkaufen, ohne wirklich jemanden zu finden, denn mit der Krise will niemand in Spanien irgendetwas kaufen. Ich will Zeit mit Ángel verbringen, ich will ihn kennenlernen und dass er mich kennenlernt, ich will den Held meiner Familie filmen, seine Landschaft, die Gegend, wo meine Mutter geboren ist, wo meine Oma sich verliebt hat und den Mann kennengelernt hat, mit dem sie 1974 nach Barcelona gezogen ist. „Damals als ob du heute nach dem Mond ziehen würdest“, hat Ángel einmal gesagt.

Stefan filmt, ich nehme Ton auf.

Samstag, 16. April 2011

ACCIDENT - Joseph Losey

Dienstag 19.4.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund






ACCIDENT | USA | 1967 | Regie: Joseph Losey | Buch: Harold Pinter nach dem Roman von Nicholas Mosley | Kamera: Gerry Fisher | Schnitt: Reginald Beck | Musik: John Dankworth | Set Design: Carmen Dillon | Kostüme: Beatrice Dawson | gedreht Juli bis September 1966 in Oxford (Syon House & Twickenham Studios) | 105 Minuten, Eastmancolor | Darsteller: Dirk Bogarde (Stephen), Stanley Baker (Charley), Jacqueline Sassard (Anna), Michael York (William), Vivien Merchant (Rosalind), Delphine Seyrig (Francesca)


Cannes 1967: Großer Preis der Jury


Inhalt:


Ein junger Student, der auf dem Weg zu seinem Professor ist, kommt bei einem tragischen Autounfall ums Leben. Über ausgefeilte Rückblenden erfahren die Zuschauer, dass der Professor eine komplizierte Beziehung mit der Freundin seines Studenten unterhielt, die durch das tragische Ereignis ein unerwartetes Ende findet. Das spannungsgeladene Leben des gehobenen englischen Bürgertums in der altehrwürdigen Universitätsstadt Oxford wird von nun an für alle Beteiligten nicht mehr dasselbe sein, auch wenn sich der Professor entscheidet, in die scheinbare häusliche Idylle seiner Familie zurückzukehren.

„Dirk Bogarde, Hauptdarsteller in drei Filmen Loseys zuvor, fragte den Regisseur, welcher Art das jüngste Projekt, Accident, sein solle. Loseys Antwort: "Diesmal mache ich den perfekten Film. Ich habe das perfekte Drehbuch, die perfekte Besetzung, die perfekte Crew. Ich brauche nicht mehr als die Sonne, solange wir drehen." Das Erstaunliche daran: Accident ist dieser ganz und gar vollendete, makellose Film geworden, den Losey sich vorgenommen hat. Kaum ein anderes Werk der Filmgeschichte zeugt von einer derart entschiedenen, bis ins Kleinste gehenden Kontrolle des Regisseurs über jedes Detail seines Films, einer Bewusstheit auf den Millimeter der Einstellung, des Art Designs, der Kamerabewegung, des Schnitts, der Schauspielerführung und des Musikeinsatzes. Die Kehrseite, derentwegen der Film von Kritikern wie David Thomson verabscheut wird: nichts scheint dem Zufall überlassen, es gibt keine Lücke, in die Improvisation oder der Widerstand des Materials, ja, der Wirklichkeit stoßen könnten. Das heißt keineswegs, dass sich Accident zu einem geschlossenen, sterilen Sinn-Ganzen fügt, es heißt nur, dass seine Rätselhaftigkeit, seine Sperrigkeit auf das Kunst-Wollen und Kunst-Können seiner Macher zurückzuführen ist. Oder, wenigstens: wo etwas am Film entgleitet, falls etwas entgleitet, ist dieses Entgleiten nicht mehr sichtbar. Accident tritt auf mit dem unerhörten Anspruch, ganz und gar, restlos, determiniert zu sein. Bazins Alptraum: eine Zurichtung der gefilmten Wirklichkeit auf ein Binnenreich der Zeichen, deren Referenzseite abgeschattet wird, die stattdessen, im souveränen Zugriff auf ihre ambivalenten Bedeutungspotenziale, verwendet werden nach Regeln - äußerst strengen Regeln -, die dieser Film sich gibt, von seinem Anfang bis zu seinem Ende (das den Anfang spiegelt). Lesbar in einem über den offensichtlichen Mimetismus hinausgehenden Sinn sind diese Zeichen - so die Utopie dieses Films - nur nach der Seite ihres Ortes im Spiel, nicht nach der Seite ihrer Abbildung von Wirklichkeit.

(...)

Ein Film, der an allen Stellen glitzert und funkelt, ohne dass man der Brillanz je müde würde: sie ist so neu und natürlich zugleich, so ernst und verspielt, so formbewusst und dennoch von den Figuren fasziniert; Accident ist ein Film wie kein anderer.“


Ekkehard Knörer





„(Wieder-) Gesehen: ACCIDENT (Joseph Losey, GB1967).

Loseys elegantester Film, ganz nahe am Nichts und damit mit Antonionis BLOW UP verwandt; genial montiert von Reginald Beck. Dirk Bogarde ist sensationell. Für mich einer der größten Schauspieler des 20. Jahrhunderts.“

Christoph Hochhäusler, Parallel Film, am 7. November 2009





„Ich wünschte, ich könnte sagen, was ich über all das meine. Es geht um zwei Sachen, erstens, dass die Menschen keine Persönlichkeiten sind sondern Dinge, die sich gelegentlich in Sprüngen und meistens in unmerklichem Tempo bewegen; und zweitens das Gegenteil, dass wir jeder von uns in gewisser Weise bekamen, was wir wollten...“


Joseph Losey während der Dreharbeiten in Sight & Sound, 1966




Montag, 11. April 2011

BOOM - Joseph Losey

Dienstag 12.4.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




USA | 1968 | Regie: Joseph Losey | Buch: Tennessee Williams nach seinem Stück THE MILK TRAIN DOESN’T STOP HERE ANYMORE und seiner Story MAN, BRING THIS UP ROAD | Kamera: Douglas Slocombe | Schnitt: Reginald Beck | Musik: John Barry, Song “Hideaway” von John Dankworth und Don Black, gesungen von Georgie Fame | Set Design: Richard MacDonald | Kostüme: Tiziano (Karl Lagerfeld) | gedreht August bis Oktober 1967 auf Sardinien | 113 Minuten, Technicolor, Panavison | Darsteller: Elizabeth Taylor (Flora Goforth), Richard Burton (Chris Flanders), Noel Coward (Hexe von Capri), Joanna Shimkus (Blackie), Michael Dunn (Rudy)


In einem monströsen Haus auf den hohen Klippen einer unzugänglichen Privatinsel im Mittelmeer lebt die nicht minder monströse Flora ‚Sissy’ Goforth, die, von heftigen Anfällen und monströsen Schmerzen gepeinigt, ihr Personal kommandiert und ihre Memoiren diktiert. Eines Tages gelingt es dem ‚professionellen Gast’ und Gelegenheitsdichter Chris Flanders, die Insel zu betreten und sich bei Flora einzunisten. Deren Freund, die „Hexe von Capri“, warnt die exzentrische Inselherrin zwar vor dem Fremden, von dem das Gerücht im Umlauf ist, dass er als „Todesengel“ seinen betagten Gastgeberinnen die letzte Lebensenergie raubt – doch Flora ist gewillt, sich dieser Herausforderung zu stellen.


“In spite of Williams's rewriting—and maybe because of the pots of money spent on the grossly eye-blinding physical production— BOOM! is still a fuzzy unconsummated work caught like so many of the playwright's heros, midway between a real world and a symbolic one.

For all of its overtones of Indian mysticism, Christian theology and Greek mythology, the movie is essentially the sort that Baby Doll would have hitched a ride into Blue Mountain to see—a tale of the very-very rich that tells the miserable critters in Dogpatch that money can't buy happiness.”


New York Times, 27.5.1968



“Der Film wurde bei seinem Start in den USA von der Kritik weitgehend mit dem mehrfach erfolglos inszenierten Williams-Stück identifiziert; er geriet in den sinkenden Strudel des sinkenden Sterns, der einst die US-amerikanische Bühne so hell erleuchtet hatte, und in einerr Pressekampagne gegen die Burtons, denen man ihren Reichtum nicht weniger vorwarf als ihre offen zur Schau getragene Missachtung des Geldes. Dass der Film unter anderem all das thematisiert – die ausgepowerte, krampfhaft in fernöstliche Philosopheme ausgreifende Sprache Williams’; die fettsüchtige Hysterie der Taylor; ihre phänomenale Geschmacklosigkeit; der stillos, weil geschichtslos durch alle Stile vagabundierende Prunk des Paares; seine Verachtung der öffentlichen Meinung (...); seinen selbstmörderischen Fanatismus, sich gegenseitig an die Wand und von der (Lein)Wand herunterzuspielen; Burtons sichtbare Anstrengung, seiner Existenz neben der physischen, vital überquellenden Präsenz Taylors ‚Bedeutung’ zu geben –: all das wurde von der deutschen Kritik kaum wahrgenommen (...).

Die cinematographische Auseinandersetzung mit BOOM! ist erst noch zu führen. Sie könnte mit der Beobachtung beginnen, wie die Bilder tatsächlich den Wörtern den Atem nehmen, ihr Literarisches als präpotent enthüllen, indem sie sich freilich an den Wörtern aufgeilen zu extremen Wagnissen. Es gibt in BOOM! kaum einen ‚natürlichen Blick, die Kamera ist stets auf Expressives bedacht, auf schräge Winkel, tangentiale Fluchtlinien, lange, träge Schwenks und Fahrten, von innen nach außen, von außen nach innen, das Bild immer festhaltend über den Dialog hinaus. (...)

BOOM! ist erkennbar ein weiterer der vielen Versuche Loseys, erst zu erkunden und zu entdecken, was Kino ist und sein soll.“


Peter W. Jansen in „Joseph Losey“ (Reihe Film 11), München/Wien: Hanser, 1977



„Today I'm trying to show a film that's very very important to me, that really personifies my taste. I used to show it on first dates. If they didn't like it I could never go out with them again. It's the best failed art film ever. It's called 'Boom!', it's a ridiculous re-title of the Tennessee Williams play 'The Milk Train Doesn't Stop Here Anymore'. It stars Elizabeth Taylor as Sissie Goforth, the richest woman in the world. It is the ultimate drag queen role. Rupert Everett even played the role on the stage in London a few years ago. I can never forgive my parents, as a play it came to Baltimore when I was twelve, and then it starred Tullulah Bankhead and Tab Hunter, and my parents didn't take me to see it, which I think is child abuse basically. It also stars Richard Burton as a poet nicknamed 'the angel of death', who has the unfortunate habit of calling on wealthy women the day before the undertaker. It was directed by Joseph Losey, and if I ever had to get a director tattooed on, I think it would be him. I like his failed art films the best. Failed art films seem to be a genre today that we don't see anymore, because now the independent film in America takes all the screens from all the foreign films that we used to see.”


John Waters, “Filth 101: An open discussion with John Waters, August 2001”