Cannes 2000: Preis der Ökomenischen Jury
Inhalt:
Der Episodenfilm verknüpft die unterschiedlichsten Geschichten einander fremder Menschen. Die Schauspielerin Anne erwartet ihren Freund, den Kriegsreporter Georges, von einer Reise zurück. Sein jüngerer Bruder Jean lebt auf dem Bauernhof seines Vaters. In einer Einkaufsstraße bettelt die Rumänin Maria um Geld. Jean gerät mit dem Schwarzen Amadou in Streit, als dieser die Ehre der Bettlerin verteidigen will. Anne lernt Amadou in einem Restaurant kennen. Ein Kreis schließt sich.
„Alle Szenen sind jeweils in einem kontinuierlichen Take gedreht, ohne Schnitt. Ausgenommen einzig diejenigen Episoden, in denen eine Kamera zum narrativen Inventar gehört. Dort springt das Bild vom Film zum Film im Film und verweist damit auf den realen Unterschied der beiden Ebenen. Theorie und Erfahrung: aus der Brüchigkeit der Bilder folgt nicht, dass sich die Realität bis zur Unkenntlichkeit in Beliebigkeitsschnipsel zerlegen ließe.
Die langen Einstellungen und die akribische Montage lenken die Aufmerksamkeit auf den Herstellungsprozess des Bildes. Jedoch verliert das Gezeigte damit keineswegs an Brisanz. Einer bis an die Grenzen der Verstehbarkeit komplexen Wirklichkeit ist mit Realismus nicht beizukommen. Haneke begegnet dieser Analyse mit dem Film als offenem Konstrukt: im Dunkel zwischen Auf- und Abblende wirkt die Montage als Suggestion und macht die Wahrheit sichtbar, an der die Bilder scheitern.
Die Leitvermutung, dass zwischen den Fragmenten ein keineswegs zufälliger Zusammenhang besteht, ist jenseits ihrer dramaturgischen Relevanz eine ethische und politische Aussage. Anders als unter den selbstreflexiven Spielregeln der Funny Games, ist in Code:Unbekannt die Leinwand nicht der ganze Horizont. Die Fragmente haben ein Vorher und ein Nachher und gehören damit der Welt an, aus der heraus der Zuschauer das Kino betritt und in die er auch wieder zurückkehren wird. Einmal mehr wissen Hanekes Bilder um den auf ihnen lastenden Blick des Zuschauers, der aber eben nicht nur Zuschauer ist und ins Kino nicht tappt wie in eine Falle.“
(Tobias Hering im FREITAG, 2001)
„Der Film hat eine fragmentarische Form. Aber doch eine – Form. Und deshalb ist er in Plansequenzen gedreht. Die Welt ist nicht in toto abbildbar. Wer das zu können vorgibt, ist entweder ein Lügner oder ein Dummkopf. Ich konnte nur Ausschnitte vom Leben zeigen, nur Blitzlichter. Aber ich durfte auf keinen Fall auf einmal das Fragment fragmentarisieren, weil daraus eine formale Spielerei geworden wäre. Aus diesem Grund reihen sich scheinbar unzusammenhängende Plansequenzen, also Realitätsbrüche aneinander. Und die Qualität der Form besteht im Zwischenraum zwischen diesen Teilen. Kurzum, der Witz von CODE: UNCONNU, der formale Witz, besteht darin, dass die Teile zwar verkettet, aber nicht aneinandergekettet sind – sie schweben frei. Dadurch entsteht die Offenheit, und die Offenheit ist die Form.“
(Michael Haneke im Gespräch mit Thomas Assheuer, NAHAUFNAHME MICHAEL HANEKE, Berlin 2008)
„‘Funny Games‘ Michael Haneke lieferte nach seiner stinklangweiligen Literaturverfilmung ‚Das Schloss‘ als nächstes mit ‚Code: Unbekannt‘ kaum interessanteren Stoff. Der Ablauf ist ziemlich lang gestreckt und es fällt schwer, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Die kleinen Geschichten sind hier alle unvollständig und das Konzept fängt im Verlauf an zu sehr zu langweilen, wo der Zuschauer sich die Geschichten selbst im Kopf zusammenreimen darf, na Prima Herr Haneke! (…)Nein das hat hier nichts mit Unterhaltung und erst recht nichts mit kritischen Aussagen zu tun, es ist einfach nur Träumerei. Ein Film für Kunstliebhaber und vor allem für Kritiker und Leute die gerne der Allgemeinheit oder sicher selbst intellektuell Begabtheit vortäuschen wollen, weil sie die Aussagen des Films verstanden haben oder ungewöhnliche Erzählweise als außergewöhnliches darstellen wollen. Meine Wertung: 0/10.
(Christian Ehlert auf nightmare-horrormovies.de)







