Montag, 11. April 2011

BOOM - Joseph Losey

Dienstag 12.4.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




USA | 1968 | Regie: Joseph Losey | Buch: Tennessee Williams nach seinem Stück THE MILK TRAIN DOESN’T STOP HERE ANYMORE und seiner Story MAN, BRING THIS UP ROAD | Kamera: Douglas Slocombe | Schnitt: Reginald Beck | Musik: John Barry, Song “Hideaway” von John Dankworth und Don Black, gesungen von Georgie Fame | Set Design: Richard MacDonald | Kostüme: Tiziano (Karl Lagerfeld) | gedreht August bis Oktober 1967 auf Sardinien | 113 Minuten, Technicolor, Panavison | Darsteller: Elizabeth Taylor (Flora Goforth), Richard Burton (Chris Flanders), Noel Coward (Hexe von Capri), Joanna Shimkus (Blackie), Michael Dunn (Rudy)


In einem monströsen Haus auf den hohen Klippen einer unzugänglichen Privatinsel im Mittelmeer lebt die nicht minder monströse Flora ‚Sissy’ Goforth, die, von heftigen Anfällen und monströsen Schmerzen gepeinigt, ihr Personal kommandiert und ihre Memoiren diktiert. Eines Tages gelingt es dem ‚professionellen Gast’ und Gelegenheitsdichter Chris Flanders, die Insel zu betreten und sich bei Flora einzunisten. Deren Freund, die „Hexe von Capri“, warnt die exzentrische Inselherrin zwar vor dem Fremden, von dem das Gerücht im Umlauf ist, dass er als „Todesengel“ seinen betagten Gastgeberinnen die letzte Lebensenergie raubt – doch Flora ist gewillt, sich dieser Herausforderung zu stellen.


“In spite of Williams's rewriting—and maybe because of the pots of money spent on the grossly eye-blinding physical production— BOOM! is still a fuzzy unconsummated work caught like so many of the playwright's heros, midway between a real world and a symbolic one.

For all of its overtones of Indian mysticism, Christian theology and Greek mythology, the movie is essentially the sort that Baby Doll would have hitched a ride into Blue Mountain to see—a tale of the very-very rich that tells the miserable critters in Dogpatch that money can't buy happiness.”


New York Times, 27.5.1968



“Der Film wurde bei seinem Start in den USA von der Kritik weitgehend mit dem mehrfach erfolglos inszenierten Williams-Stück identifiziert; er geriet in den sinkenden Strudel des sinkenden Sterns, der einst die US-amerikanische Bühne so hell erleuchtet hatte, und in einerr Pressekampagne gegen die Burtons, denen man ihren Reichtum nicht weniger vorwarf als ihre offen zur Schau getragene Missachtung des Geldes. Dass der Film unter anderem all das thematisiert – die ausgepowerte, krampfhaft in fernöstliche Philosopheme ausgreifende Sprache Williams’; die fettsüchtige Hysterie der Taylor; ihre phänomenale Geschmacklosigkeit; der stillos, weil geschichtslos durch alle Stile vagabundierende Prunk des Paares; seine Verachtung der öffentlichen Meinung (...); seinen selbstmörderischen Fanatismus, sich gegenseitig an die Wand und von der (Lein)Wand herunterzuspielen; Burtons sichtbare Anstrengung, seiner Existenz neben der physischen, vital überquellenden Präsenz Taylors ‚Bedeutung’ zu geben –: all das wurde von der deutschen Kritik kaum wahrgenommen (...).

Die cinematographische Auseinandersetzung mit BOOM! ist erst noch zu führen. Sie könnte mit der Beobachtung beginnen, wie die Bilder tatsächlich den Wörtern den Atem nehmen, ihr Literarisches als präpotent enthüllen, indem sie sich freilich an den Wörtern aufgeilen zu extremen Wagnissen. Es gibt in BOOM! kaum einen ‚natürlichen Blick, die Kamera ist stets auf Expressives bedacht, auf schräge Winkel, tangentiale Fluchtlinien, lange, träge Schwenks und Fahrten, von innen nach außen, von außen nach innen, das Bild immer festhaltend über den Dialog hinaus. (...)

BOOM! ist erkennbar ein weiterer der vielen Versuche Loseys, erst zu erkunden und zu entdecken, was Kino ist und sein soll.“


Peter W. Jansen in „Joseph Losey“ (Reihe Film 11), München/Wien: Hanser, 1977



„Today I'm trying to show a film that's very very important to me, that really personifies my taste. I used to show it on first dates. If they didn't like it I could never go out with them again. It's the best failed art film ever. It's called 'Boom!', it's a ridiculous re-title of the Tennessee Williams play 'The Milk Train Doesn't Stop Here Anymore'. It stars Elizabeth Taylor as Sissie Goforth, the richest woman in the world. It is the ultimate drag queen role. Rupert Everett even played the role on the stage in London a few years ago. I can never forgive my parents, as a play it came to Baltimore when I was twelve, and then it starred Tullulah Bankhead and Tab Hunter, and my parents didn't take me to see it, which I think is child abuse basically. It also stars Richard Burton as a poet nicknamed 'the angel of death', who has the unfortunate habit of calling on wealthy women the day before the undertaker. It was directed by Joseph Losey, and if I ever had to get a director tattooed on, I think it would be him. I like his failed art films the best. Failed art films seem to be a genre today that we don't see anymore, because now the independent film in America takes all the screens from all the foreign films that we used to see.”


John Waters, “Filth 101: An open discussion with John Waters, August 2001”

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