Freitag, 29. März 2013

GABRIELLE - Patrtice Chéreau

Dienstag 26.3.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von James Bews




FR 2005 | 95 min | Regie: Patrice Chéreau | Buch: Patrice Chereau, Anne-Louise Trividic nach dem Roman "The Return" von Joseph Conrad | Kamera: Éric Gautier | Schnitt: François Gédigier | Ton: Fabio Vacchi | Darsteller/innen: Isabelle Huppert, Pascal Gregory, Claudia Coli, Thierry Hancisse, Chantal Neuwirth, Thierry Fortineau, Louise Vincent;

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Isabelle Huppert, die auf dem Filmfestival in Venedig im letzten Jahr für ihre Darstellung mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, und Pascal Greggory („Wer mich liebt, nimmt den Zug”) spielen das einander vertraute, aber innerlich fremde Paar am Anfang des 20. Jahrhunderts, am Ende der Belle Epoque. Die beiden führen ein nach außen offenes Haus. Sie empfangen regelmäßig Gäste zu festlichen Abendveranstaltungen, schließen sich selbst aber, wenn die Besucher den Salon verlassen haben, zwischen glatten Marmorsäulen und griechischen Skulpturen wie in ein unterkühltes Grabmal ein, durch das Hausmädchen wie eine Schar emsiger Geister huschen, einzig dazu da, um ihren Herrschaften zu Diensten zu sein.

[Ulrike Mattern, jump-cut]
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Based on the short story The Return by Joseph Conrad, the film opens with Jean (Pascal Greggory) extolling the virtues of his pretty wife, Gabrielle (Isabelle Huppert), in voice-over as he makes his way home from work. Jean and his wife, with help from their team of servants, have fostered the illusion of a perfect bourgeois household. Jean is particularly happy with the way Gabrielle presents herself at the couple's frequent dinner gatherings, attended by their "set," whom, as he describes them, "fear emotion and failure more than war." We see glimpses of these occasions in flashback, while Jean explains of his wife, "I'm proud of what she is -- impassive." The secure little world he's fashioned for himself is shattered when he arrives home and finds a note from Gabrielle, explaining that she's leaving him. "It's terrible, and right," the missive states. After a brief explosion of rage, Jean tries to compose himself, but he's thrown into chaos again when Gabrielle unexpectedly returns home. She finds it impossible to speak to Jean. "This letter is not the worst of it?" he asks her. "The worst is my coming back," she explains. The two struggle bitterly to regain the balance in their relationship.

[Josh Ralske - rottentomatoes.com]
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Monsieur Chéreau, Sie wählen für Ihre Filme oft überraschende literarische Vorlagen. Das Spektrum reicht da von Alexandre Dumas über James Hadley Chase bis Hanif Kureishi. Was reizte Sie an der Novelle "Die Rückkehr" von Joseph Conrad?

Conrads Stil ist erstaunlich filmisch. Die Sinneseindrücke sind bei ihm ungeheuer einprägsam. Augenblicklich hat man beim Lesen die Schauplätze vor Augen; man weiß genau, zu welcher Tageszeit und bei welchem Wetter sich die Szenen abspielen. Seine Erzählungen sind großartige Parabeln, die er mit rätselhafter Bedeutung aufgeladen hat. Und seine Bilder sind nie statische Tableaus, sondern treiben die Handlung voran. Sein Stil ist sehr mysteriös.

Kann dieser filmische Stil auch zum Hindernis werden?

Zunächst ist er natürlich ein Vorteil. Nicht von ungefähr gibt es bislang rund 30 Verfilmungen von Conrads Novellen! Seine Texte muten bereits wie Drehbücher an, sind so konstruiert, dass man sich bei der Adaption an ihren Eck- und Wendepunkten festhalten kann. Aber es gibt selbstverständlich einen Punkt, an dem man sich von jeder Vorlage befreien sollte. Wir mussten für unser Drehbuch viel hinzuerfinden. Die Frau spricht in der Novelle praktisch nicht, sie hat nicht einmal einen Namen. Meine stärkste Leseerinnerung ist jener Moment, als der Mann den Brief seiner Frau entdeckt. Noch bevor er den Inhalt kennt - sie will ihn verlassen -, ist er verstimmt darüber, bei seiner Heimkehr etwas Unvorhergesehenes vorzufinden. Solche Nuancen sind gewiss schwer umsetzbar. Die größte Herausforderung war, ein filmisches Äquivalent für den darauf folgenden Moment zu finden - für seine Reaktion beim Lesen des Briefs, die innere Explosion, die er in ihm auslöst. Im Roman öffnet der Mann das Fenster, das schien mir zu theatralisch. Um diesen Schock, dieses Gefühl der Entwurzelung darzustellen, habe ich im Schneideraum wirklich jedes Mittel zur Hilfe gerufen, das mir das Kino bereitstellt. Bis dahin haben wir die Erzählstimme des Ehemanns gehört, die mitten im Satz abbricht, als er den Brief sieht. Seine Bewegungen sind in leichter Zeitlupe aufgenommen; es gibt eine leichte Unschärfe, um seine Erschütterung zu unterstreichen. Er ist wie betäubt. Auf der Tonspur ist nichts zu hören, die Geräusche kehren erst mit einer Verzögerung zurück. Die Verschiebung der Erzählperspektive ist bezeichnend, denn in der Novelle gibt es einen allwissenden, keinen Ich-Erzähler.

Birgt das nicht das Risiko, die Ironie einzubüßen, mit der Conrad die sozialen Ambitionen des Paares schildert?

Wenn der Ehemann im Film den Kreis seiner Bekannten beschreibt - Leute, die sich vor Gefühlsregungen und dem Ruin mehr fürchten als vor Feuer, Krieg oder tödlichen Krankheiten -, dann tut er das mit Conrads Worten, aber ohne einen Funken von Selbsterkenntnis und Humor. Er kennt nur die Arbeit und das Streben nach Erfolg; er begreift nicht, welches Gewicht die Dinge des Leben haben. In seiner Selbstgewissheit unterliegt er einer gigantischen Täuschung. Ich denke, gerade da bleibt Conrads Ironie erhalten. Nachdem seine Welt aus den Fugen geraten ist, fühlt sich der Ehemann wie ein Fremder in seinem eigenen Haus. Er verbirgt sich sogar vor seinen Domestiken.

Worin liegt Conrads Modernität?

Es geht um Menschen, die erkennen müssen, wie sehr sie in ihrer Ehe ihren Körper und ihre Gefühle ignoriert haben. Mich hat die ungeheuere psychologische Einsicht Conrads fasziniert, die sich in dem einen verblüffenden Satz zeigt, den sie in der Novelle sagt: "Wenn ich gewusst hätte, dass Sie mich lieben, wäre ich nie zurückgekehrt." Dieser Satz hat für mich den Ausschlag gegeben, "Gabrielle" zu drehen.

Nach "Intimacy" und "Sein Bruder" ist dies Ihr dritter, intimistischer Film in Folge. Warum haben Sie diese Richtung eingeschlagen?

Weil ich kein Geld für teure Filme bekomme. Das ist der Grund.

Gibt es nicht auch inhaltliche Gründe für diesen Wandel? Mit "Intimacy" hat ein ruhigerer Erzählrhythmus Eingang in Ihr Kino gefunden.

Das Tempo von "Die Bartholomäusnacht" und "Wer mich liebt, nimmt den Zug" hängt sicher damit zusammen, dass sich da viele Geschichten überkreuzen. "Intimacy" ist entstanden, weil mir auffiel, wie häufig ich davon sprach, dass ich Ensemblefilme mag. Da hab ich mich gefragt, ob ich womöglich gar nicht in der Lage wäre, einen Film mit nur zwei Figuren zu drehen. Die Arbeit eines Regisseurs sollte aber beide Dimensionen besitzen. Nun würde ich gern wieder einen teuren, großen Film machen.
[Patrice Chereau im Gespräch mit Gerhard Midding, Berliner Zeitung]

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