Mittwoch, 6. März 2013

CEUX QUI M'AIMENT PRENDRONT LE TRAIN - Patrice Chéreau

Dienstag 12.3.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von Maik Teriete




F 1998 | 122 min | Regie: Patrice Chéreau | Buch: Danièle Thompson, Patrice Chéreau, Pierre Trividic | Kamera: Éric Gautier | Montage: François Gédigier | Darsteller/innen: Pascal Greggory, Valeria Bruni Tedeschi, Charles Berling, Jean-Louis Trintignant, Bruno Todeschini, Sylvain Jacques, Vincent Perez, Roschdy Zem, Dominique Blanc, Delphine Schiltz, Nathan Kogen, Olivier Gourmet u.a. | Musik: Björk, Beth Gibbons und Gustav Mahler | Produktion: Charles Gassot, Jacques Hinstin


Nach dem Tod des mittelmäßigen Malers Jean-Baptiste Emmerich begeben sich seine Verwandten, Bekannten, ehemaligen Liebhaber und Erben auf eine gemeinsame Fahrt mit dem Zug nach Limoges, wo Jean-Baptiste seine letzte Ruhestätte finden soll. Noch zu Lebzeiten hatte Emmerich diese gemeinsame Reise mit der Eisenbahn seinen „Lieben“ angeordnet. Beim ersten Zusammentreffen der Trauergemeinde im Bahnhof werden die unterschiedlichen Beziehungskonstellationen erzählerisch eingeführt: Zwischen Jean-Marie, dem leiblichen Sohn des Malers und seiner Frau, die sich gerade getrennt haben, besteht eine offensichtliche Spannung. François, ein ehemaliger Schüler und gleichzeitig ideeller Sohn und Ex-Freund des Toten, reist mit seinem aktuellen Lebensgefährten, doch auch diese Beziehung wird durch das Auftauchen eines HIV-infizierten Liebhabers von François auf eine harte Probe gestellt.
In der Enge des Zuges brechen alte Verletzungen und Erinnerungen auf. Die Reisenden geraten in Streit um die Gunst des Verstorbenen und es wird deutlich, dass die Konkurrenz, in der sich die echten und unechten Freunde, Verwandten und Weggefährten Jean-Baptistes zu Lebzeiten befunden haben, auch über dessen Tod hinaus andauert. Die unausweichliche Enge der Reiseanordnung verschärft die Konflikte, doch erst nach der Beerdigung kommt es im Haus des Bruders Jean-Baptistes schließlich zum großen Finale, das auch versöhnliche Elemente enthält.

"Wer mich liebt, nimmt den Zug" ist von der ersten Minute an ein fesselndes Stück Kino. Mehrere Personen, die in verschiedenen Beziehungen zueinander stehen, machen sich mit dem Zug auf, um zur Beerdigung eines Freundes bzw. Verwandten zu reisen, was sein letzter Wille war.
Wie Regisseur Patrice Chéreau bereits zu Beginn das hektische Treiben auf dem Bahnhof einfängt und nebenbei seine Charaktere einführt, ist brillant und vollkommen leichthändig. (...) Ich halte "Wer mich liebt..." für alles andere als gescheitert, im Gegenteil. Dies ist eine von Chéreaus besten Arbeiten. Die Konflikte und Situationen sind auf den Punkt getroffen und klar gezeichnet, das Setting (der überwiegende Teil des Films spielt im Zug) ist realistisch und beklemmend, der Ton des Films schwankt zwischen trauriger Melancholie, Nervosität und bitterem Humor. Anders als in US-Produktionen bekommen wir die Charaktere und ihre Probleme nicht auf dem Silbertablett präsentiert, sondern man braucht als Zuschauer eine ganze Weile, um zu verstehen, wer in welcher Beziehung zu den anderen (und dem Verstorbenen) steht und wo sich die Konflikte befinden.
Es ist, als wäre man selbst Mitreisender und würde diese merkwürdige Gruppe höchst neurotischer Menschen gerade kennen lernen. Je näher die Figuren der Beerdigung kommen, desto schneller und härter fallen die Masken. Nach der Beerdigung im Haus des Toten spitzen sich die Konflikte noch einmal zu, hier ist aber auch Raum für Versöhnung. Ein klasse Thema, technisch einwandfrei umgesetzt. Man mag Chereau vielleicht mangelnde Geschlossenheit vorwerfen, aber für mich ist gerade die Freiheit seines Umgangs mit dem Stoff (das Zug-Setting wird mehrfach aufgebrochen, die Kameratechniken wechseln je nach Gemütslage der Figuren) so faszinierend.


Herzen auf der Zunge
Limoges ist eine Art Grenzstadt zum Reich der Toten: Der Friedhof dort ist mit 185 000 Gräbern reicher bevölkert als der Ort mit seinen 140 000 Einwohnern. Für Chéreau scheint das vor allem eine Herausforderung zu sein, mit jeder Szene zu beweisen, wie lebendig seine Figuren sind. 15 der allerbesten französischen Schauspieler besteigen in Paris den Zug, um in Limoges der Beerdigung des homosexuellen Malers Jean-Baptiste beizuwohnen. Und wenn Zusammenkünfte dieser Art schon im wirklichen Leben die Pest sind, so wird hier aus dem Ausflug die reinste Höllensturz. Von Beginn an stürzt sich die Cinemascope-Kamera von Eric Gautier ins Getümmel, als sei sie selbst vom Reisefieber gepackt. Nach kürzester Zeit hat man den Eindruck, dass einzig die Zugtoilette so etwas wie Ruhe garantiert.
Patrice Chéreau ist ein Mann des Theaters und wird – so sehr er sich auch um filmische Größe bemühen mag – immer einer bleiben. Er kehrt stets das Innerste nach Außen, so wie er es von der Bühne gewohnt ist, und will einfach nicht begreifen, dass die Wege des Kinos genau in die entgegengesetzte Richtung führen. Je sorgfältiger man sich der Außenhaut der Welt nähert, desto eher wird man durch sie hindurchdringen können. Und wenn schon alle ihre Herz auf der Zunge tragen müssen, dann muss die Kamera nicht auch noch versuchen, ihnen dabei in den Rachen zu blicken.
Natürlich ist es ein Vergnügen Jean-Louis Trintignant in einer Doppelrolle zu hören und zu sehen: als Toter ist er in einem letzten Interview zu hören, und als überlebender Bruder frönt er dem Schuh-Fetischismus. Allein er scheint sich dem Drang des Regisseurs zur totalen Veräußerung der Gefühle entziehen zu können. All den anderen ist man allerdings dennoch zugeneigt, weil man sie auch schon besonnener gesehen hat: Vincent Perez, Valéria Bruni-Tedeschi, Charles Berling, Roschdy Zem, Dominique Blanc, Pascal Greggory. Aber in dieser Besetzung wirken sie fast wie Karikaturen von Bürgerschrecks: Drogensüchtige, Transsexuelle, Schwangere, Aids-Kranke, Dealer, Hysteriker. Wenn das der indiskrete Charme der Bohème sein soll, dann haben sie mit ihrer Zwanghaftigkeit die Bourgeoisie längst überholt. Denn all die großen Ausbrüche sind dann nur noch ein Mittel, um die kleinlichen Gefühle zu kaschieren. Eine Fratze allein macht aus einem Kleinbürger noch keinen Künstler.
Chéreau ist in jeder Hinsicht ein anderer Regisseur als Chabrol. Aber was Fassbinder über letzteren gesagt hat, gilt auch für ersteren: Er ist wie ein kleiner boshafter Junge, der allerlei Tierchen in sein Terrarium steckt, um dann zuzusehen, wie sie übereinander herfallen und sich zerfleischen. Wenn hinter den großen Verletzungen tatsächlich zärtliche Gefühle verborgen liegen, dann muss es sich um die Zärtlichkeit der Wölfe handeln.
Der Titel geht zurück auf den Dokumentarfilmer François Reichenbach, der sich auch fernab von Paris in Limoges beerdigen ließ und verwunderten Fragen mit der Antwort zuvorkam: „Wer mich liebt, nimmt den Zug”. Wer im Kino sitzt, muss man leider sagen, sehnt sich irgendwann nach der Notbremse.
[Michael Althen in der Süddeutschen Zeitung]

1998 Nominierung Goldene Palme Cannes
1999 César in drei Kategorien (Regie, Kamera und Dominique Blanc als beste Nebendarstellerin)
2000 Nominierung British Independent Film Award

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