Dienstag 16.08.2011
22.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund
ACHTUNG: SOMMER-SPECIAL im Kino FSK (Segitzdamm 2 - Kreuzberg)
mit kurzem, knackigen Filmgespräch anschließend im Café Obermaier
mit kurzem, knackigen Filmgespräch anschließend im Café Obermaier
SHIT YEAR | US | 2010 | 95 Minuten | 16mm, s/w & Farbe | Regie: Cam Archer | Buch: Cam Archer | Kamera: Aaron Platt | Schnitt: Madeleine Riley | Ton: Nate Archer & Jasper Bel | Musik: Mick Turner | Songs: Sarabeth Tucek | Ausstattung: Elizabeth Birkenbuel | Setdesign: Liza Chenault | Produzenten: Larss Knudsen, Jay Van Hoy | Darsteller: Ellen Barkin, Luke Grimes, Bob Einstein, Theresa Randle, Melora Walters, Josh Blaylock und Ricky Lee Jones | Eine Produktion von Parts & Labour zusammen mit Strange Loop & Wild Invention | Weltvertrieb: Match Factory | Im Verleih der Edition Salzgeber
Cannes, Quinzaine des Réalisateurs 2010
Colleen West steht am Ende ihrer Karriere als Schauspielerin. Der letzte Vorhang des Theatertriumphs „Star Witness“ ist gefallen, ihre Affäre mit dem jugendlichen Schauspielkollegen Harvey beendet, das letzte Fernsehinterview gegeben. Ihr Agent schickt Grüße aus dem nicht mehr interessierten Hollywood. Die Diva zieht sich in eine Hütte in den Bergen zurück und versucht, von Baulärm und aufdringlichen Nachbarn gestört, das „Scheißjahr“ zu vergessen. Sie hat Angst vor der Einsamkeit und davor, nichts mehr zu verlieren zu haben.
„Über weite Strecken ist das alles, um nur das Mindeste zu sagen, rätselhaft. Immer aber ist es wunderschön. Nicht nur Colleen und Harvey füllen mit ihren wundervollen Gesichtern die Leinwand. Auch die Welt, in der sie sich begegnen und wieder verlieren, an einander erinnern und voneinander loskommen wollen, entwirft der Film als eine Welt aus großartigen Lichttexturen. Waldboden und Wasseroberfläche, Gazeschleier und Wasser-Sternenhimmel werden zu den Wänden dieser Kinowelt, auf die ihre Figuren und wir alles Mögliche projizieren können. Einmal erinnert mich diese Welt aus Licht und Schatten an Maya Derens und Alexander Hammids Meshes of the Afternoon, der nicht weit von Shit Year entfernt, ebenfalls in L. A. gedreht wurde. Was beide verbindet, ist das unnachgiebige und sehr besondere Licht, welches die amerikanische Filmproduktion kurz nach 1900 an die Westküste lockte und Hollywood erst zu dem werden ließ, was es dann wurde. Mir scheint, dass dies das eigentlich Drama dieses Films ist: In welches Licht taucht dieser Ort seine Menschen? Im Licht Hollywoods zu stehen, das heißt, jemand anderes zu werden.“
(André Wendler, Sissy)
„Es ist ein Traum vom Filmemachen, den "Shit Year" sich gestattet: West, die nie damit aufhört, ihre Person hinter stetem Schauspiel zum Verschwinden zu bringen, hängt einer zur Lebensperlenschnur geronnenen Filmografie von 35 Filmen nach. Archer wiederum erträumt sich einen Filmkosmos, in dem sich teils subversive, teils persönliche Formen des Filmemachens miteinander verschränken. "Irgendwann wird man süchtig danach, eine andere Person zu sein", sagt West mit ihrer wunderbar papierenen Stimme an einer Stelle. Genauso ist Archers Film süchtig danach, ein anderer Film zu sein.
Mitunter grenzt seine Methode an das narzisstische Vergnügen, das andere beim Pflegen ihrer Schmetterlingssammlung empfinden mögen - und doch schiebt sich dabei neben Manieriertes immer auch Geglücktes, neben brav erfüllte auteuristische Konventionen treten wunderschöne Filmpartikel, in denen sich mitunter ein lakonisch-absurder Humor ausdrückt.
Vor allem aber ist "Shit Year" ein Film, der gehört sein will: Wie lange kein zweiter Film mehr ist "Shit Year" an den Rändern seinen Bilder akustisch offen und holt damit die Textur einer ganzen Welt ins klanglich Erfahrbare: Es rumort und hämmert aus der Baustelle neben dem Haus, es raschelt und weht im Wald, mitunter hört man die Filmkamera still surren, dann wieder wägt Ellen Barkin im Voiceover jeden Konsonanten auf selten gehörte, körperliche Weise ab. Was dabei im Verbund mit den assoziativen Bildern, mit den sachten Kamerabewegungen entsteht, ist reiner, sinnlicher Ambient - nicht so sehr die Geschichte eines Psychodramas, sondern dessen Aufschichtung.“ (Thomas Groh, Taz)
Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=zgDOvcWLJzY






