Dienstag 14.06.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund
LES TEMPS QUI CHANGENT - CHANGING TIMES | FR | 2004 | Regie: André Téchiné | Buch: André Téchiné, Pascal Bonitzer, Laurent Guyot | Kamera: Julienn Hirsch | Schnitt: Martine Giordano | Musik: Juliette Garrigues | Ton: Jean-Paul Muguel, Francis Wargnier | gedreht 2004 in Marokko | 90 Minuten | Darsteller: Catherine Deneuve (Cécile), Gerard Depardieu (Antoine), Gilbert Melki (Nathan), Malik Zidi (Sami), Lubna Azabal (Nadia / Aïcha), Tanya Lopert (Rachel), Nadem Rachati (Bilal)
Berlinale Wettbewerb 2005
Antoine kommt nach Tanger, um die Bauarbeiten eines Medienzentrums voranzutreiben. Der heimliche und eigentliche Grund seiner Anreise ist allerdings Cécile, seine Ex-Geliebte, die er nun nach über 30 Jahren der Suche in Marokko ausfindig gemacht hat und die er für sich zurückgewinnen will. Cécile ist verheiratet mit dem Arzt Nathan. Gemeinsam haben sie einen Sohn, Sami, der zur Zeit mit Freundin Nadia und deren Sohn Said in Paris lebt, nun aber über die Sommerferien zu Besuch kommt. Beide haben jedoch noch einen weiteren Grund, ihre Ferien ausgerechnet in Tanger zu verbringen. Nadia ist auf der Suche nach ihrer Zwillingsschwester Aicha, einer traditionsbewusst lebenden Muslimin, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Und Sami lässt seine Affäre mit Bilal wieder aufleben, den er dazu überreden will, ihn zurück nach Paris zu begleiten. Eine Zeit der Veränderung hat begonnen.
Das Kino von André Téchiné ist eine feste Arthouse-Größe, findet aber nur ab und zu auf deutschen Leinwänden statt. Téchiné macht ein ausgesprochen experimentelles Kino mit großen Stars (hier mit Deneuve und Depardieu in ihrem siebten gemeinsamen Film), das passt für viele nicht zusammen. Er hat eine sehr eigenständige Melodram-Konzeption, die nicht über psychologische Konflikte funktioniert, sondern im empfindlichen, physischen Sinn in Bewegung begriffen ist: den Filmen ist ein ungeheurer Drive eigen, die Protagonisten handeln obsessiv, die Montage (fast immer: Martine Giordano) ist hysterisch, dem Zuschauer stockt der Atem. Téchinés Kino geht von solchen Figuren aus, die außer sich sind – und lagert um sie herum Geschichten, Konflikte, Gesellschaft, Welt an. Menschen bewegen sich (im Kleinen) voneinander weg oder verlassen (im Großen) Kontinente.
“In CHANGING TIMES, Mr. Téchiné, the great French director, is near the peak of his form. Weaving a half dozen subplots, he creates a set of variations on the theme of divided sensibilities tugging one another into states of perpetual unrest and possible happiness. This microcosm of a world in transition might seem painfully schematic had it been conceived by a less subtle filmmaker. But for the most part Mr. Téchiné carries it off without its seeming heavy-handed. When it’s time to end the movie after a swift, compact 95 minutes, he refuses to wind his stories into a tight knot and lets most of the threads dangle.
Much of the movie’s charm lies in its sheer vitality.” (Stephen Holden, The New York Times)
„Das ist das Zittern des Lebens. Das verführt mich, weil es am meisten von den Schauspielern und den Figuren offenbart. Es interessiert mich, mit der Kamera lebendige Materie einzufangen. Diese lebendige Materie befindet sich in permanenter, unaufhörlicher Bewegung. Diese Bewegung möchte ich einfangen: was die Figuren, die Menschen und auch die Schauspieler voneinander entfernt und annähert. Dieses Zittern des Lebens in den menschlichen Beziehungen versuche ich mit meiner Kamera einzufangen. (...)
Man kann so tun - das ist ein wenig meine Idealvorstellung von Regie - , als sei die Kamera überall gleichzeitig. Das ist nicht sehr akademisch. Ich glaube, auf der Filmschule lernt man, zunächst einen Schauplatz mit einer Totalen einzuführen und sich dann immer mehr anzunähern. Der Anfang einer Szene muss immer eine Einleitung sein. Ich mache das nicht so gern. Mir ist es lieber, unvermittelt und augenblicklich ins Herz, ins Fleisch einer Szene vorzudringen. Oft beginne ich mit sehr nahen Einstellungen und erweitere nach und nach den Horizont.“ (André Téchiné im Gespräch mit Gerhard Midding)
„Und wie es oft geht, wenn einem zur eigentlichen Geschichte nichts einfällt: Man lässt sich weitere Geschichten einfallen, zu denen einem auch nichts einfällt, aber man kriegt die Zeit herum. So kommen die übrigen Figuren ins Bild, leblos, ziellos, keiner Notwendigkeit geschuldet, es wäre genauso gut, es gäbe sie nicht, vielmehr: es wäre besser, keiner hätte sie sich je ausgedacht. Was für eine Verschwendung der Schauspielerlegenden Deneuve und Depardieu.“ (Ekkehard Knörer, perlentaucher.de)

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