Mittwoch, 15. Juni 2011

I DON'T WANT TO SLEEP ALONE - Tsai Ming-Liang

Dienstag 21.06.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Krüger



I DON'T WANT TO SLEEP ALONE
| Malaysia/Taiwan 2006 | Regie und Buch: Ming-liang Tsai | Kamera: Pen-jung Liao, Ming-liang Tsai | Schnitt: Sheng-Chang Chen | Darsteller: Kang-sheng Lee, Shiang-chyi Chen, Norman Atun … | 115 min


Eröffnung: Venedig 2006

Shooting for the first time in Malaysia after seven features set primarily in Taipei, director Tsai Ming-Liang returns to his birthplace with a film unlike any of his prior works. Different in texture, mood and feel, and featuring a cast of multi-cultural and multi-lingual characters, the vivid, crowded, neon-lit streets of Kuala Lumpur come alive as only master director Tsai Ming-Liang can capture...

(Text des Verleihs axiomfilms)


A group of immigrants from Bangladesh find a rotten old mattress abandoned in the street, then a Chinese man left for dead by a band of local villains. Rawang is Malaysian and lives with them in an apartment block, which is only half-built due to the economic crisis. He nurses Hsiao Kang and gets him back on his feet again. In the same building lives Chyi, a Chinese girl employed by a restaurant owner to look after her son, who is the man in the coma from the opening scene. Hsiao Kang becomes the object of desire of Rawang, Chyi and her boss, and the circulation of the mattress accompanies the flow of affections.

(Cyril Neyrat: http://www.cahiersducinema.com/Critique-I-don-t-want-to-sleep,1169.html )


Wie eine ironische Anspielung auf den Mozart-Auftrag wirkt es, wenn der Taiwanese Tsai Ming-liang in einer Einstellung seines Films einen im Wachkoma liegenden jungen Mann zeigt, während aus dem Radio recht penetrant die Koloraturen der Königin der Nacht kieksen. I Don’t Want to Sleep Alone spielt in einem abgerissenen Viertel in Kuala Lumpur. Ein junger Chinese wird zusammengeschlagen, von einem Bauarbeiter aufgenommen und gesund gepflegt. In aller Ausführlichkeit filmt Tsai Ming-liang diese Fürsorge und ihre verhaltene Zärtlichkeit. Rwang, der Illegale aus Bangladesch, füttert und wäscht seinen Gast, bringt ihn auf die Toilette, kühlt ihm die Blutergüsse und kremt ihn ein. Berührungen scheinen in diesem Film nur unter dem Signum des Pflegens, Kümmerns, Helfens möglich. So wie bei der jungen Kellnerin Chyi, die den reglos im Krankenbett liegenden Sohn ihrer Chefin betreut und befriedigt.

In Tsai Ming-liangs enger düsterer Stadtlandschaft gibt es keinen privaten Raum. Seine Helden wohnen in Zimmerwinkeln, auf rumpeligen Dachböden, teilen sich Matratzen und treffen sich in den gigantischen Zementruinen des abgeflauten Wirtschaftsbooms. Und doch ist I Don’t Want to Sleep Alone alles andere als ein Sozialdrama der malaysischen Unterschicht. Es ist ein wunderbar zarter Film über die Sehnsucht nach Berührung und womöglich auch ein freies Spiel mit den Liebesmotiven der Zauberflöte. Ihre Wasser- und Feuerproben erleben die Paare dieses Films an den schwarz glänzenden Seen der still gelegten Baugruben und im Qualm der unterirdischen Müllbrände. Sie küssen sich hustend unter Rauchmasken und angeln friedlich an toten Gewässern.

(Katja Nicodemus: http://www.zeit.de/2006/37/Venedig-Zwischenbericht )


Mittwoch, 8. Juni 2011

LES TEMPS QUI CHANGENT - André Téchiné

Dienstag 14.06.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




LES TEMPS QUI CHANGENT - CHANGING TIMES
| FR | 2004 | Regie: André Téchiné | Buch: André Téchiné, Pascal Bonitzer, Laurent Guyot | Kamera: Julienn Hirsch | Schnitt: Martine Giordano | Musik: Juliette Garrigues | Ton: Jean-Paul Muguel, Francis Wargnier | gedreht 2004 in Marokko | 90 Minuten | Darsteller: Catherine Deneuve (Cécile), Gerard Depardieu (Antoine), Gilbert Melki (Nathan), Malik Zidi (Sami), Lubna Azabal (Nadia / Aïcha), Tanya Lopert (Rachel), Nadem Rachati (Bilal)


Berlinale Wettbewerb 2005


Antoine kommt nach Tanger, um die Bauarbeiten eines Medienzentrums voranzutreiben. Der heimliche und eigentliche Grund seiner Anreise ist allerdings Cécile, seine Ex-Geliebte, die er nun nach über 30 Jahren der Suche in Marokko ausfindig gemacht hat und die er für sich zurückgewinnen will. Cécile ist verheiratet mit dem Arzt Nathan. Gemeinsam haben sie einen Sohn, Sami, der zur Zeit mit Freundin Nadia und deren Sohn Said in Paris lebt, nun aber über die Sommerferien zu Besuch kommt. Beide haben jedoch noch einen weiteren Grund, ihre Ferien ausgerechnet in Tanger zu verbringen. Nadia ist auf der Suche nach ihrer Zwillingsschwester Aicha, einer traditionsbewusst lebenden Muslimin, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Und Sami lässt seine Affäre mit Bilal wieder aufleben, den er dazu überreden will, ihn zurück nach Paris zu begleiten. Eine Zeit der Veränderung hat begonnen.


Das Kino von André Téchiné ist eine feste Arthouse-Größe, findet aber nur ab und zu auf deutschen Leinwänden statt. Téchiné macht ein ausgesprochen experimentelles Kino mit großen Stars (hier mit Deneuve und Depardieu in ihrem siebten gemeinsamen Film), das passt für viele nicht zusammen. Er hat eine sehr eigenständige Melodram-Konzeption, die nicht über psychologische Konflikte funktioniert, sondern im empfindlichen, physischen Sinn in Bewegung begriffen ist: den Filmen ist ein ungeheurer Drive eigen, die Protagonisten handeln obsessiv, die Montage (fast immer: Martine Giordano) ist hysterisch, dem Zuschauer stockt der Atem. Téchinés Kino geht von solchen Figuren aus, die außer sich sind – und lagert um sie herum Geschichten, Konflikte, Gesellschaft, Welt an. Menschen bewegen sich (im Kleinen) voneinander weg oder verlassen (im Großen) Kontinente.


“In CHANGING TIMES, Mr. Téchiné, the great French director, is near the peak of his form. Weaving a half dozen subplots, he creates a set of variations on the theme of divided sensibilities tugging one another into states of perpetual unrest and possible happiness. This microcosm of a world in transition might seem painfully schematic had it been conceived by a less subtle filmmaker. But for the most part Mr. Téchiné carries it off without its seeming heavy-handed. When it’s time to end the movie after a swift, compact 95 minutes, he refuses to wind his stories into a tight knot and lets most of the threads dangle.

Much of the movie’s charm lies in its sheer vitality.” (Stephen Holden, The New York Times)


„Das ist das Zittern des Lebens. Das verführt mich, weil es am meisten von den Schauspielern und den Figuren offenbart. Es interessiert mich, mit der Kamera lebendige Materie einzufangen. Diese lebendige Materie befindet sich in permanenter, unaufhörlicher Bewegung. Diese Bewegung möchte ich einfangen: was die Figuren, die Menschen und auch die Schauspieler voneinander entfernt und annähert. Dieses Zittern des Lebens in den menschlichen Beziehungen versuche ich mit meiner Kamera einzufangen. (...)

Man kann so tun - das ist ein wenig meine Idealvorstellung von Regie - , als sei die Kamera überall gleichzeitig. Das ist nicht sehr akademisch. Ich glaube, auf der Filmschule lernt man, zunächst einen Schauplatz mit einer Totalen einzuführen und sich dann immer mehr anzunähern. Der Anfang einer Szene muss immer eine Einleitung sein. Ich mache das nicht so gern. Mir ist es lieber, unvermittelt und augenblicklich ins Herz, ins Fleisch einer Szene vorzudringen. Oft beginne ich mit sehr nahen Einstellungen und erweitere nach und nach den Horizont.“ (André Téchiné im Gespräch mit Gerhard Midding)


„Und wie es oft geht, wenn einem zur eigentlichen Geschichte nichts einfällt: Man lässt sich weitere Geschichten einfallen, zu denen einem auch nichts einfällt, aber man kriegt die Zeit herum. So kommen die übrigen Figuren ins Bild, leblos, ziellos, keiner Notwendigkeit geschuldet, es wäre genauso gut, es gäbe sie nicht, vielmehr: es wäre besser, keiner hätte sie sich je ausgedacht. Was für eine Verschwendung der Schauspielerlegenden Deneuve und Depardieu.“ (Ekkehard Knörer, perlentaucher.de)

Mittwoch, 1. Juni 2011

COMMENT JE ME SUIS DISPUTE... (MA VIE SEXUELLE) - Arnaud Desplechin


Dienstag 07.06.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Thomas Moritz Helm




COMMENT JE ME SUIS DISPUTE... (MA VIE SEXUELLE) | Frankreich 1996 | Regie: Arnaud Desplechin | Buch: Emmanuel Bourdieu| Kamera: Eric Gautier | Montage: Laurence Briaud, François Gédigier | Musik: Krishna Levy | Produzent: Pascal Caucheteux | Darsteller: Mathieu AMALRIC, Jeanne BALIBAR, Thibault DE MONTALEMBERT, Marianne DENICOURT, Fabrice DESPLECHIN, Emmanuelle DEVOS, Chiara MASTROIANNI, Bruno PODALYDES, Emmanuel SALINGER | 178 Minuten | Farbe | Französisch, Engl. UT

Da der Film Überlänge hat, werden wir wieder (und ab jetzt ja auch sowieso immer) ABSOLUT PÜNKTLICH um 20.30 Uhr mit der Vorführung beginnen!


“My movies are not for everyone, but anyone.” (Arnaud Desplechin)


Inhalt:

Paul is 29 years old; he is an assistant professor in a University just outside of Paris. Since Paul has been teaching without wanting to, he wants to quit his 'provisional' job he's been in for the last two years, but cannot seem to do it. He wants to quit so bad he hasn't even taken his exams to become a full-time teacher. So he lives a part time life with a modest income waiting to start what would be hard for him to call, without a doubt, his life as a man. Paul lives with his cousin Bob, and has been seeing the same girlfriend, Esther, for 10 years. They don't get on and they have spent 10 years trying to get rid of each other. Paul has been having an adventure with another girl he met 2 years ago. But he finds out that she is engaged to his best friend, Nathan, whom he admires greatly. Since Paul doesn't believe in 'taking' a women from another man, this is where his problems start...

Quelle: Festival de Cannes (Der Film lief im Jahre 1996 in Cannes im Wettbewerb)

"The title lets you know that this is a rambling, self-conscious film trying hard to be sexy and not knowing when to stop... It could be seen as an entire season of "Friends" episodes, strung together without commercials. It speaks meaningfully to intellectual 20-somethings who still deem friendship more important than family or love or career. Jean Eustache's "The Mother and the Whore" did the same thing in 1974 for my generation..."

(Karen Jaehne)


LINKS:

Mittwoch, 25. Mai 2011

LA VIE DES MORTS - Arnaud Desplechin


Dienstag 31.05.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Thomas Moritz Helm




LA VIE DES MORTS | Frankreich 1991 | Regie: Arnaud Desplechin | Buch: Arnaud Desplechin| Kamera: Eric Gautier | Montage: Laurence Briaud, François Gédigier | Produzent: Pascal Caucheteux, Anne Defurne | Darsteller: Thibault de Montalembert, Roch Leibovici, Marianne Denicourt, Bernard Ballet, Emmanuelle Devos, André Cellier, Hélène Roussel, Elisabeth Maby, Eric Bonicatto, Gregori Baquet, Georges Rucki, Nita Klein, Louis-Do de Lencquesaing, Nicolas Koretzky... | 54 Minuten | Farbe | Französisch, Engl. UT


Aus gegebenem Anlass werden wir am Dienstag - und ab jetzt dann auch immer - ABSOLUT PÜNKTLICH um 20.30 Uhr mit der Vorführung beginnen!

“My movies are not for everyone, but anyone.” (Arnaud Desplechin)

Obwohl das Französische Kino der 90er Jahre von einigen Journalisten als “Desplechin generation” beschrieben wird, ist das Werk von Arnaud Desplechin in Deutschland relativ unbekannt. Meines Wissens lief kein einziger seiner Filme in Deutschland im Kino. Was mir an seinen Filmen gefällt ist, dass sie auf der einen Seite sehr leicht zugänglich und lesbar sind, man sie aber im Detail gar nicht so einfach greifen oder gar festnageln kann. Hierin liegt (neben den farcettenreichen Charakterzeichnungen und den durchweg phantastischen Leistungen der Schauspieler) die große Qualität seiner Filme. Er selber sagt:

„I love the popular forms. Stupid, thanksgiving, genre movies... I’m quite proud to be a part of it. That you have a high culture and a popular culture mixed together. To me, that’s really a utopia and only cinema can mix that way and that deeply all available meanings one can imagine.“



Inhalt:

Der Selbstmordversuch eines 20-Jährigen, der sich eine Kugel in den Kopf schoss und jetzt mit dem Tod ringt, versammelt die vielköpfige Verwandtschaft im Haus seiner Eltern. Die erste Betroffenheit wird bald vom Gefühl eines Familientreffens überlagert, hinter dem die verdrängte Frage nach dem Grund für die Verzweiflungstat und nach dem Tod lauert und das stillschweigende Eingeständnis, vom Sterben überfordert zu sein. Die Gesellschaft tritt die Flucht in den Pragmatismus an und beschäftigt sich mit Alltagsbanalitäten.

Quelle: MUBI

Der Film lief im Jahre 1991 in Cannes in der Sektion „La semaine de la critique“.



Even from his first feature film La Vie des morts, Arnaud Desplechin was already establishing a quintessentially dynamic framework for his recurring themes on surrogacy, human idiosyncrasies, and the ephemeral nature of desire.

Acquarello auf der Webseite „stricly film school“



The plot was really simple and I guess it had to do with David Cronenberg. This guy, this cousin is between life and death, and the girl arrives at the parents’ house, she starts puking and she doesn’t have her period and she doesn’t understand what’s happening. After a while she realises she’s pregnant with something which is the death of her cousin. When she delivers, at the very same moment she learns the cousin died at the hospital. The irony of it. Perhaps the idea is so brutal that the spectators can’t follow this plot at all.

Arnaud Desplechin in einem Interview mit Marco Bauer (Senses of cinema, Issue 58)



"It's a lot of work to have density—to fill the screen with details and small stuff, trying to imagine for each character a past and a future. I think it has to do with a hunger and it goes back to my first film [La Vie des Morts]. I was scared to death that I would never make another one, and I wanted so much to work with actors, so even though it was very low-budget and we only had five days, I wrote more characters than I could really put in: 25 actors in this one-hour film. I was hungry—I just wanted a lot of them, quantity not quality, different actors, different ages."

Arnaud Desplechin in einem Interview mit Dennis Lim (The Village Voice, Mai 2005)



LINKS:


Sonntag, 22. Mai 2011

CODE INCONNU: RÉCIT INCOMPLET DE DIVERS VOYAGES - Michael Haneke

Dienstag 24.05.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Maik Teriete




CODE INCONNU: RÉCIT INCOMPLET DE DIVERS VOYAGES | FR/DE/RO | 2000 | Regie & Buch: Michael Haneke | Kamera: Jürgen Jürges | Schnitt: Andreas Prochaska, Karin Hartusch, Nadine Muse | Musik: Giba Goncalves | Ton: Guillaume Schiama | Ausstattung: Manu de Chauvigny | Produzenten: Marin Karmitz, Alain Sarde | MK2 Productions, Les Films Alain Sarde, Arte FranceCinema, France 2 Cinema, Bavaria Film GmbH, Filmex Romania mit Unterstützung durch Eurimages und Procirep and Beteiligung von Canal + | 112 Minuten | Original mit deutschen Untertiteln | Darsteller: Juliette Binoche, Thierry Neuvic, Josef Bierbichler, Alexandre Hamidi, Hélène Diarra, Ona Lu Yenke, Luminita Gheorghiu u.v.a.


Cannes 2000: Preis der Ökomenischen Jury


Inhalt:

Der Episodenfilm verknüpft die unterschiedlichsten Geschichten einander fremder Menschen. Die Schauspielerin Anne erwartet ihren Freund, den Kriegsreporter Georges, von einer Reise zurück. Sein jüngerer Bruder Jean lebt auf dem Bauernhof seines Vaters. In einer Einkaufsstraße bettelt die Rumänin Maria um Geld. Jean gerät mit dem Schwarzen Amadou in Streit, als dieser die Ehre der Bettlerin verteidigen will. Anne lernt Amadou in einem Restaurant kennen. Ein Kreis schließt sich.



„Alle Szenen sind jeweils in einem kontinuierlichen Take gedreht, ohne Schnitt. Ausgenommen einzig diejenigen Episoden, in denen eine Kamera zum narrativen Inventar gehört. Dort springt das Bild vom Film zum Film im Film und verweist damit auf den realen Unterschied der beiden Ebenen. Theorie und Erfahrung: aus der Brüchigkeit der Bilder folgt nicht, dass sich die Realität bis zur Unkenntlichkeit in Beliebigkeitsschnipsel zerlegen ließe.

Die langen Einstellungen und die akribische Montage lenken die Aufmerksamkeit auf den Herstellungsprozess des Bildes. Jedoch verliert das Gezeigte damit keineswegs an Brisanz. Einer bis an die Grenzen der Verstehbarkeit komplexen Wirklichkeit ist mit Realismus nicht beizukommen. Haneke begegnet dieser Analyse mit dem Film als offenem Konstrukt: im Dunkel zwischen Auf- und Abblende wirkt die Montage als Suggestion und macht die Wahrheit sichtbar, an der die Bilder scheitern.

Die Leitvermutung, dass zwischen den Fragmenten ein keineswegs zufälliger Zusammenhang besteht, ist jenseits ihrer dramaturgischen Relevanz eine ethische und politische Aussage. Anders als unter den selbstreflexiven Spielregeln der Funny Games, ist in Code:Unbekannt die Leinwand nicht der ganze Horizont. Die Fragmente haben ein Vorher und ein Nachher und gehören damit der Welt an, aus der heraus der Zuschauer das Kino betritt und in die er auch wieder zurückkehren wird. Einmal mehr wissen Hanekes Bilder um den auf ihnen lastenden Blick des Zuschauers, der aber eben nicht nur Zuschauer ist und ins Kino nicht tappt wie in eine Falle.“

(Tobias Hering im FREITAG, 2001)



„Der Film hat eine fragmentarische Form. Aber doch eine – Form. Und deshalb ist er in Plansequenzen gedreht. Die Welt ist nicht in toto abbildbar. Wer das zu können vorgibt, ist entweder ein Lügner oder ein Dummkopf. Ich konnte nur Ausschnitte vom Leben zeigen, nur Blitzlichter. Aber ich durfte auf keinen Fall auf einmal das Fragment fragmentarisieren, weil daraus eine formale Spielerei geworden wäre. Aus diesem Grund reihen sich scheinbar unzusammenhängende Plansequenzen, also Realitätsbrüche aneinander. Und die Qualität der Form besteht im Zwischenraum zwischen diesen Teilen. Kurzum, der Witz von CODE: UNCONNU, der formale Witz, besteht darin, dass die Teile zwar verkettet, aber nicht aneinandergekettet sind – sie schweben frei. Dadurch entsteht die Offenheit, und die Offenheit ist die Form.“

(Michael Haneke im Gespräch mit Thomas Assheuer, NAHAUFNAHME MICHAEL HANEKE, Berlin 2008)



„‘Funny Games‘ Michael Haneke lieferte nach seiner stinklangweiligen Literaturverfilmung ‚Das Schloss‘ als nächstes mit ‚Code: Unbekannt‘ kaum interessanteren Stoff. Der Ablauf ist ziemlich lang gestreckt und es fällt schwer, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Die kleinen Geschichten sind hier alle unvollständig und das Konzept fängt im Verlauf an zu sehr zu langweilen, wo der Zuschauer sich die Geschichten selbst im Kopf zusammenreimen darf, na Prima Herr Haneke! (…)Nein das hat hier nichts mit Unterhaltung und erst recht nichts mit kritischen Aussagen zu tun, es ist einfach nur Träumerei. Ein Film für Kunstliebhaber und vor allem für Kritiker und Leute die gerne der Allgemeinheit oder sicher selbst intellektuell Begabtheit vortäuschen wollen, weil sie die Aussagen des Films verstanden haben oder ungewöhnliche Erzählweise als außergewöhnliches darstellen wollen. Meine Wertung: 0/10.

(Christian Ehlert auf nightmare-horrormovies.de)

Montag, 16. Mai 2011

LA CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE - Luis Bunuel

Dienstag 17.05.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Marie Bottois




LA CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE | Frankreich 1972 | Regie: Luis Bunuel | Buch: Luis Bunuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Edmont Richard | Montage: Hélène Plemianniko | Produzent: Serge Silberman | Darsteller: Fernando Rey, Paul Fankeur, Delphine Seyrig, Bulle Ogier, Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Julien Bertheau, Milena Vukotic, Maria Gabriella, Maione Claude, Piéplu Muni, François MAistre, Pierre Maguelon, Maxence Mailfort, Michel Piccoli | Farbe | Französisch mit Deutschen UT

ACHTUNG: WIR MÖCHTEN MIT DER VORFÜHRUNG GERNE PÜNKTLICH UM 20.30 BEGINNEN !

Eine illustre Abendgesellschaft versucht wiederholt, sich zu einem gemeinsamen Dinner zu treffen. Leider kommt imer etwas dazwischen: Mal haben sich alle im Darum geirrt, mal ist der tote Restaurantbesitzer direkt im Speisesaal aufgebahrt oder eine Manövertruppe stört das elegante Gastmahl.

Mit seiner meisterlichen Satire über das genussüchtige Grossbürgertum, dem seine Gaumenfreude permanent verwehrt wird, beruft sich Bunuel einmal mehr auf seine filmischen Wurzeln. Die surrealistischen Erzählelemente seiner frühen Arbeiten verquickt er mit der spielerischen Eleganz und unverblümten Ironie seines Spätwerks.

Sonntag, 8. Mai 2011

GOD'S COUNTRY - Louis Malle

Dienstag 05.10.2010
20.30 Uhr
vorgestellt von Gregor Stadlober




GOD'S COUNTRY | USA 1986 | Regie: Louis Malle | 95 Minuten | OF

Sprache: im Film wird zu 97% gut verständliches amerikanisches Englisch (mit frz. Untertiteln) gesprochen, es gibt aber ein paar kurze französische Off-Texte von Malle.

Wir beginnen diesmal pünktlich um 20:30 – also spätestens um 20 vor 9…

Die erste Szene ist eine der besten!


Auf der Suche nach einem Filmstoff stößt Louis Malle Ende der 70er Jahre auf eine amerikanische Kleinstadt im Mittleren Westen. In verblüffend unkomplizierten Gesprächen zeichnet er Miniaturporträts der BewohnerInnen, und aus der Zusammenschau der konkreten Lebensumstände entwickelt er nach und nach das komplexe Bild einer Gesellschaft. Bei aller offensichtlichen Sympathie spart der Film die darin verborgenen Widersprüche und Ressentiments nicht aus.

Sechs Jahre später besucht Malle den Ort ein zweites Mal und erkundet die – teilweise gravierenden – Auswirkungen des wirtschaftlichen und politischen Umbruchs der Reagan-Jahre.


(…)Made between the release of Pretty Baby (1978) and the filming of Atlantic City (1980), God's Country shows the range of the director's interests. Initially PBS offered to fund a documentary on any aspect of America for airing on television. Malle chose Disneyland but when the company demanded final cut, he backed out. His next subject was on a mega-mall in Minneapolis but once on site, he decided to switch. It was Malle's strategy to make the actual filming the main component, an exploratory, organic approach to filmmaking. Malle spent the next three weeks driving around Minnesota in search of an interesting subject.

And it was in Glencoe, Minnesota, population 5,000, sixty miles west of Minneapolis, that he found it. While Glencoe celebrated its yearly town fair Malle observed its residents and rituals and found what he had been looking for. "I fell in love with these people," he later said.

According to Malles' production assistant James Bruce (in The Films of Louis Malle: A Critical Analysis by Nathan Southern and Jacques Weissgerber), "[Louis] found it fascinating, because ...it was so different than what he came from...He was so charming that people wanted to talk to him. And they trusted him immediately." (…)

LINKS:

http://www.tcm.com/this-month/article/180503|0/God-s-Country.html