Dienstag 13.11.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund
Le Temps du Loup | Frankreich, Deutschland, Österreich 2003
| frz. Original, deutsche UT | 113 Minuten | Cannes-Wettbewerb 2003 (außer
Konkurrenz), Sitges: Bester Film & Kritikerpreis
Regie & Buch: Michael Haneke | Kamera: Jürgen Jürges |
Schnitt: Monika Willi, Nadine Muse | Ausstattung: Christoph Kanter | Ton:
Guillaume Sciama, Jean-Pierre Laforce | Produzenten: Veit Heiduschka, Margaret
Ménégoz, Michael Weber | Darsteller: Isabelle huppert, Béatrice Dalle, Patrice
Chéreau, Olivier Gournmet, Anais Demoustier.
Inhalt:
Anne und George
fahren mit ihren beiden Kindern aufs Land. Doch in ihrem Wochenendhaus hat sich
eine Flüchtlingsfamilie einquartiert. George wird erschossen. Für Anne und ihre
Kinder beginnt eine lange Odyssee durch ein Niemandsland.
„Der Ausgangspunkt in WOLFZEIT war ganz simpel: Stellt euch
einmal vor, der Strom kommt nicht mehr aus der Steckdose und das Wasser nicht
mehr aus der Leitung. Das ist alles. Ich wollte einen Film drehen ohne das
übliche Spektakuläre des Katastrophenfilms. Im Katastrophenfilm gibt es immer
einen Retter, der das Problem löst. Danach geht die Welt wieder weiter. Das ist
das klassische Schema, und ich habe es nur etwas variiert. (…) Das Drehbuch ist
vor dem 11. September entstanden, aber die Terroranschläge von Al-Qaida waren der
Auslöser, es zu realisieren.“ (Michael Haneke im Gespräch mit Thomas Assheuer
in NAHAUFNAHME, Berlin 2008)
„Die Spitzen, die fast schon genüsslich verteilt werden, die
Drastik der Bilder (…) und die so strikte wie angesichts des Stoffes auffällige
Verweigerung einschlägiger Genrekonzessionen scheinen allesamt bloß einem
einzigen Zweck verpflichtet zu sein: Der Inszenierung ihres Urhebers als von
sich eingenommenem Mahner zur Moral, als Erretter der Filmkunst vor dem
Profanen des Genre-Einerlei. Das ist, gelinde gesagt, zu wenig.“ (Thomas Groh,
jump cut)
„Lässt man WOLFZEIT eine Weile wirken,
zeigt sich, wie weit der Film über den genretypischen Umgang mit der
Extremsituation hinausweist. Dies liegt vor allem an der Subtilität der mise
en scène. Haneke versteht sich darauf, Bilder zu komponieren: Allein in der
Art, wie er die Totalen von Feldwegen und Landstraßen montiert, stellt sich
diese Fähigkeit unter Beweis. Er weiß, wie er Bildachsen und Linien anordnet
und wie er mit Stillstand und Bewegung umgeht. Am deutlichsten tritt diese
visuelle Gestaltungsgabe im Umgang mit dem Licht zu Tage: Obwohl
"Wolfzeit" auf künstliche Lichtquellen verzichtet, geraten die
Einstellungen erstaunlich präzise. Ein so virtuoser Umgang mit Dunkelheit ist
im Kino selten zu sehen.“ (Cristina Nord, TAZ)
„Irgendwann
nervt diese aufgesetzte und bedeutungsschwangere Symbolik nur noch, weil sich
nichts klärt, geschweige denn entwickelt. Der Film versagt als
sozialdarwinistische Fallstudie des Menschen in Extremsituationen. Übrig bleibt
nur ein Kafka für Arme.“ (Bodo Beuchel, CineZone)
„WOLFZEIT,
diese steife filmische Allegorie, ist auch ein Abgesang auf die Schauspielerei.
Isabelle Huppert, Beatrice Dalle, Patrice Chereau, Olivier Gourmet sind wie
immer großartig, aber man sieht es kaum. Ihr Spiel geht unter im Planspiel des
Regisseurs. Irgendwann hat man so gut wie vergessen, daß dies eigentlich Annes
Geschichte ist, ihr Blick, ihre Stimme verschwinden im Einerlei exemplarischer
Szenen.“ (Andreas Kilb, FAZ)
„In der Tat ist mein Spiel eher matt und neutral. Eine weiße,
unbeschriebene Darstellung, in die man viel hineinlesen kann. Das ist für mich
aber durchaus auch Ausdruck einer Wirklichkeit. Das Leben besteht nämlich eher
aus matten, neutralen Attitüden und nicht aus expressiven Grimassen. Schauen
Sie uns beide doch an!“ (Isabelle Huppert im Gespräch mit Katja Nicodemus, Die
Zeit)
„Der Titel ‚Wolfzeit‘ spielt auf den Gesang der Seherin am Anfang der älteren
Edda an. In der 46. Strophe der ‚Völuspâ‘ heißt es: ‚Unerhörtes ereignet sich,
großer Ehbruch. Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen, Windzeit,
Wolfszeit eh die Welt zerstürzt‘. Neun Welten aber kennt die Seherin der Edda
immerhin. Hanekes Exhibitionismus, seine prophetische Protzerei ist heillos. Er
kennt nur diese eine Welt - und er will weitermarschieren, bis alles in
Scherben fällt.“ (Jan Brachmann, Berliner Zeitung)
„I would rather have a more interesting group
of desperate people to spend my post-apocalyptic time with.“ (Desson Thomson,
Washington Post)

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