Sonntag, 11. November 2012

WOLFZEIT - Michael Haneke


Dienstag 13.11.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund



Le Temps du Loup | Frankreich, Deutschland, Österreich 2003 | frz. Original, deutsche UT | 113 Minuten | Cannes-Wettbewerb 2003 (außer Konkurrenz), Sitges: Bester Film & Kritikerpreis
Regie & Buch: Michael Haneke | Kamera: Jürgen Jürges | Schnitt: Monika Willi, Nadine Muse | Ausstattung: Christoph Kanter | Ton: Guillaume Sciama, Jean-Pierre Laforce | Produzenten: Veit Heiduschka, Margaret Ménégoz, Michael Weber | Darsteller: Isabelle huppert, Béatrice Dalle, Patrice Chéreau, Olivier Gournmet, Anais Demoustier.


Inhalt:
Anne und George fahren mit ihren beiden Kindern aufs Land. Doch in ihrem Wochenendhaus hat sich eine Flüchtlingsfamilie einquartiert. George wird erschossen. Für Anne und ihre Kinder beginnt eine lange Odyssee durch ein Niemandsland.

„Der Ausgangspunkt in WOLFZEIT war ganz simpel: Stellt euch einmal vor, der Strom kommt nicht mehr aus der Steckdose und das Wasser nicht mehr aus der Leitung. Das ist alles. Ich wollte einen Film drehen ohne das übliche Spektakuläre des Katastrophenfilms. Im Katastrophenfilm gibt es immer einen Retter, der das Problem löst. Danach geht die Welt wieder weiter. Das ist das klassische Schema, und ich habe es nur etwas variiert. (…) Das Drehbuch ist vor dem 11. September entstanden, aber die Terroranschläge von Al-Qaida waren der Auslöser, es zu realisieren.“ (Michael Haneke im Gespräch mit Thomas Assheuer in NAHAUFNAHME, Berlin 2008) 

„Die Spitzen, die fast schon genüsslich verteilt werden, die Drastik der Bilder (…) und die so strikte wie angesichts des Stoffes auffällige Verweigerung einschlägiger Genrekonzessionen scheinen allesamt bloß einem einzigen Zweck verpflichtet zu sein: Der Inszenierung ihres Urhebers als von sich eingenommenem Mahner zur Moral, als Erretter der Filmkunst vor dem Profanen des Genre-Einerlei. Das ist, gelinde gesagt, zu wenig.“ (Thomas Groh, jump cut) 

„Lässt man WOLFZEIT eine Weile wirken, zeigt sich, wie weit der Film über den genretypischen Umgang mit der Extremsituation hinausweist. Dies liegt vor allem an der Subtilität der mise en scène. Haneke versteht sich darauf, Bilder zu komponieren: Allein in der Art, wie er die Totalen von Feldwegen und Landstraßen montiert, stellt sich diese Fähigkeit unter Beweis. Er weiß, wie er Bildachsen und Linien anordnet und wie er mit Stillstand und Bewegung umgeht. Am deutlichsten tritt diese visuelle Gestaltungsgabe im Umgang mit dem Licht zu Tage: Obwohl "Wolfzeit" auf künstliche Lichtquellen verzichtet, geraten die Einstellungen erstaunlich präzise. Ein so virtuoser Umgang mit Dunkelheit ist im Kino selten zu sehen.“ (Cristina Nord, TAZ)
 
„Irgendwann nervt diese aufgesetzte und bedeutungsschwangere Symbolik nur noch, weil sich nichts klärt, geschweige denn entwickelt. Der Film versagt als sozialdarwinistische Fallstudie des Menschen in Extremsituationen. Übrig bleibt nur ein Kafka für Arme.“ (Bodo Beuchel, CineZone)

„WOLFZEIT, diese steife filmische Allegorie, ist auch ein Abgesang auf die Schauspielerei. Isabelle Huppert, Beatrice Dalle, Patrice Chereau, Olivier Gourmet sind wie immer großartig, aber man sieht es kaum. Ihr Spiel geht unter im Planspiel des Regisseurs. Irgendwann hat man so gut wie vergessen, daß dies eigentlich Annes Geschichte ist, ihr Blick, ihre Stimme verschwinden im Einerlei exemplarischer Szenen.“ (Andreas Kilb, FAZ)

„In der Tat ist mein Spiel eher matt und neutral. Eine weiße, unbeschriebene Darstellung, in die man viel hineinlesen kann. Das ist für mich aber durchaus auch Ausdruck einer Wirklichkeit. Das Leben besteht nämlich eher aus matten, neutralen Attitüden und nicht aus expressiven Grimassen. Schauen Sie uns beide doch an!“ (Isabelle Huppert im Gespräch mit Katja Nicodemus, Die Zeit)

„Der Titel ‚Wolfzeit‘ spielt auf den Gesang der Seherin am Anfang der älteren Edda an. In der 46. Strophe der ‚Völuspâ‘ heißt es: ‚Unerhörtes ereignet sich, großer Ehbruch. Beilalter, Schwertalter, wo Schilde krachen, Windzeit, Wolfszeit eh die Welt zerstürzt‘. Neun Welten aber kennt die Seherin der Edda immerhin. Hanekes Exhibitionismus, seine prophetische Protzerei ist heillos. Er kennt nur diese eine Welt - und er will weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt.“ (Jan Brachmann, Berliner Zeitung)

„I would rather have a more interesting group of desperate people to spend my post-apocalyptic time with.“ (Desson Thomson, Washington Post)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen