Mittwoch, 21. November 2012

UNTEN MITTE KINN - Nicolas Wackerbarth


Dienstag 27.11.2012
19.30 Uhr
vorgestellt von Nicolas Wackerbarth




UNTEN MITTE KINN | Deutschland 2011| Länge: 89 Min. | Format, Ton: HD, 1:1,85, Stereo | deutsche OV | UA: Filmfest München 2011

Buch und Regie: Nicolas Wackerbarth | Kamera: Bernhard Keller | Licht: Henry Notroff | Ton: Bernd von Bassewitz | Dramaturgie: Irene Rudolf | Szenenbild und Kostüm: Kathrin Krumbein | Montage: Janina Herhoffer | Tongestaltung & Mischung: Adrian Baumeister | Redaktion: Burkhard Althoff | Produzenten: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber | Darsteller: Kathleen Morgeneyer, Anne Müller, Luise Berndt, Grit Paulussen, Lucie Heinze, Konstantin Frolov, Christoph Letkowski, Ole Lagerpusch,Jan Neumann, Alfred Hartung, Karl Ludwig Otto, Daniela Holtz, Ursula Werner und Fritz Schediwy



ACHTUNG: 
Das Screening findet im großen Kinosaal statt - deshalb beginnen wir ausnahmsweise bereits um 19:30 Uhr!


INHALT:
 

Die Angst vor dem Scheitern geht um. Jeder will so früh und so schnell wie möglich "nach oben". Das Intendantenvorsprechen der Abteilung Schauspiel aber droht, ein Desaster zu werden. Um sich zu retten, probt die Abschlussklasse den Aufstand. Doch sie wird zum Spielball von Gerüchten und Intrigen, Panikattacken und Eitelkeiten. Eine improvisierte psychotische Komödie über eine Generation junger Schauspieler im Kampf gegen das Kunstbeamtentum.


DIRECTORS STATEMENT:


 "UNTEN MITTE KINN ist in Gänze improvisiert. Ohne Kenntnis der Filmerzählung haben sich die Schauspieler auf offenes Feld hinausgewagt in der Absicht, sich selbst zu überraschen und den eigenen Kontrollverlust anzusteuern. So haben wir gemeinsam daran gearbeitet, ´reale´ Zustände hervorzubringen. ´Real´ in dem Sinne, dass die Schauspieler in einer vertrauten Lebenswelt sich bewegen, diese aber auch jederzeit ironisch brechen und reflektieren konnten. Als Ergebnis schwebte uns eine Mischung aus dem Dokument psychotischer Gruppen-Sessions und einer amerikanischen High School-Komödie vor. Gleich der Fabel von den zwei Fröschen, die in einem Milchbottich gefallen sind, haben wir uns in dieses Projekt geworfen. Getragen von der Annahme, dass sich die Produktionsgeschichte in den Film einschreiben wird. Und es erging uns wie den Fröschen: zu Beginn schien es keine Chance zu geben, dem Bottich zu entkommen. Dann aber fing einer hysterisch zu strampeln an, was die anderen mit Spott kommentierten. Die Filmhandlung selbst maß sich an der Wirklichkeit der Improvisation. Und allmählich wurde mit jedem neuerlichen Durchlauf der vorgegebenen Situationen die Milch zu Butter.

Schauspieler arbeiten in Abhängigkeitsverhältnissen, die selten durchscheinen und noch seltener als schmerzliche Machtkämpfe erfahrbar werden. Situationen aushalten heißt, nicht den Wunsch, sondern die Enttäuschung für eine Zukunft fruchtbar zu machen. Und im historischen Abstand zwischen der existentiellen Not der Figuren in Maxim Gorkis 1901 geschriebenem ´Nachtasyl´und den bürgerlichen Ängsten, eitlen Hoffnungen und hysterisierten Phantasmen der Schauspielschüler in UNTEN MITTE KINN lag die Chance, nicht nur Komik zu erzeugen, sondern auch das Verhältnis zu untersuchen, das ein hierarchisch aufgebauter staatlicher Kulturbetrieb heute zu selbstbestimmtem Handeln unterhält. ´Warum machen wir das alles überhaupt hier?´ fragt eine Schauspielstudentin gegen Ende des Films. Eine gute Frage, finde ich. Wenn es zutrifft, dass die Generation der Mittzwanziger ihr Leben ausschließlich nach den Anforderungen des Marktes ausrichtet, was für einen Begriff macht sie sich von der Freiheit? Wenn sie etablierte Verhältnisse zu stürzen versucht: um welchen Preis? Verwirklicht sich der Protest der Schauspielstudenten in UNTEN MITTE KINN gegen die Selbstläufe und Irrgänge einer Institution im Ruf nach einer autoritären Projektionsfigur oder findet er zu einem eigenen Ausdruck?

Die Frösche sind ja nicht abgesoffen und wir hatten einen Film." (Nicolas Wackerbarth)


PRESSESTIMMEN:

„Was "Unten Mitte Kinn" über die spezifische Schauspielschulen-Situation hinausweisen lässt, ist der Umstand, dass Wackerbarth furchtlos einem zentralen Widerspruch des Kulturbetriebs ins Auge schaut: Man tut so, als drehe sich alles um so noble Dinge wie die Kunst, um das Hervorbringen neuer Ausdrucksformen, um neue Erkenntnisformen und ästhetische Genüsse. In Wirklichkeit regieren Eitelkeit und Geltungsdrang, und das Machtstreben kann sich umso besser durchsetzen, je mehr man sich als Künstler von den Konventionen des zivilisierten Miteinanders befreit wähnt." (TAZ - Cristina Nord)

 „Wackerbarth ist mit diesem in viele Richtung offenen Konzept eine wunderbar neurotische Komödie über die Produktionsmechanismen des Egos gelungen, die weit über das Schauspielschulen-Milieu hinaus zur pointierten Studie über Gruppen und ihr Verhältnis zur Macht gerät. Durch Angst werden Verbindungen aufgekündigt und neue Allianzen eingegangen, Strategien und Intrigen ausgeheckt und Gerüchte gestreut, dabei scheint der Egoismus des Einzelnen kaum weniger fragwürdig als der naive Glaube an den Erfolg der kollektiven Rebellion.” (FILMDIENST - Esther Buss )

"Das Ambiente, in dem sich die Studenten und Professoren bewegen - Informationsbretter, belagerte Kopierer im engen Flur, Proberäume mit Turnhallenatmosphäre, ein Heizungskeller als Fluchtraum - erscheint gleichwohl ohne Abstriche realistisch und verengt sich zu einem labyrinthartigen Gefängnis, das nur noch für staatlich besoldete Gutachter durchlässig ist. Gleich mehrmals werden, fast demonstrativ, Vorhänge zugezogen, die laut Corinna Trampe `kunstfeindliche Natur` bleibt ausgesperrt. Ein klaustrophobischer Ort, der die Kanäle nach außen streng reguliert und der die, die ihm ausgeliefert sind, dem unbarmherzigen Blickregime der Erkenntnis eher verhindernden als befördernden totalen wechselseitigen Beobachtung aussetzt. Ein Blickregime, in das über die ebenso unbarmherzig beobachtende Kamera auch der Kinozuschauer eingespannt wird."  (PERLENTAUCHER - Lukas Foerster)

„Was wie ein interessantes Behind the scenes einer Schauspielakademie beginnt, entwickelt einen überraschenden, fiktionalen Sog und geht dabei seltsam an die Nieren – vor allem durch die enorme Authentizität. Nichts ist unglaubwürdig, selbst der `Theatersprech´ gleitet nie in Klischees ab, die Figuren wirken (und sind wohl) beängstigend lebensecht und menschlich. Der Film landet beim Zuschauer volle Treffer: Man spürt die Handlung, fast wie bei einem echten Boxkampf.” (SZ - Hanno Raichle)

„Die Jungschauspieler, welche die Schauspielschüler spielen, haben alle Szenen ohne umfassende Kenntnis der Geschichte improvisiert. Ihre Improvisationstechnik führt einem die ausgefeilte, pointierte Kunstsprache, wie sie sonst in Drehbüchern gestaltet wird, so richtig vor Augen. Sie fehlt hier völlig und sie fehlt einem überhaupt nicht.” (TAZ - Jens Müller)


NICOLAS WACKERBARTH:

geb. 1973 in München. 1993-95 Schauspielstudium an der Bayerischen Theaterakademie in München. Als Schauspieler: 1996-97 Schauspiel Frankfurt, 1997–2000, Städtischen Bühnen Köln, sowie diverse Kino- und TV-Filme. Studium der Filmregie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin bis 2011. Lebt und arbeitet als Regisseur, Autor und Schauspieler in Berlin. Mitherausgeber der Filmzeitschrift „Revolver“. Filme (Auswahl): „Anfänger!“ (Kurzfilm, 2004), „Westernstadt“ (Dokumentarfilm, 2005), „Halbe Stunden“ (Kurzfilm, 2007), "Unten Mitte Kinn" (Spielfilm, 2011), "Halbschatten" (Spielfilm, 2013)

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