Dienstag, 31. Januar 2012

HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? - Gerhart Friedl


Dienstag 31.1.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Stefan Butzmühlen




HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? | DE 2004, 73 Minuten, deutsche Fassung | Buch, Regie, Kamera, Schnitt: Gerhard Benedikt Friedl | Ton: Marcelo Busse | Tonschnitt: Klaus Barm | Produktionsleitung: Laura Einmahl, Ivette Löcker | Co-Produzent: Werner Dütsch/WDR | Entstanden mit Mitteln des FFW/Wien, FFF/ München, Filmbüro NRW, WDR

AUSZEICHNUNGEN: Deutscher Kurzfilmpreis 2005 (Sonderpreis) | DIAGONALE-Preis Innovatives Kino 2005 | ARTE-Dokumentarfilmpreis 2004 | Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts 2004



Das Langfilmdebüt von Gerhard Friedl ist ein hypnotisches Vexierspiel an der Schnittstelle zwischen Dokument, Essay und "pulp fiction facts". Auf der Tonspur eine in gnadenlos objektivem Sprechduktus vorgetragene Erzählung von den labyrinthischen Genealogien, verbrecherischen Verstrickungen und Gebrechen deutscher Wirtschaftsdynastien im 20. Jahrhundert. Im Bild: bestechend kadrierte Aufnahmen, meist Schwenks und Fahrten durch europäische Finanzzentren, Produktionsstätten und Landschaften. Manchmal kommen Bild und Ton zur Deckung, manchmal verfehlen sie sich knapp. Stets legen sie Zusammenhänge nahe. Aber alleine im peniblen Kommentar, der nicht gewichtet zwischen einschneidenden Ereignissen und absurden Details (schon die epischen Finanzadelsnamen!) ist keine Übersicht zu bewahren. Paranoia? Ironie? Lassen sich die trockenen und verbrecherischen Verhältnisse der modernen Ökonomie überhaupt abbilden? Friedl: „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?“ Hat er also nicht? Der Film schwindet. Seine Erfahrbarkeit ist sein Argument.“
(Katalogtext, Filmmuseum Wien 2005)

Immer wieder auch der Versuch des Publikums, Sinn aus dem Verhältnis von Text und Bild zu stiften. Friedl selbst sagt, es gäbe unterschiedliche Verhältnisse im Film zwischen distanzierten Bildern und einer dem Text entsprechenden Ästhetik der Aufnahmen (Wenn er etwa von den Hösch-Werken in den 80er Jahren die Rede ist, kombiniert er das Bild einer Stahlfabrik in Belgien, deren aktuelle Ästhetik der Erscheinung einer Hösch-Fabrik von vor 20 Jahren eher entsprechen könnte.)

Schöner Kommentar aus dem Publikum: man nimmt es irgendwie hin, dass es keine unmittelbare Anschlüsse zwischen Text und Bild gibt. „Da wir ja ohnehin schon von den Bilder aus den Medien erschlagen werden, von denen wir trotzdem nichts erfahren“, überzieht der Film dies Verhältnis konsequent. (...)

Filmsehen als Äquivalent zur Drogenerfahrung. Einer beschrieb es so: der Film komme ihm vor wie ein Karussell mit Haken und wenn man nah genug drankommt, nimmt es einen mit.
(Diskussionsprotokoll der Duisburger Filmwoche)


Samstag, 21. Januar 2012

POETRY - Lee Chang-Dong

Dienstag 24.1.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Stefan Butzmühlen




POETRY | Südkorea 2010 | Regie: Lee Chang-Dong |Koreanisch mit englischen Untertiteln | Länge 139min.


"Das nicht eben geruhsame Dasein von Mija, deren Erinnerung durch eine beginnende Alzheimer-Erkrankung schwindet, wird unmerklich zum Auslöser ihrer Inspiration, die sich an den unvermutetsten Stellen versteckt. Nicht zuletzt Yun Jeong-hie, eine bekannte koreanische Schauspielerin, die hier in ihrer ersten Rolle seit 15 Jahren agiert, macht den leicht parabelhaften Film mit ihrem scheuen Lächeln und unvoreingenommem Blick auf ein ungnädiges Umfeld zu einer bewegenden Erfahrung." (Dominik Kamalzadeh)

Poetry ist der fünfte und neueste Film von Chang-dong Lee. Der Film lief im Dezember 2011 auf dem Festival "14Films around the world" im Babylon. Ich selbst habe den Film noch nicht gesehen, aber nach dem Erlebnis vom letzten Dienstag mit Secret Sunshine bin ich guter Dinge, wieder einen unvorhersehbaren und beeindruckenden Clubabend mit euch zu verbringen. Jöns hat geasagt, der Film wäre gerade toll, wenn man nicht wüsste um was der Film geht und so will ich an dieser Stelle auch nicht mehr preisgeben.

Kritiken müssen in diesem Fall bei Interesse selbst recherchiert werden...


Sonntag, 15. Januar 2012

SECRET SUNSHINE - Lee Chang-Dong

Dienstag 17.1.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Stefan Butzmühlen




SECRET SUNSHINE | Südkorea 2007 | Regie: Lee Chang-Dong |Koreanisch mit deutschen Untertiteln | Länge 142min.


"Das erste, was wir sehen, ist ein Blick. Ein Kind wirft ihn auf den strahlendblauen Himmel, durch das Autofenster des Wagens seiner Mutter. Die steht draußen und telefoniert. Nur dumpf hört man ihre Stimme, und durch das leicht verzerrende Fensterglas bekommt auch die Natur da draußen etwas seltsam Künstliches, Entrücktes, auch eine ganz subtil bedrohliche Note. Man kann diese ersten Augenblicke in mehrfachem Sinn als Vorwegnahme dessen begreifen, was folgen wird. Jun, der kleine Junge im Auto, ist bereits nicht mehr ganz von dieser Welt..."
(Rüdiger Suchsland)

Nach dem Tod ihres Mannes zieht Shin-ae mit ihrem Sohn Jun von Seoul in die Kleinstadt Miryang. Trotz ihrer ehrlichen Versuche, in der ungewohnten Umgebung Fuß zu fassen, fühlt sie sich einsam und fremd. Nur Junggeselle Jong-chan sucht ihre Nähe. Als Jun eines Tages kaltblütig ermordet wird, schließt sich Shin-ae in ihrer Verzweiflung gläubigen Nachbarn an, um Trost bei Gott zu finden. Doch auf der Suche nach Vergebung und Frieden werden ihre Zweifel und Wut stärker als der Glaube.

Ich habe den Film selbst noch nicht gesehen, bin aber durch Freunde immer wieder auf die Filme von Lee Chang-dong hingewiesen worden. Im letzten Jahr, lief sein aktueller Film POETRY im Babylon auf dem Festival 14Films around the world. SECRET SUNSHINE ist laut imdb sein 4. Featurefilm von fünf. Dies mag ein Anfang sein, sich mit dem Werk eines mir noch vollkommen unbekannten Künstlers zu beschäftigen.

Hier noch ein paar Kritiken:
http://www.artechock.de/film/text/kritik/s/sesuns.htm
http://www.perlentaucher.de/artikel/5398.html

Sonntag, 8. Januar 2012

DREI DOKUMENTARFILME - Antje Engelmann


Dienstag 10.1.2012
20.30 Uhr
in Anwesenheit der Regisseurin




Die Künstlerin und Filmemeacherin Antje Engelmann zeigt drei Filme:

WIE? WANN? WO WARUM (15min.), 2007
RENATE (35 min.), 2005
EINE ANLEITUNG, UM DIE VERGANGENHEIT ZU ÄNDERN (40min.), 2011


WIE? WANN? WO WARUM

Die 12-jährige Laurin wird zum Tierarzt begleitet, wo sie ihren kranken Hamster einschläfern lassen muss. Die anschließende Verbrennung des Hamsters im Dorfwald zeigt Laurins Trauerarbeit.
(Textauszug aus dem Festivalkatalog der 54. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen)

RENATE
Antje Engelmann rekonstruiert das bisherige Leben der nun über 50jährigen Renate anhand alter Fotografien und vollzieht mit der Kamera vor Ort das Erlebte nach. Nur in Randbemerkungen über die heiter-pragmatischen Geschichten vom Hurenalltag, die Renate auf der Fahrt erzählt, schimmern Macht und Willkür der Zuhälter und die Existenzängste der alternden Prostituierten auf.

Statt die Fakten zu verklären, durchmischen sich die Gesichter und Stimmen der alten Zeiten zu einem Erinnerungschor, der die Zermarterung der Seele, „die jeden Tag ein Stück stirbt“ zu Gunsten der Selbstermächtigung zu gelebter Freiheit und Gerechtigkeit akzeptieren lässt. Ganz en passant entwickelt sich eine zweite Ebene: sichtbar wird die kleinbürgerliche Enge, die Flucht aus der labilen Harmonie der Familie, in der ständig väterliche Gewalt drohte, in die brutale Welt des Sexgeschäfts, in der es galt, für die Kunden in leicht schmuddeliger Athmosphäre stundenweise spießige Idyllen mit Plüsch und Kitsch zu rekonstruieren.

Ohne Verbitterung gibt Renate dabei der käuflichen Liebe ein Gesicht. Sie ist eine Überlebende. Ihre Präsenz und Sprache machen die Vergangenheit gegenwärtig und reißen uns ins Jetzt, in die Realität. Stefan Hentschel, ein alter Bekannter und Zuhälter von St. Pauli findet Worte für diese Realität: sie ist „messerscharf – wie die Liebe und der Hass“.
(Text: Hannes Loichinger)

EINE ANLEITUNG, UM DIE VERGANGENHEIT ZU ÄNDERN
Schon als kleines Mädchen merkte die Filmemacherin, dass ihre Familie ein bisschen anders ist als die der übrigen Kinder im Dorf. Zum Beispiel dann, wenn sie mit hochgesteckten Zöpfen im Trachtenkleid über die Tanzfläche hüpfte. Geboren 1980 in Ulm, wuchs Antje Engelmann in der traditionsbewussten Kultur der Donauschwaben auf. Ihre Urgroßeltern wurden als Ungarndeutsche nach Kriegsende aus der Heimat vertrieben. Heimat ist für Engelmann daher kein Ort, sondern eine Handlung. Und so führt die Spurensuche nach dem donauschwäbischen Heimatgefühl die Berliner Künstlerin nicht nur nach Ulm, Ungarn und Brasilien, sondern verlangt ihr einen Kraftakt der Auseinandersetzung mit Bräuchen, Werten und Erinnerungsmustern ab. Im dringenden Bedürfnis nach einem eigenen Standpunkt oszilliert die Suchende zwischen Anziehung und Abstoßung und fand dafür eine adäquate Erzählform. Engelmann vermixt in wilder Montage familiäres Found Footage und Spielfilmausschnitte, Reiseimpressionen und inszenierte Szenen, Familieninterviews und Expertenstatement. Darüber legt sie donauschwäbische Volksmusik und kommentiert und philosophiert. Ein Film, so grüblerisch wie amüsant.

(Katalogtext des 54. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM von Jörn Seidel)

Festivals:

54. Internationales Leipziger Festival für Dokumentarfilm, Deutscher Wettbewerb
28. Kasseler Dokumentarfilm und Videofest, Nominierung: Goldener Schlüssel
22. Bamberger Kurzfilmtage, Wettbewerb Dokumentarfilm


LINK zur Webseite der Regisseurin:

http://www.antjeengelmann.net/

Montag, 2. Januar 2012

Double-Feature: ANSIKTET und RITEN - Ingmar Bergman


Dienstag 03.1.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




ANSIKTET – DAS GESICHT. Schweden, 1958. 100 Minuten. Spezialpreis der Jury, Venedig 1959.


Regie & Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Gunnar Fischer | Montage: Oscar Rosander | Musik: Erik Nordgren.

Darsteller: Max von Sydow (Albert Emanuel Vogler), Ingrid Thulin (Manda Vogler / Aman), Ake Fridell (Tubal), Naima Wifstrand (Voglers Großmutter, Lars Ekborg (Simson), Gunnar Björnstrand (Medizinalrat Vergérus), Erland Josephson (Konsul Egerman), Bibi Andersson (Sara).


RITEN – DER RITUS. Schweden 1969. 72 Minuten.

Regie & Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Montage: Siv Kanälv

Darsteller:
Ingrid Thulin (Thea / Claudia), Anders Ek (Sebastian), Gunnar Björnstrand (Hans), Erik Hell (der Richter), Ingmar Bergman (ein Priester).



DAS GESICHT. Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Jahrmarktsmagier Dr. Vogler kehrt auf dem Weg nach Stockholm mit seiner Gauklergruppe in das Haus von Konsul Egermann ein. Dieser hatte zuvor mit dem überzeugten Naturwissenschaftler Dr. Vergérus gewettet, dass Magie tatsächlich existiert. Sie drängen Dr. Vogler, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Verärgert über ihr biederes Verhalten inszeniert der Magier übersinnliche Erscheinungen, die Hausherren und Dienerschaft in tiefe Verwirrung stürzen


DER RITUS. Aufgrund einer obszönen Pantomimendarstellung müssen sich die Schauspieler Sebastian, Thea und Hans wegen des Verstoßes gegen das Sittengesetz vor Gericht verantworten. Gemeinsam und einzeln werden die angeklagten Künstler vom ermittelnden Richter befragt.


2x Bergman, eine Geschichte. Künstler verzaubern, verstören ihr Publikum mit obskuren Vorführungen. Wissenschaftliche und staatliche Institutionen fühlen sich berufen, den „Schwindel“ aufklären, zumindest zu beurteilen, wenn nötig zu zensieren. Aber wie üblich sind Bergmans Künstler alles andere als Übermenschen, nämlich leidende, schwache Kreaturen, die ihre angeblich magischen Fähigkeiten mühsam vortäuschen. Oder? Natürlich sind es Bergmans Filme selbst, die dem Geheimnisvollen, dem Gefährlichen, dem Nicht-Aufzuklärenden der Kunst Recht verschaffen.

Allerdings mit zwei komplett verschiedenen ästhetischen Programmen. ANISKTET ist während einer ersten Höhepunkt-Werkreihe entstanden, nach den WILDEN ERDBEEREN, vor der JUNGFRAUENQUELLE – und durchaus leicht inszeniert, mit gekonnten Drehbuchtwists, derbem Schauspiel, großen philosophischen Fragen und einer eleganten Balance zwischen Komik und Verzweiflung. RITEN dagegen ist ein radikales Experiment, in neun Tagen und nur einem Studioraum mit fünf Schauspielern für das Fernsehen gedreht, die Konflikte bis zum Äußersten auf Spannung gesetzt, in hellstem Weiß und tiefstem Schwarz, mitleidlos, präzise und klaustrophobisch. Da die Frage nach dem Wesen der Kunst viele Menschen nicht interessiert und beide Filme im hohen Maße Selbstreflexionen eines Künstlers sind, sind sie wohl relativ unbekannt geblieben.

„Wenn der Interpret den Zuschauer totschlägt, haben wir ja den Höhepunkt des engagierten Theaters erreicht, könnte man sagen. Der Ritus ist nicht das, was sie [die Figuren in RITEN] da am Schluss machen. Das ist ja eine Art Pappmachéspiel mit Spielmarken und Zeugs und Hokuspokus. Der Ritus ist das Spiel zwischen dem Künstler und seinem Publikum und der Gesellschaft. Diese beiderseitige Mischung von Demütigung und gemeinsamem Bedürfnis. Das ist das Rituelle.“ (Ingmar Bergman)

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Benoît Jacquot, Teil III : AU FOND DU BOIS


Dienstag 20.12.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




AU FOND DU BOIS / DEEP IN THE WOODS – VERSCHLEPPT UND GESCHÄNDET | Frankreich / Deutschland, 2010. 98 Minuten. Eröffnungsfilm Locarno 2010 | Regie: Benoît Jacquot | Buch: Jacquot und Julien Boivent | Kamera: Julien Hirsch | Montage: Luc Barnier | Musik: Bruno Coulais | Darsteller: Isild Le Besco (Joséphine), Nahuel Pérez Biscayart (Timothée), sowie Jérôme Kircher, Bernard Rouquette, Mathieu Simonet u.a.




“Südfrankreich 1965. Der Wanderer Timothée kommt in ein verschlafenes Dorf. Er gibt sich taub und stumm und findet Unterkunft im Haus von Dr. Hughes. Seine hypnotischen Kräfte ziehen Joséphine, die junge Tochter des Hauses, magisch an und sie folgt ihm in den Wald. Freiwillig oder gewaltsam? In der Wildnis setzt Timothée sie in Trance und nutzt sie sexuell schamlos aus. Trotzdem fühlt sich Joséphine immer stärler von ihm angezogen. Ein packender Erotikthriller, spannend und voller Nervenkitzel.“

(Alamode, deutscher DVD-Vertrieb)


Locarno, 05. August 2010: Krawall liegt in der Luft. Und das nicht nur, weil sich doch die eine oder andere Gewitterwolke über den Lago Maggiore Richtung Locarno heran schiebt. Nein: der Festivalauftakt mit der Uraufführung des französisch-deutschen Spielfilms „Au Fond du Bois“ (etwa: „In der Tiefe des Waldes“) von Regisseur Benoît Jacquot sorgte bei den weit mehr als achttausend Zuschauern auf der Piazza Grande für Irritation und schließlich heftige Streitgespräche. Die Partys in den diversen Festivalkneipen wurden von starkem Pro und Contra in Bezug auf diesen in der Tat seltsamen Film dominiert. Interessanterweise gab es kaum lauwarme Reaktionen. Wenn, dann wurde heiß gestritten. Der Grund: Benoît Jacquot bietet in dem auf Tatsachen aus dem Jahr 1865 beruhenden Film, der in seiner gruseligen Atmosphäre an die schaurigsten Märchen der Kindheit gemahnt, eine mitunter recht krude anmutende Mischung aus Sex und Gewalt.“

(Peter Claus, Getidan-Blog)


„Trotz inhaltlicher Fragwürdigkeiten – und einigen handwerklichen Holprigkeiten wie etwa dem unausgegorenen Einsatz abrupter Zooms und unmotivierter Abblenden – bleibt Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet die gesamte Zeit über spannend. Zu verdanken ist dies vor allem dem geschickten Spiel mit Ambivalenzen: Indem Jacquot thematisch vieles anreißt, jedoch nichts eindeutig definiert oder psychologisch erklärt, erhält sich der Film eine große Offenheit, die jeder Zuschauer selbst füllen muss. Somit regt das Werk einen Diskurs über sexuelle Selbstbestimmung und Unterwerfung an, ohne das Publikum dabei in eine bestimmte Richtung steuern zu wollen. Das Lenken Fremder bleibt hier allein den Figuren überlassen – nur lässt sich eben nie eindeutig sagen, wer wen führt, verführt oder entführt.“

(Martin Gobbin, critic.de)


Trailer:


http://www.dailymotion.com/video/xet237_au-fond-des-bois-de-benoit-jacquot_shortfilms

Montag, 12. Dezember 2011

L’ECOLE DE LA CHAIR - Benoît Jacquot

Dienstag 13.12.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund





L’ECOLE DE LA CHAIR / DIE SCHULE DES BEGEHRENS | Frankreich / Belgien / Luxemburg, 1998 | 100 Minuten | Cannes 1998: Wettbewerb | Regie: Benoît Jacquot | Buch: Jacques Fieschi, nach dem Roman von Yukio Mishima | Kamera: Caroline Champetier | Montage: Luc Barnier | Produktionsdesign: Katia Wyszkop | Darsteller: Isabelle Huppert (Dominique)| Vincent Martinez (Quentin) | Vincent Lindon (Chris) | Marthe Keller (Madame Thorpe) | François Berléand (Soukaz) | Danièle Dubroux (Dominques Freundin) | Bernard Le Coq (Cordier) | Roxane Mesquida (Marine)



Die Schule des Begehrens. Paris, heute (bzw. 1998). Sie und Er, Dominique und Quentin. Er ist jung, sie ist nicht mehr die Jüngste. Sie lebt, er schlägt sich durch. Sie verkauft Mode, er seinen Körper. Getrennte Welten und nichts gemeinsam. Und doch reicht – wie üblich – ein Blick, um sie für immer aneinander zu binden.


Q-Does it seem that The School of Flesh could be your breakthrough film internationally, with a big star, Isabelle Huppert, and a narrative pleasing a larger audience?
My friend, Olivier Assayas, saw it three days ago. He liked it, and said it’s not in the same "regime" as the earlier films. In the others, the story was always "destructing" itself, and it was difficult to know what the story was. This story is simply told. Maybe that’s why you think there will be a meeting with a large audience. About casting Huppert: I don’t realize at which point it’s important about having a great star. In France it doesn’t matter that much. There, Sandrine and Virginie in my previous films are also very popular and very great actresses.

Q-Once again, Caroline Champetier is your cinematographer.
The last time was la fille seule, and this was the same kind of "bete," the challenge to be as close as possible to the figure of a woman. Caroline wanted very much to photograph Isabelle, who is her favorite actor, and I thought maybe it was important to have a woman filming a woman. Caroline knew where I wanted to go with the camera better than anyone, and in both movies I had the big question: what does a woman want? Before, it was a young woman. Here, a less young woman.

Q-So where do you look with the camera on Huppert for this subtle investigation?
In the relationship between the situation and maybe her face?... (Changing his mind) No, it’s something between the actor and the character. With Huppert doing the role, I decided to do more with the actress than there is character. Filming that, I tried to know, to arrive at some little precis of an answer. Maybe I’ll know in four or five films. I’ve never filmed a mother. I’d like to film a mother, in relation to her children.

Q-This film is built on closeups of Isabelle Huppert.
Of ten shots of her, nine are closeups. Extreme closeups. This movie is about sex and sexuality. It’s about flesh, but it’s all on the face, a paradox for me. Godard said, talking about Hitchcock, "He filmed women’s faces like they were their asses." There’s something so specific in film. The closer you are to faces, the closer you are to the sexual nerve. There are also one or two scenes of my couple making love. I asked myself whether to do them. I finally decided it would be very mechanical just to see their faces.

Q-Your lead actor, Vincent Martinez, who plays the young gigolo?
It’s his first movie. He’s 21, brother of the actor, Olivier Martinez, who is very famous in France. I chose him very quickly. Directors say, "I saw 100 people." I saw four or five boys. He was one of the first ones. I tested him with Isabelle. At once, she told me, "That’s him."

Q-Does the camera love certain actors?
Not the camera. It’s a mechanical eye, a go-between the director and light. The camera loves a face if it is loved by the director and light together.

Q-What if the director loves a face but light doesn’t?
(Laughs) There’s nothing on screen. A blank spot. But if the light loves a face and the director doesn’t, sometimes there is something. I think the light is stronger than the director!

Q-For this film, you are shooting in the homosexual milieu of Mishima. Was that a challenge?
I’ve never forgotten that it was a homosexual story. I had some special consultants who would tell me, "These kind of people are OK. These kinds of places are OK." I was very interested in the constant inversion of everything. The main female is a male character, Obviously, Mishima identified with that woman. I don’t know exactly who I identify with.

Q-Talk about working with Huppert.
She’s not acting for an audience. It’s not for the scenario, the script, the part. She’s acting for the director she decides to work with. As an actress, she needs only a few indications. She doesn’t ask more: something about costumes, one or two psychological cues, and that’s all. She wants to act as if she’s going on the set to sleep and dream. She has a day life and shooting a film is her night life. For The School of Flesh, we read the script together. She read it to me. That’s all. We talked about how her character, Dominique, would be dressed, how short her hair would be. That’s it. And Isabelle likes very much la fille seule. She asked me to do something like I’d done with Virginie Ledoyen. So the first energy of this film is similar to what I’d done before: a long shot on the face.


(A Talk With Benoit Jacquot - Peter Brunette and Gerald Peary. Aus: Cineaste, Vol.XXV, No.3, Summer 2000, pp.23-27)