Dienstag 03.1.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund


ANSIKTET – DAS GESICHT. Schweden, 1958. 100 Minuten. Spezialpreis der Jury, Venedig 1959.
Regie & Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Gunnar Fischer | Montage: Oscar Rosander | Musik: Erik Nordgren.
Darsteller: Max von Sydow (Albert Emanuel Vogler), Ingrid Thulin (Manda Vogler / Aman), Ake Fridell (Tubal), Naima Wifstrand (Voglers Großmutter, Lars Ekborg (Simson), Gunnar Björnstrand (Medizinalrat Vergérus), Erland Josephson (Konsul Egerman), Bibi Andersson (Sara).
RITEN – DER RITUS. Schweden 1969. 72 Minuten.
Regie & Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Montage: Siv Kanälv
Darsteller: Ingrid Thulin (Thea / Claudia), Anders Ek (Sebastian), Gunnar Björnstrand (Hans), Erik Hell (der Richter), Ingmar Bergman (ein Priester).
DAS GESICHT. Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Jahrmarktsmagier Dr. Vogler kehrt auf dem Weg nach Stockholm mit seiner Gauklergruppe in das Haus von Konsul Egermann ein. Dieser hatte zuvor mit dem überzeugten Naturwissenschaftler Dr. Vergérus gewettet, dass Magie tatsächlich existiert. Sie drängen Dr. Vogler, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Verärgert über ihr biederes Verhalten inszeniert der Magier übersinnliche Erscheinungen, die Hausherren und Dienerschaft in tiefe Verwirrung stürzen
DER RITUS. Aufgrund einer obszönen Pantomimendarstellung müssen sich die Schauspieler Sebastian, Thea und Hans wegen des Verstoßes gegen das Sittengesetz vor Gericht verantworten. Gemeinsam und einzeln werden die angeklagten Künstler vom ermittelnden Richter befragt.
2x Bergman, eine Geschichte. Künstler verzaubern, verstören ihr Publikum mit obskuren Vorführungen. Wissenschaftliche und staatliche Institutionen fühlen sich berufen, den „Schwindel“ aufklären, zumindest zu beurteilen, wenn nötig zu zensieren. Aber wie üblich sind Bergmans Künstler alles andere als Übermenschen, nämlich leidende, schwache Kreaturen, die ihre angeblich magischen Fähigkeiten mühsam vortäuschen. Oder? Natürlich sind es Bergmans Filme selbst, die dem Geheimnisvollen, dem Gefährlichen, dem Nicht-Aufzuklärenden der Kunst Recht verschaffen.
Allerdings mit zwei komplett verschiedenen ästhetischen Programmen. ANISKTET ist während einer ersten Höhepunkt-Werkreihe entstanden, nach den WILDEN ERDBEEREN, vor der JUNGFRAUENQUELLE – und durchaus leicht inszeniert, mit gekonnten Drehbuchtwists, derbem Schauspiel, großen philosophischen Fragen und einer eleganten Balance zwischen Komik und Verzweiflung. RITEN dagegen ist ein radikales Experiment, in neun Tagen und nur einem Studioraum mit fünf Schauspielern für das Fernsehen gedreht, die Konflikte bis zum Äußersten auf Spannung gesetzt, in hellstem Weiß und tiefstem Schwarz, mitleidlos, präzise und klaustrophobisch. Da die Frage nach dem Wesen der Kunst viele Menschen nicht interessiert und beide Filme im hohen Maße Selbstreflexionen eines Künstlers sind, sind sie wohl relativ unbekannt geblieben.
„Wenn der Interpret den Zuschauer totschlägt, haben wir ja den Höhepunkt des engagierten Theaters erreicht, könnte man sagen. Der Ritus ist nicht das, was sie [die Figuren in RITEN] da am Schluss machen. Das ist ja eine Art Pappmachéspiel mit Spielmarken und Zeugs und Hokuspokus. Der Ritus ist das Spiel zwischen dem Künstler und seinem Publikum und der Gesellschaft. Diese beiderseitige Mischung von Demütigung und gemeinsamem Bedürfnis. Das ist das Rituelle.“ (Ingmar Bergman)
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