Montag, 2. Januar 2012

Double-Feature: ANSIKTET und RITEN - Ingmar Bergman


Dienstag 03.1.2012
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




ANSIKTET – DAS GESICHT. Schweden, 1958. 100 Minuten. Spezialpreis der Jury, Venedig 1959.


Regie & Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Gunnar Fischer | Montage: Oscar Rosander | Musik: Erik Nordgren.

Darsteller: Max von Sydow (Albert Emanuel Vogler), Ingrid Thulin (Manda Vogler / Aman), Ake Fridell (Tubal), Naima Wifstrand (Voglers Großmutter, Lars Ekborg (Simson), Gunnar Björnstrand (Medizinalrat Vergérus), Erland Josephson (Konsul Egerman), Bibi Andersson (Sara).


RITEN – DER RITUS. Schweden 1969. 72 Minuten.

Regie & Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Montage: Siv Kanälv

Darsteller:
Ingrid Thulin (Thea / Claudia), Anders Ek (Sebastian), Gunnar Björnstrand (Hans), Erik Hell (der Richter), Ingmar Bergman (ein Priester).



DAS GESICHT. Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Jahrmarktsmagier Dr. Vogler kehrt auf dem Weg nach Stockholm mit seiner Gauklergruppe in das Haus von Konsul Egermann ein. Dieser hatte zuvor mit dem überzeugten Naturwissenschaftler Dr. Vergérus gewettet, dass Magie tatsächlich existiert. Sie drängen Dr. Vogler, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Verärgert über ihr biederes Verhalten inszeniert der Magier übersinnliche Erscheinungen, die Hausherren und Dienerschaft in tiefe Verwirrung stürzen


DER RITUS. Aufgrund einer obszönen Pantomimendarstellung müssen sich die Schauspieler Sebastian, Thea und Hans wegen des Verstoßes gegen das Sittengesetz vor Gericht verantworten. Gemeinsam und einzeln werden die angeklagten Künstler vom ermittelnden Richter befragt.


2x Bergman, eine Geschichte. Künstler verzaubern, verstören ihr Publikum mit obskuren Vorführungen. Wissenschaftliche und staatliche Institutionen fühlen sich berufen, den „Schwindel“ aufklären, zumindest zu beurteilen, wenn nötig zu zensieren. Aber wie üblich sind Bergmans Künstler alles andere als Übermenschen, nämlich leidende, schwache Kreaturen, die ihre angeblich magischen Fähigkeiten mühsam vortäuschen. Oder? Natürlich sind es Bergmans Filme selbst, die dem Geheimnisvollen, dem Gefährlichen, dem Nicht-Aufzuklärenden der Kunst Recht verschaffen.

Allerdings mit zwei komplett verschiedenen ästhetischen Programmen. ANISKTET ist während einer ersten Höhepunkt-Werkreihe entstanden, nach den WILDEN ERDBEEREN, vor der JUNGFRAUENQUELLE – und durchaus leicht inszeniert, mit gekonnten Drehbuchtwists, derbem Schauspiel, großen philosophischen Fragen und einer eleganten Balance zwischen Komik und Verzweiflung. RITEN dagegen ist ein radikales Experiment, in neun Tagen und nur einem Studioraum mit fünf Schauspielern für das Fernsehen gedreht, die Konflikte bis zum Äußersten auf Spannung gesetzt, in hellstem Weiß und tiefstem Schwarz, mitleidlos, präzise und klaustrophobisch. Da die Frage nach dem Wesen der Kunst viele Menschen nicht interessiert und beide Filme im hohen Maße Selbstreflexionen eines Künstlers sind, sind sie wohl relativ unbekannt geblieben.

„Wenn der Interpret den Zuschauer totschlägt, haben wir ja den Höhepunkt des engagierten Theaters erreicht, könnte man sagen. Der Ritus ist nicht das, was sie [die Figuren in RITEN] da am Schluss machen. Das ist ja eine Art Pappmachéspiel mit Spielmarken und Zeugs und Hokuspokus. Der Ritus ist das Spiel zwischen dem Künstler und seinem Publikum und der Gesellschaft. Diese beiderseitige Mischung von Demütigung und gemeinsamem Bedürfnis. Das ist das Rituelle.“ (Ingmar Bergman)

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Benoît Jacquot, Teil III : AU FOND DU BOIS


Dienstag 20.12.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




AU FOND DU BOIS / DEEP IN THE WOODS – VERSCHLEPPT UND GESCHÄNDET | Frankreich / Deutschland, 2010. 98 Minuten. Eröffnungsfilm Locarno 2010 | Regie: Benoît Jacquot | Buch: Jacquot und Julien Boivent | Kamera: Julien Hirsch | Montage: Luc Barnier | Musik: Bruno Coulais | Darsteller: Isild Le Besco (Joséphine), Nahuel Pérez Biscayart (Timothée), sowie Jérôme Kircher, Bernard Rouquette, Mathieu Simonet u.a.




“Südfrankreich 1965. Der Wanderer Timothée kommt in ein verschlafenes Dorf. Er gibt sich taub und stumm und findet Unterkunft im Haus von Dr. Hughes. Seine hypnotischen Kräfte ziehen Joséphine, die junge Tochter des Hauses, magisch an und sie folgt ihm in den Wald. Freiwillig oder gewaltsam? In der Wildnis setzt Timothée sie in Trance und nutzt sie sexuell schamlos aus. Trotzdem fühlt sich Joséphine immer stärler von ihm angezogen. Ein packender Erotikthriller, spannend und voller Nervenkitzel.“

(Alamode, deutscher DVD-Vertrieb)


Locarno, 05. August 2010: Krawall liegt in der Luft. Und das nicht nur, weil sich doch die eine oder andere Gewitterwolke über den Lago Maggiore Richtung Locarno heran schiebt. Nein: der Festivalauftakt mit der Uraufführung des französisch-deutschen Spielfilms „Au Fond du Bois“ (etwa: „In der Tiefe des Waldes“) von Regisseur Benoît Jacquot sorgte bei den weit mehr als achttausend Zuschauern auf der Piazza Grande für Irritation und schließlich heftige Streitgespräche. Die Partys in den diversen Festivalkneipen wurden von starkem Pro und Contra in Bezug auf diesen in der Tat seltsamen Film dominiert. Interessanterweise gab es kaum lauwarme Reaktionen. Wenn, dann wurde heiß gestritten. Der Grund: Benoît Jacquot bietet in dem auf Tatsachen aus dem Jahr 1865 beruhenden Film, der in seiner gruseligen Atmosphäre an die schaurigsten Märchen der Kindheit gemahnt, eine mitunter recht krude anmutende Mischung aus Sex und Gewalt.“

(Peter Claus, Getidan-Blog)


„Trotz inhaltlicher Fragwürdigkeiten – und einigen handwerklichen Holprigkeiten wie etwa dem unausgegorenen Einsatz abrupter Zooms und unmotivierter Abblenden – bleibt Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet die gesamte Zeit über spannend. Zu verdanken ist dies vor allem dem geschickten Spiel mit Ambivalenzen: Indem Jacquot thematisch vieles anreißt, jedoch nichts eindeutig definiert oder psychologisch erklärt, erhält sich der Film eine große Offenheit, die jeder Zuschauer selbst füllen muss. Somit regt das Werk einen Diskurs über sexuelle Selbstbestimmung und Unterwerfung an, ohne das Publikum dabei in eine bestimmte Richtung steuern zu wollen. Das Lenken Fremder bleibt hier allein den Figuren überlassen – nur lässt sich eben nie eindeutig sagen, wer wen führt, verführt oder entführt.“

(Martin Gobbin, critic.de)


Trailer:


http://www.dailymotion.com/video/xet237_au-fond-des-bois-de-benoit-jacquot_shortfilms

Montag, 12. Dezember 2011

L’ECOLE DE LA CHAIR - Benoît Jacquot

Dienstag 13.12.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund





L’ECOLE DE LA CHAIR / DIE SCHULE DES BEGEHRENS | Frankreich / Belgien / Luxemburg, 1998 | 100 Minuten | Cannes 1998: Wettbewerb | Regie: Benoît Jacquot | Buch: Jacques Fieschi, nach dem Roman von Yukio Mishima | Kamera: Caroline Champetier | Montage: Luc Barnier | Produktionsdesign: Katia Wyszkop | Darsteller: Isabelle Huppert (Dominique)| Vincent Martinez (Quentin) | Vincent Lindon (Chris) | Marthe Keller (Madame Thorpe) | François Berléand (Soukaz) | Danièle Dubroux (Dominques Freundin) | Bernard Le Coq (Cordier) | Roxane Mesquida (Marine)



Die Schule des Begehrens. Paris, heute (bzw. 1998). Sie und Er, Dominique und Quentin. Er ist jung, sie ist nicht mehr die Jüngste. Sie lebt, er schlägt sich durch. Sie verkauft Mode, er seinen Körper. Getrennte Welten und nichts gemeinsam. Und doch reicht – wie üblich – ein Blick, um sie für immer aneinander zu binden.


Q-Does it seem that The School of Flesh could be your breakthrough film internationally, with a big star, Isabelle Huppert, and a narrative pleasing a larger audience?
My friend, Olivier Assayas, saw it three days ago. He liked it, and said it’s not in the same "regime" as the earlier films. In the others, the story was always "destructing" itself, and it was difficult to know what the story was. This story is simply told. Maybe that’s why you think there will be a meeting with a large audience. About casting Huppert: I don’t realize at which point it’s important about having a great star. In France it doesn’t matter that much. There, Sandrine and Virginie in my previous films are also very popular and very great actresses.

Q-Once again, Caroline Champetier is your cinematographer.
The last time was la fille seule, and this was the same kind of "bete," the challenge to be as close as possible to the figure of a woman. Caroline wanted very much to photograph Isabelle, who is her favorite actor, and I thought maybe it was important to have a woman filming a woman. Caroline knew where I wanted to go with the camera better than anyone, and in both movies I had the big question: what does a woman want? Before, it was a young woman. Here, a less young woman.

Q-So where do you look with the camera on Huppert for this subtle investigation?
In the relationship between the situation and maybe her face?... (Changing his mind) No, it’s something between the actor and the character. With Huppert doing the role, I decided to do more with the actress than there is character. Filming that, I tried to know, to arrive at some little precis of an answer. Maybe I’ll know in four or five films. I’ve never filmed a mother. I’d like to film a mother, in relation to her children.

Q-This film is built on closeups of Isabelle Huppert.
Of ten shots of her, nine are closeups. Extreme closeups. This movie is about sex and sexuality. It’s about flesh, but it’s all on the face, a paradox for me. Godard said, talking about Hitchcock, "He filmed women’s faces like they were their asses." There’s something so specific in film. The closer you are to faces, the closer you are to the sexual nerve. There are also one or two scenes of my couple making love. I asked myself whether to do them. I finally decided it would be very mechanical just to see their faces.

Q-Your lead actor, Vincent Martinez, who plays the young gigolo?
It’s his first movie. He’s 21, brother of the actor, Olivier Martinez, who is very famous in France. I chose him very quickly. Directors say, "I saw 100 people." I saw four or five boys. He was one of the first ones. I tested him with Isabelle. At once, she told me, "That’s him."

Q-Does the camera love certain actors?
Not the camera. It’s a mechanical eye, a go-between the director and light. The camera loves a face if it is loved by the director and light together.

Q-What if the director loves a face but light doesn’t?
(Laughs) There’s nothing on screen. A blank spot. But if the light loves a face and the director doesn’t, sometimes there is something. I think the light is stronger than the director!

Q-For this film, you are shooting in the homosexual milieu of Mishima. Was that a challenge?
I’ve never forgotten that it was a homosexual story. I had some special consultants who would tell me, "These kind of people are OK. These kinds of places are OK." I was very interested in the constant inversion of everything. The main female is a male character, Obviously, Mishima identified with that woman. I don’t know exactly who I identify with.

Q-Talk about working with Huppert.
She’s not acting for an audience. It’s not for the scenario, the script, the part. She’s acting for the director she decides to work with. As an actress, she needs only a few indications. She doesn’t ask more: something about costumes, one or two psychological cues, and that’s all. She wants to act as if she’s going on the set to sleep and dream. She has a day life and shooting a film is her night life. For The School of Flesh, we read the script together. She read it to me. That’s all. We talked about how her character, Dominique, would be dressed, how short her hair would be. That’s it. And Isabelle likes very much la fille seule. She asked me to do something like I’d done with Virginie Ledoyen. So the first energy of this film is similar to what I’d done before: a long shot on the face.


(A Talk With Benoit Jacquot - Peter Brunette and Gerald Peary. Aus: Cineaste, Vol.XXV, No.3, Summer 2000, pp.23-27)


Donnerstag, 1. Dezember 2011

LA FILLE SEULE - Benoît Jacquot

Dienstag 6.12.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Natali Barrey






LA FILLE SEULE/DAS EINSAME MÄDCHEN | F 1995 | Regie: Benoît Jacquot | Buch: Jacquot, Jérôme Beaujour | Kamera: Caroline Champetier | Schnitt: Pascale Chavance | Darsteller: Virginie Ledoyen, Benoît Magimel, Dominique Valadie, Vera Briole | 90 min | Franz. mit Engl. UT




"Die Geschichte ist denkbar einfach: Ein Mädchen bestellt ihren Freund in ein Café, wo sie ihm mitteilt, daß sie schwanger ist. Weil weder der Freund noch sie in der Sache gesprächsweise weiterkommen, beschließen sie, sich in einer Stunde nochmal zu treffen, um alles weitere zu bereden. Dann geht sie um die Ecke in ein Hotel am Gare St. Lazare, wo sie eine Arbeit beim Roomservice antritt. Daß dies ihr erster Arbeitstag ist, bringt zusätzlich Unruhe in die ohnehin gespannte Lage. Alles, was im Hotel passiert, bringt sie irgendwie auch einer Entscheidung näher – oder auch nicht.

Die Stunde zwischen dem einen Rendezvous und dem nächsten dauert im Film eine Stunde (und wird in Echtzeit erzählt. Anm.). Für den Zuschauer bedeutet das, daß die Zeit gleichzeitig sich dehnt und schrumpft. Es passiert einerseits so viel mehr, als man nach eigenem Zeitempfinden vermuten würde, und andererseits so viel weniger, als man im Kino gewohnt ist. Und dennoch liegt in dieser Stunde ein ganzes Leben: für oder gegen das Kind, mit oder ohne den Vater. Das ist, wie das Leben so spielt, eine Sache von Sekunden – und dennoch eine existenzielle Entscheidung."
(Michael Althen)

Benoît Jacquot, Jahrgang 1947, beginnt seine Karriere als Assistent von Marcel Carné, Roger Vadim und Marguerite Duras. In den 70er Jahren dreht er fürs Fernsehen und Dokumentarfilme für das INA (Institut National de l’Audiovisuel). Mit "L'assassin musicien" beginnt er 1975 seine Kinokarriere. "La fille seule" ist nach "Marianne" der zweite Film, den Jacquot mit Virginie Ledoyen dreht, die zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt ist.

Mittwoch, 23. November 2011

LIEBE FILMCLUBBER...



Am 29.11. werden wir keinen Film sehen & diskutieren, sondern ein paar Ideen sammeln für die nächsten Einzelprogramme, Reihen und Filmemacher_innen-Gespräche. Also kommt zahlreich, äußert Interessen und macht Vorschläge.


Wir treffen uns wie üblich um 20.30 Uhr !

Montag, 21. November 2011

DER VATER MEINER KINDER - Mia Hansen-Løve


Dienstag 22.11.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Crisina Diz





DER VATER MEINER KINDER | F 2009, 112 Min, Franz. mit Engl. UT, B, R: Mia Hansen-Løve, D: Chiara Caselli, Louis-Do de Lencquesaing, K: Pascal Auffray, M: Marion Monnier




Grégoire Canvel führt ein scheinbar vollkommenes Leben: Er hat eine Ehefrau, die ihn liebt, drei entzückende Kinder und einen erfüllenden Job. Doch was keiner sieht: Er geht zu viele geschäftliche Risiken ein, macht immer mehr Schulden und hat keine Kraft sich dagegen aufzubäumen. Dafür nimmt eine lähmende Müdigkeit, eine wachsende Verzweiflung von ihm Besitz und es scheint für ihn nur einen finalen Ausweg zu geben. Mit einem Schlag ändert sich für die Familie alles: Konfrontiert mit Trauer, Verzweiflung, Wut und Machtlosigkeit, nimmt seine Frau Sylvia, nach dem ersten ungläubigen Innehalten, den Kampf auf. Sie muss die marode Firma retten, kämpft sich durch das Chaos im Büro und führt die noch laufenden Projekte zu Ende. Gleichzeitig möchte sie, dass sich ihre Töchter der Realität stellen und erwachsen werden. Zum ersten Mal in ihrem Leben beginnt Sylvia hinter die Fassade ihres gemeinsamen Lebens zu blicken…

LE PÈRE DE MES ENFANTS ist der zweite Langfilm von Regisseurin
Mia Hansen-Løve, die damit dem französischen Filmproduzenten, ihrem Mentor Humbert Balsan, ein Denkmal setzt. 2009 gewann die französisch-deutsche Produktion den Spezialpreis der Jury in der Festivalreihe Un Certain Regard in Cannes.

http://www.vater-meiner-kinder.de/

Montag, 14. November 2011

TOUT EST PARDONNÉ - Mia Hansen-Løve


Dienstag 15.11.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Crisina Diz




TOUT EST PARDONNÉ | F 2007, 105 Min., Franz. und Deutsch mit Engl. UT, B, R: Mia Hansen-Løve, K: Pascal Auffray, M: Marion Monnier, D: Paul Blain (Victor), Marie Christine Friedrich (Annette), Constance Rousseau (Pamela, 17 Jahre), Victoire Rousseau (Pamela, 6 Jahre), Carole Franck (Martine), Olivia Ross (Gisèle), Alice Langlois (Judith), Elena Fischer-Dieskau (Nektar), Franz Buchrieser (Fritz)




Beinahe fröhlich wirkt der Auftakt in Wien, wenn die Sonne aufgeht, auf die Plätze der Innenstadt das erste Tageslicht fällt und sich Straßenbahnen vor dem Prater scheinbar lustig im Kreis drehen. Später gehen Victor, Annette und ihre gerade sechs Jahre alt gewordene Tochter über die Reichsbrücke, und der Vater erzählt, dass diese Brücke einmal eingestürzt sei. Ob das nun wieder passieren könne, will die kleine Pamela wissen, und darauf die Mutter: «Brücken sind unzerstörbar».

Das sind sie natürlich nicht, und das erkennt die Familie umso genauer, als sie einen Monat später in Victors Heimatstadt Paris eintrifft: Die Spannungen werden zunehmend unerträglich, und die österreichisch-französische Familienbande zerreißt. Victor verfällt den Drogen, Annette möchte zurück zu den Eltern nach Wien, dazwischen Pamela, die nicht weiß, was die nächsten Jahre bringen werden.

Tout est pardonné nimmt sich in der Folge auf unterschiedliche und überzeugende Weise der verschiedenen Lebensstationen Pamelas an: Nach der Wiener Ouvertüre und dem Pariser Intermezzo taucht sie im nächsten Kapitel plötzlich als 17-jährige junge Frau auf, die in der neuen Patchwork-Familie der Mutter ihren Platz gefunden hat. Doch diese hat ihr seit damals die Existenz des Vaters verschwiegen, der nun wieder den Kontakt zur Tochter sucht.
Mia Hansen-Løve, bisher vor allem als Publizistin und Filmkritikerin der «Cahiers du cinéma» in Erscheinung getreten, inszeniert ihren beeindruckenden Debütfilm mit entsprechender Sensibilität und Leichtigkeit, lässt immer genug Platz für die leisen Zwischentöne in der Erzählung und kann auf wunderbare Dialoge bauen. Tout est pardonné ist ein trauriger, aber zugleich unglaublich optimistischer Film, der auch davon berichtet, das wirklich Wichtige im Leben erkennen zu können.

«Warum sprichst du immer über die Dinge, als ob du sie nicht ändern kannst?», möchte Annette von Victor wissen, bevor sie ihn verlässt. Weil alle Dinge ihre Zeit brauchen und alles vergeben sein sollte, bevor es dafür zu spät ist.

(Text: Viennale 2007)