Montag, 4. April 2011

UN BARRAGE CONTRE LA PACIFIQUE - Rithy Panh

Dienstag 05.4.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Gregor Stadlober


UN BARRAGE CONTRE LA PACIFIQUE | 2008 | Regie, Buch:Rithy Panh | Darsteller: Rithy Panh; D: Isabelle Huppert, Gaspard Ulliel, Astrid Berges-Frisbey | Engl. UT

Rithy Panh gilt als der wichtigste kambodschanische Filmemacher. Seine Familie flüchtete 1975 vor Pol Pot nach Frankreich, wo Panh seine Filmsozialisation erfuhr. Mittlerweile lebt er wieder in Kambodscha und versucht in der kulturellen Wüste, die das Regime hinterlassen hat, eine Film- und Erinnerungskultur mit aufzubauen. Teil davon sind die Dokumentarfilme, mit denen er international bekannt wurde: The Land of Wandering Souls (2000) und S21(2003). Die Grundsituation seiner Marguerite Duras-Verfilmung Un barrage contre le Pacifique klingt sehr ähnlich wie jene in White Material: Isabelle Huppert verkörpert eine koloniale Reisproduzentin (diesmal in Indochina), die verbissen um ihre Ernte kämpft. Nach den Fotos zu urteilen, erwartet uns ästhetisch allerdings ein ziemliches Kontrastprogramm.

[Disclaimer: Es gibt eine DVD, die allerdings noch niemand angeschaut hat. Ich krieg sie erst Montag Abend. Falls sich dann überwindliche technische oder sprachliche Hürden zeigen, gibt’s ein Notprogramm. Also watch out.]


Mittwoch, 23. März 2011

WHITE MATERIAL - Claire Denis

Dienstag 29.3.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Cristina Diz




WHITE MATERIAL | 2010 | Regie: Claire Denis | Buch: Claire Denis | Kamera: Yves Cape | Kostüm: Judy Shrewsbury | Produzent: Pascal Caucheteux | Darsteller: Christopher Lambert, Isabelle Huppert, Isaach De Bankolé, David Gozlan | Engl. UT


Inhalt


Obwohl Unruhen in Afrika das Leben der weißen Maria bedrohen, will sie ihre Kaffee-Ernte nicht aufgeben. Sie ignoriert die große Gefahr und ist fest entschlossen zu bleiben. Doch ihr Ex-Mann André, der Vater ihres ältesten Sohn will ohne ihr Wissen die Familie wieder nach Frankreich bringen.

Kritiken

08. September 2009 | WHITE MATERIAL • Kritik • Süddeutsche Zeitung

Einfach nur irrational findet Susan Vahabzadeh den Film. "Es ist oft ein schlechtes Zeichen, wenn Regisseure ihren Filmen die Verortung verweigern - und so kraftvoll Isabelle Hupperts Darstellung dieser Marie Vial auch ist, mit ihrer besessenen Liebe zu dem Land, in dem sie unerwünschter Gast ist, die konfuse Geschichte wirkt naiv und konstruiert. ... es ist unendlich schwer, mit Figuren, deren Handlung jede Logik verloren hat, wirklich mitzufühlen."

08. September 2009 | WHITE MATERIAL • Kritik • film-dienst

Als aufregend bezeichnet Felicitas Kleiner den Film. "Dabei wirft sich die bewegliche Kamera förmlich ins Geschehen; auf einen auktoriellen Erzählanspruch, dieses Geschehen einordnen, bewerten und erklären zu können, wird konsequent verzichtet. Einmal mehr gelingt Claire Denis ein "postkolonialer" Film, der seine Stärke daraus zieht, sein Sujet als unmittelbare und verstörend-sinnliche Erfahrung zu vermitteln."

07. September 2009 | WHITE MATERIAL • Kritik • Die Tageszeitung

Die großen postkolonialen Fragen klingen laut Cristina Nord an, "ohne dass der Film eine Grundlage schüfe, von der aus sich Urteile treffen ließen - wie leben Weiße und Schwarze zusammen, wenn die koloniale Ordnung überwunden ist? Was geschieht, wenn die Machtassymetrien sich zu verschieben beginnen? Und wenn diese Verschiebung nicht in einem geordneten, demokratischen Prozess, sondern gewaltsam, eruptiv geschieht? - klingen an, ohne dass der Film eine Grundlage schüfe, von der aus sich Urteile treffen ließen. Vielmehr verhandelt er die allgemeinen Fragen auf einer sehr konkreten Ebene."

06. September 2009 | WHITE MATERIAL • Kritik • Frankfurter Allgemeine Zeitung

Einfach sind die Beziehungen bei Claire Denis nie zu durchschauen, weil Michael Althen "sie sich auch selbst erschließen muss. Die Faszination rührt daher, dass die Figuren nie um Aufmerksamkeit buhlen, sondern nur so viel preisgeben, wie man in die Begegnung mit ihnen zu investieren bereit ist. Durch ihre Welt bewegt man sich auf Augenhöhe, erst tastend, dann neugierig, bis man irgendwann gefangen ist. Und wenn die Gewalt dann ausbricht, folgt sie nicht den üblichen Regeln des Kinos, sondern mit einer Beiläufigkeit, in der ihre Willkür und Grausamkeit umso schockierender spürbar werden. Wie genau und zugeneigt der Blick vonClaire Denis ist, merkt man schon daran, dass man Isabelle Huppert selten so bei sich gesehen hat wie hier."

06. September 2009 | WHITE MATERIAL • Kritik • Die Welt

Peter Zander lobt die Hauptdarstellerin. "Isabelle Huppert zieht in dieser Rolle einmal mehr alle Register, wie sie sich nach außen unerbittlich gibt und doch innerlich erlischt. Keine Spur von JENSEITS VON AFRIKA-Schwulst, von Ich-hatte-eine-Farm-in-Afrika-Nostalgie. Claire Denis geht es hier um kein bestimmtes Land, kein Regime, das es anzuprangern gilt. Ihr Film ist eine Metapher auf eine Gesellschaft im Chaos."19-year-old Tomek whiles away his lonely life by spying on his opposite neighbour Magda through binoculars. She's an artist in her mid-thirties, and appears to have everything – not least a constant stream of men at her beck and call. But when the two finally meet, they discover that they have a lot more in common than appeared at first sight...
[IMDb]

Trailer

http://www.youtube.com/watch?v=OKzFi39XHI8

Mittwoch, 16. März 2011

LA MUJER SIN CABEZA - Lucrecia Martel

Dienstag 22.03.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Stefan Butzmühlen


LA MUJER SIN CABEZA | 2009 | Regie: Lucrecia Martel | Buch: Lucrecia Martel | Montage: Miguel Sverdfinger | Produzent: Pedro Almodóvar, Agustin Almodóvar, Tilde Corsi, Lucrecia Martel,Enrique Pineyro, Esther García, Vieri Razzini,Verónica Cura, Cesare Petrillo, Marianne Slot | Darsteller: Inés Efron, María Onetto, Claudia Cantero, César Bordón, Daniel Genoud, Guillermo Arengo, Alicia Muxo, Pía Uribelarrea, María Vaner | 87 Minuten

Nachdem sie mit ihrem Wagen irgendetwas überfahren hat und ohne anzuhalten geflüchtet ist, leidet Vero an Gedächtnisverlust. Sie kommt zu der Überzeugung, einen Menschen getötet zu haben, frisst die Sache aber zunächst in sich hinein. Schließlich erzählt sie doch ihrem Ehemann von dem Unfall… (Cannes Official Competition 2007)

Nach Promi-Schaulaufen und Indiana Jones-Hysterie ist Cannes natürlich auch ein Hort der hehren Filmkunst – mit Betonung auf Kunst. Daran wurde die versammelte Pressemeute am achten Tag des Festivals erinnert. Für manchen eine harte Probe, denn das Partyleben und der unstete Rhythmus eines Festivals von der Partyintensität hinterlässt bei mancher Edelfeder erste Spuren des Verschleißes und der Zerrüttung – so viele Filme gesehen und immer noch ist es eines der großen Mysterien, welcher Film am Samstag die Goldene Palme in Empfang nehmen wird. Glaubt man dem Tenor der Presse, so wird Lucrecia Martels Film La Mujer sin Cabeza auf jeden Fall nicht zu den Kandidaten gehören.
Die argentinische Regisseurin, deren Film Der Morast / La Ciénaga vor einigen Jahren am Wettbewerb der Berlinale teilnahm, erzählt in ihrem neuen Werk die Geschichte einer Frau, deren Leben durch einen Unfall vollkommen aus dem Tritt gerät. Veronica (Inés Efrón) überfährt eines Tages ein Lebewesen und flüchtet nach dem Unfall, so dass sie keine Ahnung hat, ob es ein Mensch oder ein Tier war, das sie tötete. Veronica erleidet durch den Schock eine Amnesie und erlebt, wie sich in Folge des Ereignisses all ihre sicher geglaubten Bindungen verflüchtigen. Als sie sich endlich ihrem Ehemann anvertraut, suchen die beiden eines Nachts die Straße auf, auf der das Unglück geschah und finden dort den Leichnam eines Hundes. Ist damit das Rätsel gelöst? Zunächst scheint alles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen...
Wolfgang Höbel zeigt sich bei Spiegel Online wenig angetan von dem Film: "Ungeheuer gravitätisch, in sicher mühsam ertüftelten Endlos-Einstellungen breitet Martel diese Alltagsstory aus, ohne selber je Stellung zu beziehen, was man sehr schlau hingezirkelt finden kann, aber auch zum Schnarchen leblos und schrecklich ermüdend." Auf der Website von Artezeigt sich Nana A.T. Rebhan ebenfalls ernüchtert: "La Mujer sin Cabeza plätschert vor sich hin, und irgendwann ist er einfach zu Ende." Ihr Fazit: ein "harmloser Film".
Sichtlich verwirrt ließ der Film Glenn Kenny zurück, der in seinem Blog „Some came running“ schreibt, dass er verunsichert sei, ob er sich dem Urteil eines Freundes anschließen solle, der meinte, der Film sei schlichtweg "langweilig". Kenny verweist auf die kluge Einbindung und Analyse von Klassenunterschieden und schließt damit, dass er den Film noch einmal sehen müsse, um ihn wirklich beurteilen zu können. Lee Marshall von Screen International unterstreicht die offensichtliche Begabung der Regisseurin, wenngleich auch er an der Geschichte nur wenig Gutes finden kann: "Wenn es einen Preis gäbe für die Diskrepanz zwischen der Qualität eines Regisseurs und der eines Films, hätte La Mujer sin Cabeza diesen verdient." Und weiter heißt es dort, dass die zahlreichen Buhrufe und aus der Vorstellung strömenden Journalisten beschämend seien, denn der Filme beweise, dass "Martel eine der originellsten Regisseurinnen ist, die wir haben." Unter dem Strich aber sieht Lee Marshall wenig Chancen auf eine erfolgreiche kommerzielle Auswertung in den Kinos. (Kritik bei Kino Zeit)

Trailer:


Montag, 7. März 2011

COMRADES - Bill Douglas

Dienstag 08.03.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Jöns Jönsson

COMRADES | Regie & Buch: Bill Douglas | Kamera: Gale Tattersall | Montage: Mick Audsley | Produzent: Simon Relph | Darsteller: Keith Allens, Dave Atkins | 183 Minuten | Englisch

"Comrades" von Bill Douglas, schildert die Geschichte einer kleinen Gruppe von Landarbeitern Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, die sich gegen Lohndrückerei wehren, eine der ersten Gewerkschaften gründen und dafür sieben Jahre lang nach Australien verbannt werden. Die sechs Tolpuddle Martyrs aus dem kleinen Dorf Tolpuddle gelten mit ihrer „Friendly Society of Agricultural Labourers“ im Vereinigten Königreich als die eigentlichen Wegbereiter freier Gewerkschaften (New Statesman).

„The same sense of directness hits the viewer with shocking immediacy from the first scenes of Comrades and it never lets up throughout the entire three-hours of the remarkable journey not only of the men in the film, but of the journey made in basic human rights.

The unique qualities demonstrated by Bill Douglas in his autobiographical Trilogy, are expanded on and developed further here, taken to an epic scale, while at the same time remaining rooted in the individual, with a profound understanding of the human spirit, the experience of poverty, suffering and faith in the eventual deliverance of the common man.

Sonntag, 20. Februar 2011

DREI PSYCHOLOGISCH INTERESSIERTE FOUND-FOOTAGE-AVANTGARDE-REIßER FROM AUSTRIA

Dienstag 22.2.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Gregor Stadlober



PASSAGE À L'ACTE
| Österreich 1993 | Regie: Martin Arnold | 12 Minuten

OUTER SPACE | Österreich 1998 | Regie: Peter Tscherkassky | 10 Minuten

MORROR MECHANICS | Österreich 2005 | Regie: Siegfried A. Fruhauf | 7 Minuten


(Das Programm ist kurz, für allfälligen Bedarf gibt es einige Bonus Tracks!)


Bei der Diagonale, dem Festival des österreichischen Films, hat es bis vor Kurzem die Sektion Avantgardefilm.gegeben. Ein Zeichen für die starke, strukturell orientierte Avantgardefilm-Tradition in Österreich, deren Säulenheilige Peter Kubelka und Kurt Kren sind. Kren ist tot, Kubelka nur mehr als strenger Hüter der reinen Lehre aktiv (während z.b. Michael Snow heute seine eigenen Klassiker auf Youtube-kompatible Längen kürzt, verbietet Kubelka eine DVD-Edition seiner Filme). Die reine Lehre beinhaltet in etwa, dass das Material Film sein muss, der Vorführort das Kino und der Inhalt eine thesengestützte, analytische Auseinandersetzung mit Kinoapparat, Wahrnehmung und Filmgeschichte. Weil das in dieser Form heutzutage kaum mehr stattfindet, gibt es bei er Diagonale nun die Kategorie Experimentalfilm, die eigentlich Experimentalvideo heißen müsste und von Leuten wie Kubelka oder dem Viennale-Leiter Hans Hurch gelinde gesagt gering geschätzt wird.

So gesehen sind Peter Tscherkassky und Martin Arnold sowas wie die letzten großen Meister des Genres. Sie haben die 90er Jahre mit aufwändigen und spektakulären Avantgarde-Blockbustern beherrscht. Martin Arnold bringt in Passage à l’acte (1993) eine heitere Familiensszene aus To Kill a Mockingbird zum Stottern und legt damit das Gewaltpotential frei, das im Idyll schlummert. In Outer Space (1998) bearbeitet Tscherkassky einen Horrorfilm mit Barbara Hershey. Im Original kämpft die Heldin gegen einen Angreifer, der in ihr Haus eindringen will. Bei Tscherkassky ist der Angreifer der Raum um den Filmstreifen, der die Kader (und in ihnen Hershey) attackiert.

Nach den großen Erfolgen mit diesen Filmen haben beide Regisseure eine Zeit lang mit imho mäßigem künstlerischen Erfolg die jeweils entwickelten Techniken gemolken und bewegten sich dabei interessanterweise fast synchron in Richtung Narration. Später ist Arnold in den Kunstkontext gewechselt, von Tscherkassky gibt es seit 2010 einen neuen Film, den ich noch nicht gesehen habe.

Während sich Tscherkasskys in den Nullerjahren im Kreis gedreht hat, hat sich sein Schüler Siegfried A. Fruhauf vom Epigonen zum Thronfolger entwickelt und mit Mirror Mechanics (2005) einen illegitimen, aber sehr schönen Tscherkassky-Film gezeugt.

Samstag, 12. Februar 2011

CONSPIRATORS OF PLEASURE - Jan Svankmajer

Dienstag 15.2.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Johanna Jaeger



CONSPIRATORS OF PLEASURE
| Tschechien, Großbritannien, Schweiz 1996 | Regie: Jan Svankmajer | Buch: Jan Svankmajer | Kamera: Spála, Miloslav | Montage: Zemanová, Marie | Kostüm: Švankmajerová, Eva | Musik: Jelinkova, Olga | Darsteller: Meissel, Petr, Olaf Lubaszenko/Wilhemová, Gabriela/Hrzánová, Barbora | 83 Minuten | Farbe | Englisch

Jan Svankmajer, 1934 geboren, ist ein tschechischer Filmemacher, Poet und Künstler – ein Surrealist. Der Langfilm Conspirators of Pleasure erzählt von den außergewöhnlichen Obsessionen unterschiedlicher Personen, die durch das Alltagsleben wie in ihre geheimen Kämmerchen filmisch begleitet werden. Das psychologische Innenleben der ProtagonistInnen wird bildnerisch-surreal und bildhauerisch dargestellt, und mit dem Auftreten der realen SchauspielerInnen verwoben:

Eine Nachrichtensprecherin und Karpfen, ein musikliebhabender Bastler und Bürsten, eine Postbotin und ihr besonderer Umgang mit dem “täglichen Brot”, ein Nachbar mit ausufernden Fantasien, ein alter Mann und sein ganz eigenes Vergnügungskabinett. Die Charaktere des Films begegnen sich, ohne das der eine von dem stillen und geheimen Tun des anderen weiß.

Wenn es noch Zeit gibt, schlage ich vor danach noch Kurzfilme zu schauen, die noch stärker bildhauerisch, sehr obskur und fantastisch sind.

z.B. Dimensions of Dialogue (1981)

http://www.youtube.com/watch?v=LhX1tvTgqC8


LINK:

Sonntag, 6. Februar 2011

DAS GESPENST DER FREIHEIT - Luis Buñuel

Dienstag 08.02.2011
20.30 Uhr
vorgestellt von Cristina Diz




DAS GESPENST DER FREIHEIT | Frankreich 1974 | Regie: Luis Buñuel | Buch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Edmond Richard | Montage: Hélène Plemiannikov | Produzent: Serge Silberman | Darsteller: Jean-Claude Brialy, Monica Vitti, Michael Piccoli, Adriana Asti, Julien Bertheau, Adolfo Ceili, Paul Franqueur, Francois Maistre, Jean Rochefort | 104 Minuten

"Coincidence is the great master of things. I feel a special tenderness toward The Phantom of Liberty, perhaps because it tackles this difficult theme". (Luis Buñuel).

Luis Buñuel reiht in seinem u.a. mit Michel Piccoli, Monica Vitti, Jean-Claude Brialy und Julien Bertheau hochkarätig besetzten, Mitte der 70er Jahre hoch provokanten Film „Das Gespenst der Freiheit“ in lockerer Weise Episoden aneinander, die das scheinbar Normale ins Absurde verkehren und vom Zuschauer wie ein Puzzle zusammengesetzt werden müssen.

Der Kommissar eines Polizeireviers ruft einen Flic herein und bittet ihn, nach einem Mädchen zu fahnden, das zusammen mit seinen Eltern neben ihm steht. Nachts wird ein Auto durch einen Panzer gestoppt und die Soldaten fragen, ob die Fahrerin zufällig Füchse gesehen hat, sie seien nämlich auf Fuchsjagd. Ein Mann zeigt zwei kleinen Mädchen offenbar anrüchige Fotos, die von ihren Eltern später geradezu schockiert zur Kenntnis genommen werden – dabei handelt es sich um völlig harmlose Ansichtskarten der touristischen Sehenswürdigkeiten von Paris. Mönche zelebrieren für den todkranken Vater eines Gastes im Hotel eine Messe, um danach auf dem Zimmer der Trauernden ein wildes Pokerspiel aufzuziehen. Ein junger, gut aussehender Mann versucht, seine wesentlich ältere Tante zu verführen – vergeblich, weil diese sich jungmädchenhaft ziert.Der absolute Höhepunkt des verrätselt-absurden Reigens: Gäste treffen sich nach dem Besuch der Oper zum Diner, lassen diskret die Hosen ’runter und sich an der völlig leeren Tafel auf Kloschüsseln nieder, um über Umweltverschmutzung zu sprechen. Zum Essen verdrücken sie sich dagegen in eine entlegene Speisekammer, nach der sie sich beim Hausmädchen nur hinter vorgehaltener Hand erkundigen...
Buñuels 31. Film, dessen Titel „Das Gespenst der Freiheit“ einem Satz aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx nachempfunden ist, offenbart eine höchst eigenwillige Vorstellung des damals bereits 74jährigen Regisseurs von einer überschäumenden, komisch totalen Freiheit jenseits der (bürgerlichen) Realität, welche er geradezu auf den Kopf stellt.

Gleich zu Beginn relativiert Buñuel den Freiheitsbegriff mit dem Rückgriff auf eine historische Begebenheit: Die Spanier haben sich 1814 mit dem Ruf „Vivan las cadenas“ („Es leben die Ketten“) von der Freiheit, die ihnen die napoleonische Herrschaft brachte, befreit, indem sie sich für das Joch unter König Fernando VII. entschieden.Buñuel führt Zufälligkeiten, Formalismen und Rituale menschlicher Unzulänglichkeiten vor, aber nicht seine Figuren. Das macht seine surrealistische (Welt-) Sicht auch für ein heutiges Publikum so sehenswert: Der „französische Spanier“ ist kein moralinsauer Prediger, sondern jemand, dessen „Lehre“, einen solchen Begriff würde er naturgemäß strikt von sich weisen, unter einem Berg von Amüsement nur sehr unterschwellig sichtbar wird.

[Pitt Hermann, Filmzentrale]

LINK:

http://www.sensesofcinema.com/2002/cteq/phantom/