Montag, 5. Oktober 2009

ROUTE ONE/USA – Robert Kramer

06.10.09 | 20.30 Uhr
vorgestellt von Sebastian Markt

Der Film wird in zwei Teilen gezeigt!
Teil II am 13.10.09

ROUTE ONE/USA | Frankreich 1989 | Regie: Robert Kramer | Autor: Robert Kramer | Produzent: Richard Copans | Musik: Barre Philips u.a. | Ton: Olivier Schwob u.a. | Kamera: Jörgen Persson | Montage: Guy Lecome, Robert Kramer u.a. | Sprache: Englisch | 125 + 135 Minuten | Farbe

U.S. Route 1 ist der älteste Highway an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika. 3219 Kilometer von Fort Kent, Maine an der Kanadischen Grenze bis nach Key West, Florida, durch fünfzehn Bundesstaaten, Verbindung zwischen den meisten großen Städten des Ostens des Landes und unzähligen kleinen dazwischen.

ROUTE ONE/USA ist die dokumentarische Spur einer Reise, ein Roadmovie.

Robert Kramer begleitet als Filmemacher und Kameramann einen Mann, der im Film stets Doc genannt wird, auf einer Reise durch die USA, entlang der Route 1. Doc, mal Objekt des Films, mal Cicerone, oft auch im Hintergrund, besucht Bekannte aus einem früheren Leben, vor allem gibt es Begegnungen am Wegesrand, Städte und Landschaften, Personen und Institutionen, Ereignissen. Kramer spinnt aus der Anschauung der Reise Beobachtungen und Portraits, ein dichtes Gewebe an thematischen Bezügen: der Zustand einer Gesellschaft, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Abwesenheit und Nähe, politische Kämpfe und private und immer wieder staatliche Herrschaft und Rebellion.

ROUTE ONE/USA ist das Porträt einer Figur.

Doc, der Reisende in ROUTE ONE ist die fiktive Hauptfigur von Robert Kramers Spielfilm DOC'S KINGDOM von 1987, hier wie da verkörpert vom Schauspieler Paul McIsaac. Ehemaliger linksradikaler Aktivist, Arzt, der viele Jahre in Afrika gearbeitet hat. Doc's Kingdom zeigt ihn in Lissabon, am Rande Europas, am Rande der Verzweiflung, krank. Arbeit in einem Armenspital, Begegnung mit einem erwachsenen Sohn, den er nicht kennt. (Bemerkenswerte frühe Rolle von Vincent Gallo).

Dieser Doc kehrt in ROUTE ONE, mehr als ein Jahrzehnt seit seiner Abkehr, in die USA zurück.

Parallelen zu den Biographien von McIsaac und Kramer lassen sich finden, wenn man sie denn suchen will. In einem Kurzfilm, einem "ciné-lettre" von 1990 richtet Kramer das Wort an McIsaac:

"I wanted to talk to you about our work together in the movies, or about the character we created, the doctor. Who is you Paul and not you. Who is also me. A fiction that blurred our separateness. Like love, or work."

"I’m from NYC. The 50’s were bad. I got reborn in the 60’s. I left the states at the end of the 70’s. I’ve been living around, mostly based in Paris, and I make movies."

So hat sich Robert Kramer (1939-1999) in einem unbeantworteten, wunderbaren Brief an Bob Dylan vorgestellt. (Über Dylan hat Kramer einmal bemerkte: "Everything I’ve ever wanted to say was sung by Bob Dylan."). Die Wiedergeburt in den 60er Jahren war die New Left und ihre Kämpfe, gegen den Rassismus, gegen Vietnam. Kramer war ein Gründungsmitglied des Newsreel Collective, einer Gruppe von Aktivist/inn/en die mit einer Reihe von Filmen über die politischen Kämpfe der 60er und 70er ebenso Bericht erstatteten, wie sie in sie eingriffen. Kramer drehte im weiteren Umfeld von Newsreel auch einige Spielfilme, darunter sein bekanntestes Frühwerk, ICE von 1970, dystopische Fantasie eines faschistischen Amerikas, gedreht als Direct Cinema. Seine Arbeiten werden oft als filmische Essays beschrieben, in denen Kramer der oft selbst die Kamera führt als Chronist des Zustandes einer Gesellschaft, aber auch seiner selbst auftritt.

Im Werk von Kramer, stets engagiert, findet weniger eine Grenzüberschreitung der Demarkationslinie zwischen Fiktion und Dokument statt, als dass diese Grenze, obwohl existent, in seiner Arbeit zunehmned an Bedeutung verliert.

Ich meine mich zu erinnern, dass Alexander Kluge mal über DAS HIMMLER PROJEKT gesagt hat, Romuald Karmakar würde Manfred Zapatka wie ein Pendel in den Himmlerschen Text versenken. Über ROUTE ONE könnte man sagen, dass Kramer eine Landschaft, eine Gesellschaft, ein Land, Ort und Zeit, auslotet, in dem er den Doc in sie versenkt, wie ein Pendel.

An dem Film liegt mir viel.

LINKS:

Ein Dossier über Robert Kramer in der neunten Ausgabe der australischen Onlinefilmzeitschrift Rouge.

Ein Text von Paul MacIsaac über die Zusammenarbeit mit Kramer und die Erschaffung der Figur des 'Doc' auf der (ehemaligen) Homepage von Robert Kramer.

Ebendort, neben anderem Bemerkenswerten, ein Gespräch mit Kramer und Frederick Wiseman.

Eine Homepage über das Newsreel Collective, verantwortet hauptsächlich von Roz (Roslyn) Payne, einer ehemaligen Aktivistin, die in einer Nebenrolle auch in DOC'S KINGDOM zu sehen ist.

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