Donnerstag, 27. Dezember 2012

TO DIE LIKE A MAN - João Pedro Rodrigues


Dienstag 8.1.2013
20.30 Uhr
vorgestellt von Jan Künemund




PT 2009 | 133 min | Originaltitel: Morrer como um homem | Regie: João Pedro Rodrigues | Buch: Rui Catalão, João Pedro Rodrigues | Kamera: Rui Poças | Montage: Rui Mourão, João Pedro Rodrigues | mit Fernando Santos, Chandra Malatitch, Miguel Loureiro, Jenny Larue, Fernando Gomes

Inhalt


Antonia, kurz Tonia (Fernando Santos), kam als Mann auf die Welt, entschied sich im Lauf seiner Karriere als Travestiestar in Lissabon jedoch für ein Leben als Frau – nur den letzten Schritt, die vollständige Geschlechtsumwandlung, hat der religiöse Tonia nie gewagt. Jetzt, wo seine Karriere im Nachtleben zu Ende geht, hadert er mit diesem Entschluss. Und mit seiner Liebe zum jüngeren und drogensüchtigen Rosário (Alexander David), mit dem Tonia eine stetig am Abgrund balancierende Beziehung führt.

Trailer
 

Kritiken Am äußersten Rand der Wirklichkeit

Soldaten im Wald tragen zur Tarnung ein kleines Gebüsch auf dem Kopf. Es ist dunkel, sie pirschen durch die Nacht, zwei absentieren sich, haben Sex. Dann stoßen sie im Wald auf ein Haus, darin machen zwei Drag Queens mittleren Alters Klaviermusik mit Gesang. Der eine Soldat legt das Gewehr auf die beiden an, der andere schiebt den Lauf in letzter Sekunde zur Seite und erschießt den ersten Soldaten. Dann macht der Film einen Sprung, es wird nicht der letzte sein.

Wir sind nun bei Tonia (Fernando Santos), einer anderen Drag Queen mittleren Alters, im Garten. Tonia liebt Rosário (Alexander David), der ist halb so alt wie sie und ein Junkie. Sie vermisst Wertgegenstände und vermutet, Rosário habe sie ihr geklaut. In Wahrheit trägt, was man viel später erfährt, Agustina die Schuld, die kleine Terrierhündin, die Tonia mindestens so sehr wie ihren Rosário liebt. Irene, die beste Freundin von Tonia, besucht einen Arzt, der ihr mithilfe eines gefalteten Stücks Papier sehr anschaulich erklärt, wie man die primären Geschlechtsmerkmale des Mannes in die primären Geschlechtsmerkmale der Frau umoperiert. Tonia, ein biologischer Mann mit Silikonbrüsten, schreckt vor der Operation zurück, aus Gründen der Religion. Sie trägt ein goldenes Kreuz um den Hals und betet inbrünstig zu dem Gott, der sie aber doch falsch schuf.

"To Die Like a Man", der dritte Film des portugiesischen Regisseurs João Pedro Rodrigues, zieht merkwürdige Schleifen. Motive kehren wieder, oft seltsam verwandelt. An das Gebüsch auf dem Kopf der Soldaten erinnert der überbordende Kostümschmuck, den Tonia in den Drag-Queen-Shows trägt, als deren alternder Star sie ihren Lebensunterhalt verdient. Der Soldat des Beginns erweist sich später als Sohn Tonias aus einem früheren Leben. Auch zu den Transvestiten in ihrem Haus im verwunschenen Wald geht es zurück. Ein fantastischer Ausflug ist das, die tollste Wendung dieses an tollen Wendungen reichen Films. …

Ekkehard Knörer, taz     



Silikon und Tränen
Wie gerne würde ich in der Mehrzahl leben, ich möchte viele sein«, heißt es in dem von Tonia gesungenen Fado-Lied. Die Melodie bringt auf gänzlich unwehleidige Art eine Sehnsucht zum Ausdruck, die sich im Leben der alternden Drag-Queen nicht erfüllen lässt. Ihr junger Liebhaber Rósario, mit dem sie in ein kompliziertes Abhängigkeitsverhältnis verstrickt ist, das in seiner schmerzhaft sezierenden Darstellung an die Filme von Fassbinder erinnert, möchte, dass aus ihr endlich eine »richtige Frau« wird. Doch Tonia (Fernando Santos), die früher Antonio hieß und sich über die Jahre mit Hilfe von Hormonen und plastischer Chirurgie fast vollständig in ihre Bühnenfigur verwandelt hat, kann sich zu diesem allerletzten Schritt nicht durchringen. Während ihr Arzt über die Geschlechtsumwandlung spricht, als handele es sich dabei bloß um »das Filetieren eines Steaks«, fürchtet Tonia, damit ein Verbrechen gegen Gott zu begehen. Sie ist in einem einsamen, mitunter quälenden Zwischenzustand gefangen, den sie erst am Ende des Films – der Titel deutet es an – aufzugeben bereit ist.

Der portugiesische Regisseur João Pedro Rodri­gues erzählt in seinem dritten Spielfilm – nach »O Fantasma« (2000) und »Two Drifters« (2005) – die Geschichte eines langsamen Abschieds.  …

Esther Buss, jungle-world   


Anhalt am Irdischen

Wie man sich an einen Film erinnert, ist nicht im Voraus berechenbar. Auch oder gerade dann, wenn er mit Intensitäten großzügig ausgestattet ist: Momentan überwältigt, besinnt man sich später nicht selten eines Besseren. Im vollen Bewusstsein dieser Schwierigkeit geht der Rezensent - keine zehn Minuten nach dem Ende des Films - jede Wette ein: Joao Pedro Rodrigues' "Morrer Como Um Homem" verursacht bleibende Erinnerungen.

Schon die Eröffnung dieser episodisch voranschreitenden Erzählung um die alternde Drag Queen Tonia stellt den ungebrochenen, ja ungestümen Gestaltungswillen heraus, der den ganzen Film auszeichnet. Soldaten streifen durch einen nächtlichen Wald, ihr Zweck ist geheimnisvoll. Zwei unter ihnen, die sich vom Rest der Gruppe entfernt haben, tauschen erst Zärtlichkeiten aus und geraten dann in Streit. Ein Schuss fällt. Das klandestine Geschehen ist undurchsichtig nicht nur seinem Sinn nach, sondern auch durch das dichte Gestrüpp hindurch, das die Sicht darauf erschwert. Für die Mühe, den langsamen Fahrten durch die Dunkelheit, aus der vereinzelt, zwischen zwei Ästen, ein Gesicht oder ein Unterarm hervorlugen, den Beginn einer Geschichte abzutrotzen, ist das betörende Chiaroscuro dieser Nacht Belohnung genug.

Es gehört zu den erinnerungswürdigen Qualitäten von "Morrer Como Um Homem", dass mit dieser Beschreibung so gut wie nichts gesagt ist. Vielleicht so: Rodrigues wird in den nächsten zwei Stunden nichts unversucht lassen. Er wird von einer Tonalität in die andere springen und von einer Szene zur übernächsten. Er wird das Bild beherrschen, aber auf so unerwartete und ständig neue Weise, dass die bis zur Pedanterie gewollten Bildkompositionen an keiner Stelle in Erstarrung münden. Er wird disparate Motive so dicht ineinander weben, dass am Schluss nicht mehr einwandfrei zu klären ist, was zuerst war: Transsubstantiation oder Geschlechtsumwandlung…

Nikolaus Perneczky, Perlentaucher   




“To Die Like a Man,” a ruminative exploration of gender identity, desire and aging, begins with a close-up of a young man’s face being daubed with camouflage paint by a fellow soldier in preparation for a training mission. For the rest of this melancholic film by the Portuguese director João Pedro Rodrigues that image lingers as a mental double exposure with the visage of the movie’s protagonist, Tonia (Fernando Santos), a fading drag queen in 1980s Lisbon. The war paint and makeup worn by Tonia, who appears in various stages of drag, are both disguises.

For one seemingly endless moment the film stops in its tracks. The screen turns rose colored, and the characters, barely stirring, contemplate a song heard on the soundtrack as though they were gazing at a stage. You have the sense that they realize with a special insight the meaning of the expression life is but a dream. 


Stephen Holden, NYT   

1 Kommentar:

  1. João Pedro Rodrigues is actually in Berlin now until 5th.
    What a pity... i think he would like to join it

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