Dienstag 7.2.2012
20.30 Uhr
Dokument | Fiktion. Beobachten | Erzählen. Bild | Text. Nach Friedls Langfilm HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? haben uns weitere Filme interessiert, in denen quasi registrierender Blick auf eine wilde Texterzählung trifft, dokumentarisches Material durch die Spezialeffekte des Mediums geformt und manipuliert wird.

Montage von dokumentarischem Rohmaterial des «Breakdance Nr.2». Der Blick bleibt auf den Jugendlichen hängen, die sich in Gruppen um das ansammelten. Die zufällige Entdeckung wird zur detaillierten Studie. Das Video wird schließlich von einer Erzählung in der ersten Person aus dem Off ergänzt.
„Ich bin auf eine Kirmes gegangen und habe experimentelle Videoaufnahmen gemacht, begeistert von den Lichtern und Farben dort. Bei Aufnahmen an einem besonders farbenprächtigen Fahrgeschäft waren ständig die herumstehenden Jugendlichen in meinem Bild, was mich zunächst ärgerte, ich aber auch nicht ganz vermeiden konnte. Doch mehr und mehr begann mich dieses Bild zu faszinieren und ich merkte, dass ich da in eine Welt schaue, die mir einerseits total fremd, irgendwie aber auch sehr bekannt vorkam und von der ich mehr wissen wollte. Das war so ein spezielles Fahrgeschäft, ein Szenetreffpunkt für Jugendliche, einer, na ja, etwas härter ausgerichteten Jugendszene. Es gab ständig Schlägereien und die Stimmung war angespannt und aggressiv.
Der auf diese Weise entstandene Film BREAKDANCE wurde schließlich für mich sehr wichtig, da er mir recht viel Aufmerksamkeit und positive Resonanz eingebracht hat, aber für mich wusste ich, dass ich die sichere Position des distanzierten Betrachters aufgeben und mit den Leuten direkt in Kontakt treten musste.“ (Martin Brand)
Martin Brand, geboren 1975 in Bochum, ist Video- und Fotokünstler, arbeitet installativ, zeigt seine Arbeiten aber auch auf Film- und Medienkunstfestivals. Diverse Auszeichnungen und Stipendien seit 2000. Lebt in Köln. www.martinbrand.net.
II. KNITTELFELD von Gerhard Friedl (Regie, Buch, Schnitt)| DE 1997, 35 Minuten | Kamera: Rudolf Barmettler | Förderpreis der Deutschen Filmkritik (Bester Dokumentarfilm 1997)
Knittelfeld ist eine typisch österreichische Kleinstadt in der Steiermark, bis sich 1977 hier die Familie Pritz niederlässt, denn kurze Zeit später werden Hugo, Herbert, Dieter, Peter, Hannah und Karl Pritz alle wegen verschiedener Tötungsdelikten verurteilt.
„Die tatsächlichen Tatbestände und die öffentliche Meinung darüber beginnen sich zu überlagern, faktische Wahrheit und deren Gehalt fallen auseinander, und so verhält es sich mit diesem Film, der nicht die Geschichte der Stadt Knittelfeld schreibt, sondern die Geschichte einer Stadt wie Knittelfeld: Das Historische findet auf den Seiten des Chronik-Ressorts statt.“ (Bert Rebhandl)
Gerhard Friedl (1967-2009) hat Filmregie an der HFF München studiert. Abschlussfilm war der vielfach ausgezeichnete HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? (2004), neben KNITTELFELD die einzige abgeschlossene Filmarbeit Friedls.

III. ALLES WAS WIR HABEN von Volko Kamensky (Idee, Realisierung, Produktion, Sprecher) | DE 2004, 22 Minuten | Real-Sound-Synthesis: Julian Rohrhuber
„Der Verlust von Historie, die Unzufriedenheit mit dem Zeitgenössischen und die reale Ödnis auf den Straßen und Plätzen Rotenburgs sorgen dafür, dass auf dem 8mm-Film ein Ort zu sehen ist, der Schwierigkeiten hat, Raum zu werden. Kamensky weiß das und er leidet mit Rotenburg. Mittels 5-Kanal-Ton, über den am Computer komplett synthetisch erzeugte Atmos und Hintergrundgeräusche über den Film gelegt werden, wird den Panoramaschwenks der Kamera jenes Leben eingehaucht, das in der Realität nicht zu filmen war. Die Geräusche sind von Julian Rohrhuber ohne Samples oder Soundsoftware am Computer generiert und beschreiben, was Kamensky glaubt, gehört zu haben. Wie ein Herzschrittmacher hauchen die Computersounds den Bildern aus Rotenburg das durch Brand verlorene Leben wieder ein.“ (Kai Hoelzner)
Zwischenfrage aus dem Publikum: Ist die „Story“ vom mehrfach abgebrannten Heimatmuseum, die erzählt wird, da nicht eher eine unnötige Ablenkung vom komplexen Tonkonzept? Aber nein, so Kamensky – „Anliegen“ sei ja gewesen, auf die Not der Rotenburger hinzuweisen... Diese „Not“ besteht darin, dass das Heimatmuseum und mit ihm vermeintlich Geschichte und Linearität immer wieder verschwinden, sich auflösen. Der Ton solle die Problematik auf den Dokumentarfilm übertragen. So wie ein Heimatmuseum letztlich keinen direkten Zugang zur Geschichte hat, hat auch der Dokumentarfilm keinen direkten bzw. verlässlichen Zugang zur Wirklichkeit. (Diskussionsprotokoll Duisburger Filmwoche 2004)
Volko Kamensky, geboren 1972, lebt und arbeitet als Filmemacher, bildender Künstler und Szenenbildner (u.a. MONTAG KOMMEN DIE FENSTER, ALLE ANDEREN) in Hamburg. Begründer des „cinéma hyper-vérité“ (was das ist, ist im Internet nicht zu recherchieren).

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